Nr. 41/2008 vom 09.10.2008

Das traute Heim der Armut

Der norwegische Fotograf Jonas Bendiksen bricht mit dem stereotypen Bild der Slums und ihren BewohnerInnen und zeigt Nahaufnahmen, die überraschen.

Von Silvia Süess, Oslo

«Ich weiss nicht, wie du mein Haus findest, aber ich finde es wunderschön. Ich schätze es, auch wenn es klein ist», sagt Andrew Dirango. Seine Stimme erfüllt den drei auf drei Meter kleinen Raum im Nobelpreiszentrum in Oslo, an dessen Holzwände das Innenleben seiner Einzimmerwohnung projiziert wird. Blau sind die Wände, eine gemusterte Polstergruppe steht in einer Ecke. Auf einem Tischchen dahinter läuft ein kleiner Fernseher, darauf steht ein Bild mit der Inschrift: «Don’t just sit there, do something.» («Bleib nicht einfach da hocken, tu was.») In einem Sessel sitzt Andrew Dirango, in einem zweiten eine Frau. Hinter ihr hantiert eine weitere Frau in einer Küchennische, die mit Vorhängen vom Wohnzimmer abgetrennt werden kann. Andrew Dirango lebt in Kibera, dem grössten Slum von Nairobi (siehe auch Woz Nr. 36/07).

Die Projektion von Dirangos Wohnung ist Teil der Ausstellung «The Places We Live» des norwegischen Fotografen Jonas Bendiksen, die in Oslo zu sehen ist. «Die Grundidee des ganzen Projektes ist es, mit der üblichen Stereotypisierung der Slums und der Slumbewohner zu brechen», sagt der 31-jährige Fotograf im Gespräch. «Noch immer denken die meisten Leute an Mord, Totschlag, Dunkelheit, Schmutz und Gewalt, wenn sie an Slums denken.» Dies habe mit der einseitigen Darstellung der Elendsviertel in den meisten Medien zu tun: «Wenn Journalisten über das Leben im Slum schreiben, fokussieren sie stets auf das Negative. Auch die meisten Fotos von Slumbewohnern sind klischeehafte Bilder, die die armen, leidenden Menschen auf schönen Glanzfotos zeigen.» Er ärgert sich über diese einseitige Darstellung, die nur zu einem kleinen Teil der Realität entspricht: «Ungefähr eine Milliarde Menschen lebt heute in Slums, demzufolge existiert da auch eine riesige Anzahl von unterschiedlichen Lebensformen und nicht nur eine. Das möchte ich mit meinen Fotografien zeigen.» Von 2005 bis 2007 besuchte er Slums von vier verschiedenen Städten und lebte teilweise dort: In Nairobi, in Bombay, in Caracas und in Jakarta.

Alle vier Wände

Dort fotografierte er stets auf dieselbe Art und Weise Familien in ihren Wohnungen: Sie sitzen oder stehen vor ihren vier Wänden, von denen Bendiksen jede einzelne aufgenommen hat. In der Ausstellung werden die vier Bilder an die Wände eines engen Raums projiziert, womit eine Rundumansicht des Wohnraums in Originalgrösse entsteht. Für jede Stadt gibt es einen Raum, die Bilder wechseln alle paar Minuten. Zusätzlich zu den Bildern tönen aus einem Lautsprecher die Stimmen der Porträtierten, die aus ihrem Alltag erzählen.

So zum Beispiel Asanah aus Jakarta, Indonesien, die mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in einer hüfthohen Behausung aus Kartonschachteln sitzt: «Mein Mann hat diesen Raum in nur zwei Tagen gebaut. Er steht unter der Gedong-Panjang-Brücke. Er hat auch all die Sticker hier hingeklebt. Auch wenn wir unter der Brücke leben, mag ich es, Dekorationen zu haben.» Die Kartonwände sind vollständig zugeklebt mit Siemens- und Dunlop-Sticker. Zwei gerahmte Fotografien zieren die Wand, in der Ecke steht ein Schulheft mit der Zeichnung eines grossen Giebeldachhauses. Fährt ein Lastwagen über die Brücke, wird die ganze Familie durchgeschüttelt; der Fluss ist eine konstante Bedrohung: «Wenn die Flut kommt, sammeln wir schnell unsere Sachen zusammen und bringen alles auf die Brücke. Dort bleiben wir, bis der Wasserpegel sinkt.»

Edel wirkt dagegen die Wohnung der Familie Silva aus Caracas, die gar nicht dem gängigen Bild einer Slumwohnung entspricht: Die gelb gestrichenen Wände sind vollständig behangen mit goldgerahmten Fotos, Porzellanmasken, Porzellanhäuschen und Tierfellen. Auf einem Glastisch steht Minni Maus neben Winnie the Pooh, Hello Kitty und anderen Kitschfiguren, dahinter leuchtet ein dekorierter Weihnachtsbaum. Auf einem roten Polstersessel sitzt Frau Silva, auf der Seitenlehne ihre Teenagertochter, beide in rotem Kleid. Auf einem anderen roten Sessel sitzt ein kleines Mädchen, zu ihren Füssen ihre noch kleinere Schwester. Herr Silva steht im Türrahmen, hinter ihm sieht man in die Küche. Der braune Keramikplattenboden glänzt. «Dies war ursprünglich eine Hütte mit Kartonwänden», erzählt Herr Silva, «meine Frau und ich bauten es langsam zu dem, was du nun siehst.»

Jonas Bendiksen: «Viele Leute sind erstaunt, wenn sie die Bilder der - im Verhältnis zu Jakarta - gut eingerichteten Häuser der Slums in Caracas sehen.» Doch in Caracas sei die Gewalt omnipräsent und schränke die Lebensqualität der Leute extrem ein. So war das Fotografieren und Interviewen für ihn in Caracas am schwierigsten: Er musste mit mehreren Informanten und Übersetzern arbeiten, da es den BewohnerInnen wegen der Bandenkriege kaum möglich ist, das Nachbarquartier zu besuchen.

Jeder Slum ist anders

Bendiksen fotografierte in vier Slums, die von ihrer geografischen, sozialen und räumlichen Struktur her völlig unterschiedlich sind. «Die Uno kennt eine offizielle Definition von Slum, doch ich wollte mit meiner Arbeit zeigen, dass es nicht einfach den Slum gibt.» Laut einer Definition, die auf einem UN-Treffen in Nairobi im Oktober 2002 offiziell angenommen wurde, ist ein Slum eine überfüllte, ärmliche beziehungsweise informelle Siedlung, deren BewohnerInnen kaum oder keinen angemessenen Zugang zu Trinkwasser und sanitären Einrichtungen haben und in der die Verfügungsgewalt über Grund und Boden nicht geklärt ist. Der grössere Teil der Menschheit lebt heute nicht mehr auf dem Land, sondern in Städten. Laut der UN-Studie «The Challenge of Slums» aus dem Jahre 2003 wohnen 32 Prozent der StadtbewohnerInnen in Slums, die schneller wachsen als die Städte selber. Jeder sechste Mensch wohnt heute in Shantytowns, Armenghettos oder Favelas. Gerade deswegen findet Bendiksen die Auseinandersetzung mit den Elendsvierteln der Welt wichtig: «Slums sind die am schnellsten wachsende Wohnquartiere der Welt; wir können und dürfen sie nicht einfach ignorieren.»

Der Wunsch nach Normalität

Sein Projekt «The Places We Live» startete Jonas Bendiksen in Kibera, da er den Ort von einer früheren Auftragsarbeit her kannte. Er mietete sich für mehrere Monate eine Wohnung und lebte sich in die neue Welt ein. Zuerst sei er schon ein bisschen komisch angeschaut worden, die Leute wunderten sich, was der weisse Mann da zu suchen habe. Doch die NachbarInnen hätten sich schnell an ihn gewöhnt, ihn respektiert und nachbarschaftliche Freundschaften seien entstanden. «Die erste Person, die ich fotografierte und interviewte, war Andrew Dirango, und ich war erstaunt, wie positiv er über sein Leben erzählte; ich hatte viel mehr Pessimismus erwartet. Als ich seine Wohnung betrachtete, realisierte ich plötzlich, wie gross die menschliche Fähigkeit ist, sich ein möglichst schönes Heim einzurichten und Normalität zu schaffen. Dem wollte ich nachgehen.»

In den vier Städten schoss er über 30 000 Fotos. Er sei selber völlig erstaunt gewesen, wie einfach die Kontaktaufnahme mit den Menschen war: «Viele Leute kamen auf mich zu und wollten mir ihr Zuhause zeigen.» Da er die vier Städte mehrmals besuchte, brachte er den Porträtierten jeweils ihre Fotos mit. Und meistens gab er ihnen am Ende der Arbeit als Dankeschön ein kleines Geschenk, etwas, von dem er wusste, dass sie es brauchen konnten. «Natürlich kann man darüber diskutieren, ob das korrekt ist. Allerdings hatte ich ihnen vorher nie etwas versprochen. Die Fotos waren also nie an die Geschenke gekoppelt.» Auch über die Frage, ob es nicht verwerflich sei, mit der Armut anderer zu Geld und Ruhm zu kommen, könne man diskutieren. Doch habe er nicht das Gefühl, die Leute für etwas zu instrumentalisieren, und somit habe er auch kein schlechtes Gewissen: «Ich beziehe die Menschen in meine Arbeit ein. Aber natürlich war es schon seltsam, zu wissen, dass ich einfach wieder nach Oslo zurückgehen und mein komfortables Leben führen kann.»

«Erzähl etwas aus deinem Leben», hat Bendiksen alle Porträtierten aufgefordert und so die unterschiedlichsten Geschichten zusammengetragen. Zu lesen sind sie im Buch «The Places We Live», in dem auch die Fotos zu sehen sind. «Dharavi ist der Himmel für mich», sagt da beispielsweise Amit Singh über den Slum in Bombay, in dem etwa eine Million Menschen wohnen. «Auch wenn ich aufgefordert würde, Dharavi zu verlassen - ich könnte es nicht. Hier sind alle meine Erinnerungen, und vor allem ist Dharavi ein sehr schöner Ort.» Und Nagamma Shilpiri erzählt über ihr Leben am selben Ort: «Es gibt viele Probleme hier: Der Platz ist nicht gross genug für uns, wir schlafen einen über dem anderen. Wenn es regnet, füllt sich das ganze Haus mit Wasser. An einem Tag essen wir, an einem anderen Tag schlafen wir hungrig ein.»

Er versuche, die Normalität, das Alltägliche in ihrem Leben einzufangen, sagt Bendiksen. Und auch wenn dieses Alltägliche für unsere Augen nicht alltäglich ist, wirkt es auf Bendiksens Bilder nicht irritierend oder abstossend. Seine Fotos zeigen keine mitleiderregenden SlumbewohnerInnen, es fehlt die so häufig in Fotos und Berichten vorherrschende Mischung aus Faszination und Ekel. Auch kippen sie nicht ins andere Extrem, in die romantisierende Darstellung der Armut. Bendiksen fotografiert schlicht seine Nachbarn in ihren vier Wänden, wenn sie diese denn überhaupt haben. «Du weisst nie, was passieren wird. So ist das im Ghetto. Ich kann nicht sagen, ob es ein schlechtes oder ein gutes Leben ist», sagt Andrew Dirango aus Kibera. Diese Ambivalenz hat Bendiksen eingefangen.

Fotograf der vergessenen Orte

Bendiksen fotografiert, seit er fünfzehn Jahre alt ist. «Dass ich Fotograf wurde, war nicht wirklich eine Entscheidung, es war mehr die logische Fortsetzung von all dem, was ich gemacht hatte», sagt er. Stets wichtig sei für ihn die Musik. So spielt er noch heute in einer Band und findet da immer wieder Inspiration für seine Fotografien. Mit neunzehn Jahren absolvierte er ein Praktikum im Londoner Büro der Fotografenagentur Magnum (vgl. unten) und seit 2006 ist er als erster Norweger Mitglied der renommierten Agentur.

Er habe sich schon immer für Enklaven interessiert, sagt Bendiksen, und für Orte und Menschen, die von den FotografInnen und JournalistInnen vernachlässigt würden. Vor der Realisierung des Projekts «The Places We Live» hat er während sieben Jahren mehrmals verschiedene Gebiete der ehemaligen Sowjetunion bereist und abgelegene Orte, einsame Menschen und vergessene Überbleibsel des Regimes fotografiert. Aus diesen Fotografien und Texten entstand das Buch «Satellites». Orte in Georgien, die er fotografiert hatte, gelangten diesen Sommer durch den Krieg plötzlich ins Blickfeld der Medien. Doch er reist nicht mehr hin: «Wo die Massenmedien sind, dort möchte ich nicht sein. Da hätte ich das Gefühl, nutzlos zu sein. In meinen Projekten beschäftige ich mich mit Waisenkindern der Medien.»

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