Nr. 45/2011 vom 10.11.2011

Die Sammlung dekonstruieren

Das passiert nicht alle Tage: Das Bündner Kunstmuseum thematisiert seine Platznot mit einer Ausstellung – und erhält eine sagenhafte Spende, um den Erweiterungsbau zu realisieren.

Von Eva Caflisch

«Platznot – Platzwechsel» hätte eine Propagandaveranstaltung des Bündner Kunstmuseums in Chur an die Adresse von Mäzenen, Sponsorinnen und Politikern sein sollen, denn für den längst nötigen Erweiterungsbau fehlten die Mittel. Dazu brachte Konservatorin Katharina Ammann «die Sammlung in Bewegung», wie es im Untertitel heisst. Sie hängte, unterstützt von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Nicole Seeberger, manches um und brachte vieles aus dem Depot ans Tageslicht. Nun erleben die BesucherInnen eine Sammlungsausstellung, zu der nebst «ungewöhnlich», «originell» und «anregend» auch das Adjektiv «schräg» passt.

6699 Katalognummern umfasst die Churer Sammlung, jährlich kommen rund 150 dazu. Gleichzeitig ausstellen kann man nur drei Prozent der Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen, Grafiken, Videos und Fotos. Eine Erweiterung ist dringend, da das Gebäude für Wechselausstellungen zu klein ist.

Doch dann ereignete sich noch vor der Vernissage Überraschendes: Der Kanton erhielt eine Schenkung von zwanzig Millionen Franken – für den Museumsausbau. Ein Geburtstagsgeschenk, das sich Henry Carl M. Bodmer, sehr gut betuchter, aber auch spendabler Investor aus Zürich mit Ehrenbürgerrecht in Flims, zum 80. Geburtstag gemacht hatte.

Ein grosser Wandel steht bevor

Damit bekam die 2007 begonnene Planung eines Erweiterungsbaus den nötigen Schub. Schon im Januar 2012 werden achtzehn Architekturbüros, die vom Preisgericht aus achtzig Bewerbungen zum Wettbewerb eingeladen sind, ihre Projekte einreichen. Gleichzeitig arbeitet die Regierung die Botschaft über den Baukredit aus und legt sie dem Bündner Grossen Rat bereits im Frühling vor. Mit der Schenkung sind rund zwei Drittel der Finanzierung gesichert.

Im September ist der bisherige Museumsleiter Beat Stutzer nach drei Jahrzehnten in Pension gegangen und hat den Stab an Stephan Kunz übergeben. Als Vizedirektor war dieser massgeblich am Erweiterungsbau des Aargauer Kunsthauses beteiligt. Dass ein Neubau auch in Chur anstehe, sei mit ein Grund für seine Bewerbung gewesen, sagt Kunz. Jetzt gehe es darum, den Charme der Villa Planta zu erhalten und gleichzeitig das Museum auf den heutigen technischen Standard zu bringen, um ihm so zusätzliches Potenzial zu geben.

Spannungspotenzial besitzen auch die inszenierten Gegenüberstellungen in der Villa Planta, die noch bis zum 20. November zu sehen sind. So hat etwa das grossformatige Selbstporträt der 1741 in Chur geborenen Malerin Angelica Kauffmann seinen angestammten Platz zwischen den Fenstern verlassen und tritt mit dem «Mary Quant»-Video der zeitgenössischen Künstlerin Zilla Leutenegger in einen Dialog.

Im Untergeschoss der Villa stehen zwei Bilder von Giovanni Giacometti zum Thema «Heuen» im Austausch mit der Videoarbeit «Partnun» des Bündner Künstlerduos Gabriela Gerber und Lukas Bardill, das Heuernten im Prättigau von heute zeigt. Vom Humor der Ausstellungsmacherinnen zeugt eine andere Gegenüberstellung – jene von Alberto Giacomettis Figur «Buste de Silvio» mit Meret Oppenheims «Ohr von Giacometti» und Hannes Vogels Schlüsselskulptur «So etwas wie ein Zugang zu Giacometti».

Das Zentrum wird zur Leerstelle

Im Sulserbau, wo jeweils die Wechselausstellungen stattfinden, haben Ammann und Seeberger noch wilder gemischt: Auf der grössten Wand versammeln sie zahllose Porträts zu einer Collage, Zeitgenössisches und Historisches. Vertreten sind verschiedene Bündner Kunstschaffende wie der Maler und Bildhauer Robert Indermaur, Augusto Giacometti mit seinem berühmten Selbstporträt, Max Seiler und Menga Dolf. Mit Albrecht Schniders «Kopf farbig» – ohne Gesicht – wird das Zentrum zur Leerstelle.

Gegenüber der zweidimensionalen Porträtlandschaft stehen auf einem künstlichen Berg Figuren und Köpfe, einige sind von Alberto Giacometti. Auch hier ist vieles zu entdecken – etwa, dass im Depot nicht nur Schätze lagern. Der Raum, der AusstellungsmacherInnen am meisten abverlangt, das Untergeschoss im Sulserbau, ist diesmal ein Höhepunkt: Mit Lichteffekten haben ihn Ammann und Seeberger in einen mythischen Ort der Düsternis und des Kampfs verwandelt.

Zur Sammlungsausstellung ist eine Publikation erschienen, die das Thema «Platznot» vergegenwärtigt: Alle gesammelten KünstlerInnen erscheinen Weiss auf Rot mit Namen, die ausgestellten Werke schwarz-weiss, mit Depotnummer. In einem finalen Akt als Museumsleiter schliesslich hat Beat Stutzer den gesamten Bestand ins Internet stellen lassen.

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