Nr. 42/2008 vom 16.10.2008

Ein Freundschaftsdienst an Ahtisaari

Die Verleihung des Preises dient selten dem Frieden.

Von Peter Strutynski

Vor wenigen Tagen veröffentlichte der norwegische Jurist Fredrik Heffermehl ein aufsehenerregendes Buch über die Geschichte des Friedensnobelpreises. Seine wichtigste These: Der Preis sei häufig an die falschen Personen vergeben worden, die Jury halte sich immer weniger an die ursprüngliche Zielsetzung von Alfred Nobel, dem Begründer des Preises.

Der Entscheid des Nobelpreiskomitees von letzter Woche, den Friedenspreis 2008 an Martti Ahtisaari zu vergeben, ist eine Bestätigung von Heffermehls Anklage. Der finnische Politiker erfüllt kaum die Kriterien, die Alfred Nobel 1895 an die Preisvergabe gestellt hatte. Das Nobelpreiskomitee, das vom norwegischen Parlament nach Parteienproporz gewählt wird, hat, wie es scheint, dem angesehenen Politiker einen Freundschaftsdienst erwiesen.

In Nobels Testament heisst es, der Preis stehe «demjenigen oder derjenigen» zu, «der oder die am meisten oder besten für die Verbrüderung der Völker gewirkt hat und für die Abschaffung oder Verminderung der stehenden Heere sowie für die Bildung und Austragung von Friedenskongressen». Ahtisaari wurde, so viel ist richtig, nach seiner Amtszeit als finnischer Staatspräsident bei verschiedenen Konflikten als Vermittler hinzugezogen, etwa in Namibia, in Nordirland, im Irak oder in Aceh. Dafür erhielt er unter anderem im Mai 2008 den Félix-Houphouët-Boigny-Friedenspreis der Unesco. Pikanterweise hielt bei dieser Gelegenheit der frühere US-Aussenminister Henry Kissinger die Lobrede auf den Preisträger. Kissinger ist bis zum heutigen Tag einer der prominentesten Berater von US-Präsident George Bush und seiner Biografie nach eher ein Brandstifter denn ein Friedensmann. Auch er erhielt 1973 den Friedensnobelpreis.

International bekannt wurde Ahtisaari durch seine «Leistung» im Kosovokonflikt. Im Auftrag der Uno erarbeitete er einen nach ihm benannten Plan der «bewachten Souveränität», der einer staatlichen Unabhängigkeit des Kosovo den Weg bereiten sollte. Mit seinem Plan schoss er derart über das Völkerrecht hinaus, dass ihm auch die Uno nicht folgen wollte. Vor wenigen Tagen hat das höchste Uno-Organ, die Generalversammlung, einen Antrag Serbiens zur Begutachtung der einseitigen Unabhängigkeitserklärung des Kosovo an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag überwiesen. Die Wahl Ahtisaaris zum Preisträger ist deshalb eine politische Demonstration, dass nicht die Vereinten Nationen, sondern der Westen bestimmen, was gut für den Frieden ist. Entsprechend harsch waren denn auch die Reaktionen aus Serbien und Russland. Ahtisaari habe einen «Plan erarbeitet, der die territoriale Integrität und Souveränität eines Uno-Mitgliedstaates abgeschafft hat - das Hauptprinzip, auf dem die internationale Ordnung gründet», äusserte sich etwa der Vorsitzende der Serbischen Nationalen Versammlung, Milan Ivanovic. Noch harscher reagierte der Vizechef des auswärtigen Ausschusses der russischen Staatsduma, Andrej Klimow: «Der Friedensnobelpreis für Ahtisaari lässt mich staunen. Wenn schon, so hätte man ihn lieber für die Kriegsanstiftung und für die Ermunterung von Separatisten auszeichnen müssen», zürnte er.

Lässt man die Preisträger der letzten Jahre Revue passieren, kommt man zum Schluss, dass sie mit der ursprünglichen Idee Nobels tatsächlich nicht mehr viel gemein haben. Manche von ihnen hätten auch eher einen Umweltpreis oder einen Preis für Menschenrechtsarbeit oder für humanitäre Hilfe erhalten müssen. So etwa Al Gore (Preisträger 2007), der sich als Mahner und Aufklärer in Sachen Klimaschutz verdient gemacht hat. Ähnlich war es bei der Umweltaktivistin Wanghari Maathai (2004) oder dem Vordenker der Mikrokredite Mohammad Yunus (2006).

Der letzte Friedensnobelpreis, der diesen Namen noch verdiente, liegt elf Jahre zurück: 1997 erhielt die internationale Landminenkampagne den Preis zugesprochen. Die vielen unabhängigen KandidatInnen, die sich für den Frieden einsetzen und sich mit Konfliktprävention und friedlicher Konfliktbearbeitung befassen, gehen oft leer aus. So etwa der israelische Atomwissenschaftler Mordechai Vananu, der achtzehn Jahre hinter Gitter verbrachte, weil er es gewagt hatte, die Welt vom Atomwaffenprogramm seiner Regierung in Kenntnis zu setzen. Oder der Journalist Seymour Hersh, dessen Reportagen über den Vietnamkrieg, die CIA-Kissinger-Affären und über die Folterpraktiken im irakischen Gefängnis Abu Ghraib und die Kriegsvorbereitungen der USA gegen den Iran die Weltöffentlichkeit aufrütteln und zum Protest gegen Krieg und Militarismus ermuntern. Oder schliesslich Uri Avnery, der israelische Friedensaktivist, der unermüdlich für einen gerechten Frieden im Nahen Osten eintritt.

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