Nr. 42/2008 vom 16.10.2008

Aus Liebe sterben

Schon der Titel bringt den Grundtenor auf den Punkt: «Die Liebe ist doch sehr überschätzt.» Die französische Autorin wirft einen desillusionierten Blick auf das Liebesleben der europäischen Wohlstandsbourgeoisie.

Von Johanna Lier

Es ist wohl so. Die Idee, die man von der Liebe hat, entspricht in keiner Weise dem, was sich in der Wirklichkeit zu ereignen pflegt. Was ist nun falsch? Die Idee oder der Mensch, der immer nur in schmerzhaft erlebter Unvollkommenheit hinterherhinken darf? Und warum muss die hehre Vorstellung der Liebe gleichsam in der Mühle der Zeit zermalmt werden; warum zersetzt sich das ehemalige Liebesobjekt in einen Haufen unkoordiniert und sinnlos schlingernder Atome, die partout nicht so wollen, wie man es sich doch einmal gedacht hat? Eine Misere ist das, banal, trostlos und langweilig. Man sollte es sich selbst verbieten, sich jemals wieder zu verlieben, sich jemals wieder diesen kindischen Illusionen hinzugeben, wenn man es sich wieder mal so klar vor Augen führt.

Das unvermeidliche Ende

Und das tut Brigitte Giraud in ihrem neuen Buch «Die Liebe ist doch sehr überschätzt», das, knapp hundert Seiten dick, in einem monologischen Abgesang eine der fiesesten Sehnsüchte der Menschheit zu Grabe trägt. In elf Abschnitten, die sowohl eine Geschichte, ein Essay oder auch eine Kolumne sein könnten, erzählt eine weibliche Stimme, was sich im Innenleben einer Person abspielen muss, wenn die Liebe einfach so verschwindet, Eltern sich trennen, Ehemänner sterben, eine romantische Verliebtheit sich als One-Night-Stand herausstellt oder verehrte Stars sich als Frauenmörder entpuppen. Alles stirbt, vernichtet sich und schlittert seinem unvermeidlichen Ende entgegen. Es ist der Tod der Vorstellung von einer guten, durch sich selbst erlösten Welt.

Die Menschen, die hier in elf Abschnitten in unterschiedlichster Weise den Schmerz des Verlustes zu bewältigen suchen, sind in gewisser Weise austauschbar, seltsam charakterlos, wie auch die sprechende Stimme keine ausgeprägten Eigenheiten besitzt. Es sind nicht Individuen, die leiden, es ist der Mensch an sich oder, präziser gesagt, die Frau, es ist, wie wenn die Liebe als eigenständig sprechendes Subjekt ihr Scheitern an der Idee, die man sich von ihr macht, beklagte.

Jammern in Trauerzeiten

Hat man nicht auch schon einmal am Frühstückstisch darüber diskutiert, ob man das Bad ockergelb oder senfbraun streichen soll, obwohl man sich doch in der Nacht davor getrennt hat? Oder hat sich die geliebten, dichten, lang über den Rücken fallenden Haare ratzekahl abgeschnitten, um den Beginn einer neuen Lebensphase zu markieren, um dann gehetzt auf den Zeltplatz zu rasen - denn vielleicht ist sie ja zurückgekommen? Soll man fürs erste Date Rindfleisch kaufen oder, wenn man nicht weiss, ob der Mann nicht vielleicht Vegetarier ist, den Kompromiss mit Kalbfleisch machen? Wunderbar schön irrational! Oder hat man nicht auch schon einmal versucht, in Trauerzeiten die Balance zu finden, damit man den FreundInnen mit Klagen und Jammern nicht auf den Wecker geht, aber auch nicht durch frivolen Lebenswandel unter den Verdacht der Oberflächlichkeit oder Herzlosigkeit gerät?

In einer der schönsten Passagen im Buch erinnert sich die monologisierende Protagonistin, wie ihre Mutter empört, ja angeekelt den Fernseher ausgeschaltet hat, weil die Schauspielerin Bernadette Lafont kurz nach dem Unfalltod ihrer Tochter Pauline aufgetreten ist, um ihren neuen Film zu präsentieren. Und die erzählende Figur erkennt: «Damals wusste ich noch nicht, dass man leben, arbeiten und Witze machen und gleichzeitig dabei vor Trauer fast umkommen kann.»

Exemplarische Situationen

Es gibt keine Hoffnung. Kein Zögern, kein überraschender Blick, keine spontane Handlung, die einem beim Lesen die Illusion bescherte. Dass es doch noch einmal gut ausgehen könnte, sie sich finden, versöhnen, um sich dann wieder zu entfernen und zu trennen - dieses Spiel von Anziehung und Abstossung, das einen vor Spannung und Erregung den Atem anhalten liesse. Nein, nichts passiert, alles nimmt seinen Lauf, wie ein Gebet, das die Trauernden heruntermurmeln, um sich selbst zu trösten, denn warum eine Geschichte erzählen? Es ist vorbei. Und es lässt sich nicht ändern. Sein Gang, sein Verhalten, die Musik, die er hört, das vom Duschen nasse und nach hinten geklatschte Haar: Alles stört, und man reiht gebetsmühlenhaft Vorwurf an Vorwurf. «Denn die Geschichte ist eigentlich schon zu Ende, aber du weisst es noch nicht.»

In starken Bildern entstehen so exemplarische Situationen unseres alltäglichen Lebens. Der europäischen Wohlstandsbourgeoisie des beginnenden 21. Jahrhunderts, ihrer Befindlichkeit wird in einem Memorial gedacht, das in einer einfachen, aber präzisen Sprache scharf und genau Beobachtetes festhält. Kein unterhaltsames Buch liegt hier vor, auch kein poetisches. Aber eines, das einem immer wieder die eine oder andere Einsicht schenkt, Klarheit, wo früher bloss das diffuse Unbehagen plagte. Ah, ich verstehe nun endlich, möchte man ausrufen, aber allein, gescheitert an der Liebe, bleibt einem nur, sich auf den Schluss des Buches zu verlassen: «... weil ich es mir zur Gewohnheit gemacht habe, ganz allein im Dunkeln zu reden, seit du nicht mehr da bist.»

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