Nr. 42/2008 vom 16.10.2008

Die Utopie in den Bildern

Eine Gruppe von KünstlerInnen bietet Asylsuchenden einen Picture Service an. Ein Nichtort am Rand von Basel wird zum Begegnungsort und zur Bilderplattform für Menschen aus aller Welt.

Von Suzanne Zahnd

Autobahnzubringer, Bahnübergänge, Brachen - die Basler Grenzzone Otterbach. Mittendurch führt die Freiburgerstrasse, sie wird vor allem von Lastwagen befahren. Geht man um die Nummer 36, ein kleines, schmuckloses Häuschen, herum, steht man jedoch unvermittelt auf einer lauschigen Waldlichtung. Familien sitzen auf Decken im Gras, junge Männer machen Kunststücke. Auf einer Leiter stehend, versucht eine blonde Frau eine Schaukel am Vordach festzumachen. Während ein paar nordafrikanische Herren viel besser wüssten, wie das Aufhängen der Schaukel zu bewerkstelligen wäre, schaut ein kleines Mädchen voller Vorfreude zu, und ein dunkelhäutiger Teenager zieht hilfsbereit am falschen Seil. Die Frau auf der Leiter ist Almut Rembges, Mitglied der KünstlerInnengruppe Practical Theory & Company. Sie wird auch dann nicht nervös, als zusätzlich eine junge Romafrau mit einem Baby auf dem Arm auftaucht und wortreich nach ihren Fotos verlangt, welche sie unbedingt sofort brauche, weil sie nicht wisse, ob sie morgen noch hier sei. Also klettert Almut Rembges von der Leiter.

Leben im Provisorium

Die Frauen betreten das Blackbox genannte Häuschen, wo sich die Kunsthistorikerin und Regieassistentin, die sich lieber als Kunstvermittlerin verstanden haben will, seit dem Frühjahr 2007 fast täglich aufgehalten hat. Im Inneren herrscht ein lebendiges Durcheinander. Auf dem überladenen Tisch liegt zwischen Fingerfarben, Computerzubehör und Zeichnungen das Buch «Fliehkraft» von Tom Holert und Mark Terkessidis. Die Autoren untersuchen darin unter anderem sogenannte Nichtorte, wo Menschen entfremdet in permanenten Provisorien leben: Hotelressorts, Zeltplätze, Flüchtlingslager, Asylbewerberheime - stimmungsmässig besteht kaum ein Unterschied.

Dass sich gleich hinter den stattlichen Baumkronen, welche die Waldlichtung hinter der Blackbox säumen, das Ausschaffungsgefängnis Bässlergut befindet, bekommen viele NutzerInnen der Grünzone gar nicht mit. Hinter Stacheldraht erhebt sich da ein kolossaler Bau, neben dem sich die Baracken des Empfangs- und Verfahrenszentrums nachgerade unscheinbar ausnehmen. Gleich daneben gibt es zwei kleine Container der Seelsorge und der Rechtsberatung für AsylbewerberInnen. Ein Nichtort wie er im Buche steht, die BewohnerInnen nennen ihn Camp.

Die Waldlichtung, auf der vor allem morgens und abends die Hundehalterinnen und Jogger aus der Stadt unterwegs sind, wird tagsüber zum Wartesaal für die rund 300 Personen, die gegenwärtig die Baracken für Asylsuchende bewohnen und auf ihren Bescheid warten. Täglich kommen Neuankömmlinge, täglich verabschieden sich andere, die einem Transfer in einen anderen Kanton entgegensehen oder abgewiesen wurden. Mit etwas mehr als zwanzig Franken morgens um 9 Uhr raus, mittags wieder rein, dann wieder raus und um 17 Uhr wieder drin sein - Lichterlöschen 23 Uhr.

Das Zuviel an Zeit und Zuwenig an Geld dieser Menschen versuchen die Leute von Practical Theory & Company zu nutzen. Seit über einem Jahr bespielen sie die Waldlichtung und die Blackbox. Sie kommen aus allen möglichen Bereichen: Gestaltung, Bühnenbild, bildende Kunst, Tanz, Musik, Performance, Theorie. Herz und Hirn dahinter ist aber Almut Rembges: «Das Ziel war von Anfang an eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Ort. Dabei sind die PassantInnen, die das Hauptpublikum stellen, automatisch am Entstehungsprozess beteiligt.»

Die Theaterwelt ist irritiert

Vergangenes Jahr entstand so eine Art Performancetheater, an dem nebst den BewohnerInnen des Camps auch Tänzerinnen, ein Musiker, die benachbarte Hundeschule, zwei Fischhandel-experten, ein paar Feuerwehrmänner, die Seelsorgerinnen und (nicht immer bewusst) Spaziergänger und Joggerinnen mitgearbeitet hatten. Die Theaterwelt reagierte eher irritiert, und ein Kunstpublikum blieb mehr oder weniger aus. Practical Theory & Company machte aber einfach weiter. Nach einer kurzen Kältepause ging die Blackbox heuer ins zweite Jahr, für das eine Reihe von Interventionen unter dem Titel «g/ambit - x actions for a small city» geplant wurde. Als Bindeglied zwischen den einzelnen Aktionen amtet der permanente Picture Service.

Die Idee dazu entstand, als Almut Rembges der Kunstwissenschaftlerin Barbara van der Meulen Fotos «von der Wiese» zeigte. Darunter befanden sich Bilder einer 19-jährigen Campbewohnerin aus dem Kosovo, die sich eine Fotokamera aus der Blackbox ausgeliehen und damit Streifzüge durch die Basler Fachgeschäfte für Hochzeitsbedarf unternommen hatte. Sie hat sich im Spiegel geknipst, und es entstand eine umwerfende Serie von Bildern einer Romaschönheit in rüschenbesetzten Brautkleidern. «Der Kontrast zwischen der tatsächlichen Situation als Heimat- und Mittellose und dem glamourösen Auftritt in Edeltextilien hätte nicht grösser sein können. Das ist das Bild in seiner ursprünglichsten Funktion: als Stellvertretung des Abwesenden.»

Die Fotostrecke sprach aber nicht nur die Kunsttheoretikerinnen an, sondern auch andere BesucherInnen aus dem Camp, beispielsweise einen jungen Mann aus Afghanistan. Er lieh sich die Kamera, weil er Bilder brauchte, die er nach Hause schicken konnte. Auf dem Gelände der Grün 80 - es dient heute als Park und wird vom Volksmund «Neue Welt» genannt! - inszenierte sich der Flüchtling als melancholischer Denker oder verwegener Kung-Fu-Kämpfer, in einer utopischen Landschaft aus sanften Hügeln, Teichen mit Schwänen und Blumenmeeren. «Aufgrund dieser Bilder kamen wir zum Schluss, dass ein institutionalisierter Kameraverleih das ideale Mittel sein könnte, um eine Plattform zu schaffen, die jenseits kultureller und sprachlicher Hürden funktionieren kann und für die kein gemeinsamer Kunstbegriff vorausgesetzt werden muss. Antrieb für den Picture Service ist also nicht die Absicht, Kunst zu produzieren, sondern schlicht die Nachfrage von Menschen, die in Europa unterwegs sind und ihre Spuren festhalten möchten.» Ihre Fotos können sich die FotografInnen dann auf CD brennen, gegen ein bescheidenes Entgelt drucken lassen oder sie via E-Mail an Verwandte und Bekannte in der alten Heimat senden.

Das inszenierte Leben

Während Almut Rembges Beispiele aus ihrer mittlerweile über 6000 Bilder umfassenden Datenbank zeigt, wird sie ständig unterbrochen von Kindern, die Spielsachen ausleihen wollen, Leuten, die sich mal eben einen Tee kochen und plaudern möchten, oder natürlich von Fotografierfreudigen, die sich Bilder anschauen oder die Kamera ausleihen wollen. Bisher kam die Kamera immer wieder zurück, obwohl Almut Rembges die meisten Leute nicht kennt und auch kein Depot für die Kamera verlangt. Wenn die Kamera zurückkommt, werden die Bilder sofort in den Computer geladen und via Beamer an die Wand projiziert. «Die Berliner Künstlerin Isabel Schmiga hat uns zu diesem Zweck mit einer Leinwand und mit zahlreichen Hockern ausgestattet, die sie einheitlich mit den Überresten dieser speziellen afrikanischen Flüchtlingstaschen bezog. Jetzt haben wir unser eigenes kleines Kino, in dem praktisch eine permanente Diashow läuft, die den Zweck hat, die Bilder gemeinsam durchzusehen, zu kommentieren und auszuwählen.»

Da die Projektionen für PassantInnen sichtbar sind, wird die Bilderauswahl jeweils zu einer Art Happening. Dabei dienen die Bilder zum einen als Erinnerungsmaschine, anderseits aber als Vorwand dafür, dass die NutzerInnen der Grünzone, Campbewohner und die Künstlerinnen von Practical Theory & Company überhaupt miteinander in Kontakt kommen und kommunizieren. Ein blosses Ausstellen käme für Almut Rembges nicht in Frage: «Schliesslich handelt es sich um Privatbilder. Um jedoch transparent zu machen, dass wir die Bilder behalten und nur auf Wunsch löschen, wird eine kleine Auswahl von Ausdrucken in der Blackbox aufgehängt.» Nicht selten finden diese Ausstellungsstücke NachahmerInnen oder setzen Trends. Derzeit ist beliebt, sich kurz den Hund eines Passanten auszuleihen, um mit ihm ein hübsches Erinnerungsfoto an die Schweiz zu schiessen. Wo man auch mal war.

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