Nr. 39/2015 vom 24.09.2015

Tonlos durchs Universum der Geräusche

In Aarau erweitert Christian Marclay Pop Art mit Collagen und Installationen zum multidimensionalen Erlebnis. Im Zentrum steht die Onomatopoesie, die sprachliche Auseinandersetzung mit Klang und Toneffekten.

Von Fredi Bosshard

Christian Marclay: «Aaaaahhh!», 2006. 76,2 × 217,2 cm. Collection Christian Marclay, courtesy The Artist and Paula Cooper Gallery, New York

Seifenblasen wirbeln im Sonnenlicht des Atriums herum, das von den Ausstellungsräumen des Aargauer Kunsthauses in Aarau gerahmt wird. Es sind fragile Kugeln in unterschiedlichen Grössen, ausgespuckt in grosser Zahl von einer Maschine, transparent schillernd in zarten Farben. Sie steigen schnell und sinken langsam, tanzen eine dreidimensionale Partitur in den Raum und enden dann mit einem unhörbaren Plopp auf dem Steinboden. «Soap Bubbles» entstand 1997.

In den Arbeiten des zwischen London und New York pendelnden Künstlers Christian Marclay, der in Genf aufgewachsen ist, spielt immer irgendwo im Hintergrund die Musik. Anfang der achtziger Jahre ist er im Umfeld der New Yorker Avantgarde um John Zorn, David Moss und Elliott Sharp als Turntable-Artist und -Pionier aufgetaucht. Er hat sich mit seinen experimentierfreudigen, wilden Scratches problemlos in die Szene eingefügt. Parallel zur Musik entstanden visuelle Arbeiten, oft mit Schallplatten und Covers im Zentrum.

Erinnert sei hier an die Ausstellung «Footsteps» von 1989, als er den gesamten Boden der Zürcher Shedhalle mit fabrikneuen Vinylplatten auslegte. An der Vernissage traute sich anfänglich kaum jemand, auf das ungeschützte Vinyl zu treten. Als es dann doch geschah, verwandelten die BesucherInnen durch Fuss- und Kratzspuren das Vinyl in Unikate. Auf der bespielten Seite waren sinnigerweise die Geräusche eines Stepptänzers zu hören.

Fundsachen aus dem Alltag

Sounds und Geräusche erfüllen die Luft im Aargauer Kunsthaus, obwohl in der Ausstellung mit dem Titel «Action» absolute Ruhe herrscht. Sie stellt Marclays Auseinandersetzung mit lautmalerischen Worten, der Onomatopoesie, ins Zentrum. Den Soundtrack zu den rund 120 gezeigten Arbeiten aus allen Schaffensperioden des Künstlers liefern die ausgestellten Bilder, Malereien, Collagen, Fotografien, Videos und Installationen. Zum Klingen bringen können ihn die BesucherInnen nur in ihrem Kopf.

Musik kann man schon in der ersten Serie von abstrakten Bildern erahnen. Die Bilder erinnern an solche des Action-Painters Jackson Pollock oder scheinen aus einer psychedelisch angehauchten Periode der sechziger und siebziger Jahre zu stammen. Marclay hat den sechzehnteiligen Zyklus «Abstract Music» zwischen 1988 und 1990 geschaffen. Es sind mit Acryl, Emaille und Sprayfarben übermalte Schallplattencovers, die in seltenen Fällen Teile der ursprünglichen Grafik durchschimmern lassen oder bei denen nur der schmale Rücken lesbar bleibt. In einem Interview von 1991 erzählt er, dass er in den Bildern, die auch durch Rahmen und Glas vom Plattenumschlag zum Kunstwerk werden, den Stil des Originalcovers aufgenommen habe.

In Marclays Arbeiten haben Fragmente und Fundstücke immer eine grosse Rolle gespielt. Er hat nicht nur in seiner Musik mit Schallplatten «gesampelt», sondern diese Technik auch auf der visuellen Ebene angewendet.

In der zehnteiligen Serie «Onomatopoeia» von 2006 fügt er verschiedene Ausrisse aus Comicheften mit lautmalerischen Zeichen zu neuen Bildgeschichten. Die anschliessend in starker Vergrösserung gedruckten Bilder machen die Rasterpunkte deutlich sichtbar und erinnern an den Maler Roy Lichtenstein, der Anfang der sechziger Jahre mit bekannten Comicmotiven zu arbeiten begann.

Für die digitale Diaprojektion «Zoom Zoom», die zwischen 2007 und 2015 entstand, hat Marclay onomatopoetische Wörter zusammengetragen, wie sie in unserem Alltag vorkommen. Es sind poppige Verpackungen von Süssigkeiten und Waschmitteln, Aufdrucke auf T-Shirts, Hosen und Geschirr; Beschriftungen von Autos, Bars und Cafés wechseln sich ab: «Crunch, Splash, Vroom, Zoom, Wham, Bada Bing, Bling!»

Tanz der Comicbilder

Action entsteht, wenn man der zwanzig Meter langen Glasvitrine entlangschlendert, in der «Manga Scroll» von 2010 ausgerollt liegt. Auf dem vierzig Zentimeter breiten Streifen ziehen lautmalerische Worte wie «Swoosh, Whoosh, Smak, Skreee, Skrunch …» an den BetrachterInnen vorbei. Die schwarz-weissen Worte wirken, zusammen mit den Linienmustern, wie eine comicartige, lesbare Tonspur. Sie verzweigt sich, wird schmal und leise, beginnt zu hüpfen, macht wilde Sprünge, verbreitet sich wieder und verdichtet sich zu Eruptionen: «Swoosh, Spoing, Swak, Wish, Ka-doom!» Erstaunlich auch, welche Wirkung dabei die unterschiedlichen Typografien und Schriftgrössen entwickeln, wenn die imaginäre Musik zu spielen beginnt und zum Comicsoundtrack wird.

Richtig Action gibt es dann in «Surrounded Sounds» von 2014. In einem quadratischen Raum werden Projektionen so auf alle vier Wände geworfen, dass sie zu einem raffiniert choreografierten Tanz werden. Ein einsames Zeichen huscht den Boden entlang, vervielfacht sich und wird zum seriell angelegten Muster, Farbe wechselt zu Schwarzweiss, horizontale, vertikale und schräge Bildfolgen überschneiden sich, werden zum rasenden Film. Stroboskopblitze verwirren die Sinne, Kanten und Ecken lösen sich auf, die BetrachterInnen werden selbst zur Projektionsfläche. Ohne Ton entsteht ein ohrenbetäubender Lärm, onomatopoetische Laufschriften sägen durchs Gehirn, lösen sich in einem stehenden Wandbild auf und gehen dann wieder in meditative Ruhe über.

Im 21 Sekunden dauernden Videoloop «Fast Music» von 1982 sieht man Christian Marclay eine Schallplatte verschlingen. Musik und Geräusch hat er schon früh in allen Formen verinnerlicht.

Die Ausstellung «Action» von Christian Marclay im Aargauer Kunsthaus in Aarau dauert noch bis zum 15. November 2015. www.aargauerkunsthaus.ch

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