Nr. 32/2012 vom 09.08.2012

Mit Hasenohren nach Hause

Das Projekt «TheaterFlucht» lässt Kinder von asylsuchenden MigrantInnen und solchen mit einer Aufenthaltsbewilligung eine Woche lang spielerisch ihre Kreativität ausleben. Doch was nützt ihnen diese «Flucht» – was können sie ausser den Kostümen mit in ihren prekären Alltag nehmen?

Von Mirjam Grob (Text) und Marc Terry Sommer (Foto)

Nach der Vorstellung: Die Kinder spielen draussen im Park weiter.

«Der Kreis ist ja eckig», ruft Mehmoud, ein gross gewachsener, kecker Junge. «So geht das nicht!» Langsam kehrt Ruhe ein auf dem kleinen Innenhof, die Kinder nehmen sich an den Händen. Der Kreis wird runder und gefällt schliesslich auch Mehmoud.

Mehmoud ist eines von dreizehn Kindern aus aller Welt, die an einem Projekt des Service Civil International (SCI) teilnehmen: «TheaterFlucht» – oder «ThéâtreEvasion», wie es in Biel heisst. Denn in der Stadt der zweisprachigen Strassenschilder und unzähligen Kulturen sollte der einwöchige Workshop auf Französisch stattfinden. Doch es kam anders: Einige ProjektteilnehmerInnen kommen aus Bieler MigrantInnenfamilien, andere werden täglich im Durchgangszentrum für Asylsuchende im nahe gelegenen Tramelan abgeholt – die wenigsten sprechen fliessend Französisch. Das Projekt fand also seine eigene Sprache.

Alle Kinder schauen gespannt zu Isabelle Freymond. Die Theaterpädagogin erklärt das erste Spiel des Nachmittags zuerst auf Französisch, dann auf Deutsch. Die Kinderschar gibt die Anweisungen auf Berndeutsch und Farsi weiter. Diejenigen Kinder, die nicht die gleiche Sprache sprechen, kommunizieren mit Händen und Füssen. Verständigen können sich von Beginn weg alle – obwohl sie sich gerade mal einen halben Tag kennen. Beim «Telefonspiel» flüstern sie im Kreis einen Tiernamen weiter – und immer mehr schwillt das Gelächter an: In keiner ihrer Sprachen gibt es ein Tier, das so heisst, wie es am Ende der Runde herausgekommen ist: «Chips».

Es werde wohl ziemlich chaotisch zu und her gehen, warnten mich die OrganisatorInnen. Ob denn der Besuch unbedingt schon am ersten Projekttag stattfinden müsse? Tatsächlich toben die Kinder nach der Spielrunde recht ausgelassen durch die Räumlichkeiten des Vereins Multimondo nahe des Bieler Zentralplatzes. Wird Theaterpädagogin Isabelle Freymond es schaffen, gemeinsam mit den Kindern Ende Woche ein «farbenfrohes Bouquet» hervorzuzaubern, wie sie es sich vorgenommen hat? Die gelernte Lehrerin und acht freiwillige HelferInnen werden die nächsten fünf Tage mit den Kindern daran arbeiten: In Bastel- und Musikateliers und mit Improvisationsübungen entwickeln sie Ideen, stellen Kostüme und Requisiten her – damit sie am darauffolgenden Samstag den Eltern und Freunden eine eigenen «Carneval der Tiere» präsentieren können.

Die Verwandlung

Schon am ersten Projekttag leuchten die Kinderaugen, von Skepsis keine Spur. Die drei ältesten Jungs geben sich am Anfang noch cool zurückhaltend – eine Stunde später basteln sie voller Hingabe Regenrohre: Musikinstrumente, die das Prasseln des Regens imitieren. In einem anderen Raum entwerfen die Kinder Kostüme und nähen Sockenpois, das heisst mit Reis gefüllte Stoffschläuche. Der gross gewachsene Shahram zeigt sogleich, wie zwei Pois um den Körper geschwungen werden, ohne sich zu verheddern. Daneben hat sich ein kleiner Knabe mit grossen braunen Augen schon für sein Kostüm entschieden: Adler möchte er sein. Eine Helferin bastelt mit ihm aus einem dunkelblauen Seidentuch, weissem Tüll und Federn ein Flügelgewand. Gegen Ende des Nachmittags segelt der Adler lächelnd leise durch den Raum, zwischen Shahram, der seine soeben fertiggestellten Pois kreisen lässt, und Azanin, die sich, farbige Tücher um die Handgelenke gebunden, wiegend im Kreise dreht.

Zum Abschluss finden sich alle TeilnehmerInnen wieder im Innenhof ein und führen ihre Werke vor: Pois werden geschwungen, Regenrohre erklingen, und Trommeln ertönen, eine Kindergruppe spielt eine kleine Löwenfamilie. «Ich möchte, dass die Kinder lernen, kreativ zu sein. Dass sie Lust bekommen, Theater zu machen und sich künstlerisch auszudrücken», sagt Isabelle Freymond. Die Theaterpädagogin hofft, dass die Kinder diese Freude aus der Projektwoche in ihren Alltag mitnehmen werden.

Wie auch immer dieser aussieht: Denn die Bielerin weiss nicht, woher die einzelnen Kinder kommen oder was sie in die Schweiz gebracht hat: «Und das ist auch gut so. Sie sollen eine Weile aus ihrer Geschichte heraustreten können. Nicht von Anfang an bewertet werden wie in der Schule oder in der Gesellschaft allgemein.»

Eine Woche lang ausbrechen, sich ins Theater fliehen – um dann in den Alltagstrott zurückzukehren? Kann ein zeitlich begrenztes Projekt etwas Nachhaltiges bewirken? «Natürlich ist das Ziel erst einmal, dass alle eine gute Woche miteinander verbringen», sagt Freymond. Doch die Kinder nähmen aus der Projektwoche mehr als nur gute Erinnerungen mit: Auf einer Bühne etwas Selbstgeschaffenes zu präsentieren, stärkt das Selbstvertrauen der Kinder. «Eine Woche lang können sich alle ihrer Stärken und Talente bewusst werden und diese schliesslich ins gemeinsame Projekt einbringen. So lernen alle miteinander und vor allem voneinander.»

Und was erwarten die angehenden KünstlerInnen? Was hat sie zur Teilnahme bewegt? Es waren meistens die Eltern, die ihre Kinder angemeldet haben. Eine Mutter erzählt: «Eigentlich sollte mein Sohn diese Woche mit den Pfadfindern verbringen. Dann aber hat mich ein Freund überzeugt, Nils hierher zu bringen.» Nils freut sich besonders aufs Theaterspielen und Musizieren. Er will unbedingt am nächsten Tag wiederkommen.

Plötzlich ist der Kreis ganz rund

Vier Tage später: Der Saal des Bieler Kulturzentrums Villa Ritter ist bis auf den letzten Platz besetzt. Knapp hundert Personen sind gekommen, darunter viele Kinder. Sie wollen sehen, was in der Projektwoche entstanden ist. Auf dem Kiesplatz vor dem Hintereingang versammelt Isabelle Freymond ihre Schützlinge. Angespannt, konzentriert stellen sie sich im Kreis auf, nehmen sich bei den Händen. Der Kreis ist auf Anhieb rund. «Ich wünsche euch viel Energie. Und ganz viel Spass», sagt Freymond mit Nachdruck. Die Leoparden, Vögel, Schmetterlinge und anderen Tiere nicken und schauen ernst drein.

Dann tritt die Theaterpädagogin als Erste auf die Bühne. Lautes Klatschen braust auf. Die blonde Frau lächelt verlegen, zeigt nach hinten. Zur Tür, hinter der sich die Kinder befinden: «Eine Woche lang haben wir studiert, wie Tiere sich bewegen und untereinander verständigen: Heute zeigen wir euch das Resultat», sagt Freymond. Das Licht geht aus.

Als das Licht wieder angeht, zieht auf der Bühne ein kleiner Adler stolz seine Kreise. Bald tauchen Leoparden auf, später lassen Vögel ihre Jonglierpois tanzen. Plötzlich ertönt sanfte Geigenmusik: Azanin ist zu einem rosafarbenen Schmetterling geworden, verträumt tanzt sie durch den Raum. Dann ändert sich der Rhythmus: Ein Junge und ein Mädchen treten vor, knien auf den Boden und beginnen einen Breakdance. Es sind Mehmoud und Sari, ein kleines feingliedriges Mädchen mit hüftlangem schwarzem Haar.

Die Blumen fest umklammert

Wieder dunkelt es auf der Bühne. Dann kriecht im aufstrahlenden Licht eine grosse Schnecke herein, gefolgt von einem bunten Vogel. «Ich bin ein Clownvogel», erklärt Raul mit leicht zitternder Stimme. Dann fährt er selbstsicherer fort: «Ich kann leider nicht zaubern. Deshalb bin ich ein Clown.»

Und plötzlich lässt sich der Junge slapstickartig zu Boden fallen. Das Publikum hält erschrocken den Atem an – bevor es erleichtert lacht. Und schon taucht ein Schwarm Vögel auf, umrundet die Schnecke und den Clownvogel, und alle lassen ihre bunten Flügel durch die Luft schwirren.

Knapp dreissig Minuten dauert die farbenfrohe Vorstellung, dann stehen die KünstlerInnen vor dem Publikum und verneigen sich. Isabelle Freymond verteilt Sonnenblumen an alle Mitwirkenden. Die meisten Kinder halten die Blumen fest umklammert und lassen sie auch nach der Vorstellung eine ganze Weile nicht los.

Am Buffet im Hinterhof der Villa Ritter mischen sich einige Minuten später SchauspielerInnen und ZuschauerInnen. Wie Raubtiere stürzt sich die Menge auf die bereitstehenden Leckereien – innert weniger Minuten ist alles verschlungen. Die letzten Leoparden streichen noch um die leer geputzten Tische, einige Hasen hoppeln über den Kiesplatz, und Schmetterlinge schwirren durch die Gegend. Ein Mädchen bittet darum, ihr die Hasenohren neu umzubinden. «Natürlich gehe ich so nach Hause», sagt sie bestimmt.

Fliehen heisst einen Ort oder eine Situation zurücklassen, wohin man nicht zurückkehren will. Doch die Kinder finden sich nach einer Woche «TheaterFlucht» wieder in ihrem Alltag. Was nehmen sie ausser ihren Kostümen mit nach Hause? Was wird von dieser Woche bleiben? Nils hat Freude am Theaterspielen gefunden, Angela eine neue Freundin. Mehmoud hat gelernt, sich weniger schnell provozieren zu lassen – und dass er seinen Platz in einer Gruppe eher findet, wenn er seine Talente einbringt. Sari ist in den vergangenen Tagen aufgeblüht: Wer hätte Anfang Woche gedacht, dass das schüchterne kleine Mädchen derart tanzen kann? «Viele Kinder konnten über ihren Schatten springen und haben Vertrauen gewonnen», freut sich Isabelle Freymond.

Plötzlich ist ein Teil der Kinder verschwunden. Aus der Villa Ritter lärmt es: Trommeln tönen zwischen Xylophon- und Mundharmonikaklängen, durchbrochen von Rufen und Gesängen. Drinnen rennen verschiedenste Tiere durcheinander, nehmen eine Trommel auf, drehen sich plötzlich wieder wild um die eigene Achse oder wirbeln Pois durch die Luft. Kein einziger Erwachsener ist zu sehen – die Kinder haben sich die Bühne und die Instrumente ganz alleine angeeignet.

Die Eltern des Mädchens mit den Hasenohren tauchen in der Tür auf. Ihre Tochter entwischt immer wieder, spielt weiter. Trotz allen Bettelns ihrer Eltern möchte sie noch nicht nach Hause. Sondern noch eine Weile in der Theaterwelt bleiben.

«ThéâtreEvasion» und andere

Das Angebot für Kinder ist klein

Das Projekt «TheaterFlucht» der Friedensorganisation Service Civil International fand dieses Jahr in vier Schweizer Städten statt: Basel, Zürich, Biel und Lausanne. Während einer Woche können sich Kinder aus Durchgangszentren für Asylsuchende und Kinder von Eltern, die schon eine Aufenthaltsbewilligung erhalten haben, in die Welt des Theaters «flüchten». Die Workshops werden von TheaterpädagogInnen und jugendlichen Freiwilligen geleitet und mit der Unterstützung von lokalen Vereinen organisiert. Die letzte Projektwoche endet dieses Wochenende am 11. August in Lausanne.

Soziokulturelle Angebote für Kinder von Sans-Papiers oder MigrantInnen sind in der Schweiz ziemlich selten zu finden – am ehesten noch in der französischen Schweiz. Das Projekt «Speak-Out» (www.sajv.ch/de/projekte/speak-out) hilft minderjährigen AsylbewerberInnen in der ganzen Schweiz, sich Gehör zu verschaffen (Projektpartner ist unter anderen das Bundesamt für Sozialversicherungen). In Basel existiert seit sechs Jahren das Theaterprojekt «Fremd?!» (www.projektfremd.ch, siehe WOZ Nr. 21/10). In der Westschweiz gehen viele Initiativen von soziokulturellen Zentren aus, wie etwa dem Centranim im freiburgischen Bulle (www.centranim.ch). In Lausanne bietet der Verein Sport’ouverte Menschen jeglichen kulturellen und sozialen Hintergrunds die Möglichkeit, ihre sportlichen und persönlichen Fähigkeiten zu stärken (www.sportouverte.ch).

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