Nr. 43/2008 vom 23.10.2008

Es gibt ja so viel zu erzählen

Schauspieler und Musikerinnen tun es, Politiker und Pornostars - und nun folgen ihnen auch die unbekannteren Menschen: Erst durch das Verfassen einer Lebensgeschichte wird man so richtig bekannt. Dabei ist ein guter Biografieservice von Nutzen.

Von Sina Bühler

«Ich bin im Begriff, meine Biografie zu schreiben und drucken zu lassen. Wie muss ich mich absichern, gegen darin erwähnte Personen, die verletzt werden?»
Leserfrage in der «Neuen Luzerner Zeitung», 2007

Eine Autobiografiewelle überrollt Bibliotheken, Buchhandlungen und Kioskauslagen - überall liegen sie, die persönlichen, intimen, nahen Geschichten. Jede Drittligaschauspielerin und jeder Zweitligamusiker glauben, es sei mindestens eine Autobiografie nötig, um endlich zur Oberliga zu gehören. Oder man will ganz einfach Geld verdienen, wie die Schauspielerin Joan Collins, das Biest aus «Denver Clan». Ihr Leben, so wie sie es selbst interpretieren möchte, ist bisher in zwei Bänden erschienen, am dritten arbeite sie noch. Joan Collins ist 75 Jahre alt, da gibt es wahrscheinlich etwas zu erzählen.

Neben den Autobiografien hat sie auch Beautyanleitungen und sogar Romane verfasst, insgesamt sechzehn Titel. Man könnte meinen, Collins könne wirklich schreiben. 1991 verlangte allerdings das Verlagshaus Random House die Rückzahlung eines Vorschusses von 1,2 Millionen Dollar - der gelieferte Roman sei unbrauchbar. Collins zahlte gar nichts zurück, und ein New Yoker Gericht urteilte, vertraglich sei festgelegt, das Buch müsse «fertiggestellt» sein und nicht auch noch «befriedigend» oder gar «publizierbar». Aber Random House und die KollegInnen in der Branche verdienen derart viel Geld an den Celebrities, dass sie sich Vorschüsse in Millionenhöhe auch weiterhin leisten.

Nähe zu Gott

«Celebrity» ist nur eine der Kategorien im Ressort Biografien. Weiter gibt es die Bereiche: erfolgreiche Männer (Exkanzler Gerhard Schröder, «Mein Leben in der Politik», und Ex-US-Notenbankchef Alan Grenspan, «Mein Leben für die Wirtschaft»), zu Recht erfolglose Sternchen (Superstar Daniel Küblböck, «Ich lebe meine Töne»), zu Unrecht berühmte Sternchen (Ex-Spice-Girl Victoria Beckham, «Learning to Fly») und Frauenschicksale (Corinne Hofmann, «Die weisse Massai» und zwei weitere Bände ihrer Liebesgeschichte mit einem Samburu-Krieger). Erfolgreiche Frauen als Autobiografinnen sind seltener, und wenn, dann so richtig erfolgreich (Ex-US-Aussenministerin Madeleine Albright, «Madame Secretary»).

Und dann gibt es noch die Lebensgeschichten einfacher Menschen. Früher wurden diese Geschichten kaum publiziert - eine Ausnahme ist Ulrich Bräker. Sein «Der arme Mann im Tockenburg» erschien bereits 1783 - und ist deshalb einzigartig. Der Bauernknecht und Garnhändler hatte nur Tagebuch schreiben wollen, bis der Wattwiler Schulmeister seine Schreibkunst entdeckte und seine Texte publizierte. Bräker war einer der wenigen Menschen aus der Unterschicht, die überhaupt schrieben, geschweige denn veröffentlicht wurden.

Wie kommt jemand darauf, den Mitmenschen sein eigenes, privates Leben erzählen zu wollen? Ulrich Bräker wollte damit die Nachkommen «vermahnen», schrieb er selber. Seine Vorgänger hatten noch Grösseres vor. Die ersten Autobiografen waren Philosophen und Kirchenmänner, wie Augustinus von Hippo, dessen «Confessiones», um 400 nach Christus geschrieben, als älteste Autobiografie überhaupt gelten. In dreizehn Büchern beschrieb der spätere Bischof Augustinus sein ganzes Leben und seine Bekehrung zum Christentum. In den Confessiones - auf Deutsch Bekenntnisse oder Beichten - schrieb Augustinus vor allem über Gott. Das Schreiben einer Autobiografie war für ihn ein Mittel, Gott zu preisen und ihm näherzukommen.

Auch Jean-Jacques Rousseau - seine umfangreichen autobiografischen Texte erschienen ebenfalls unter dem Titel «Confessions» - wollte sich von Sünden befreien. Er gab dabei aber so viel Intimes preis, dass die zwölfbändige Sammlung erst nach seinem Tod erscheinen konnte. In einem hat sich Rousseau gewaltig getäuscht: «Plane ein Unternehmen, das kein Vorbild hat und dessen Ausführung auch niemals einen Nachahmer finden wird», schreibt er einleitend. Viele haben ihn nachgeahmt, aber Rousseau ist vielleicht näher an das Vorhaben herangekommen, «einen Menschen in aller Wahrheit der Natur zu zeigen».

Aneignung von Perspektiven

Heute geht es kaum mehr um die Nähe zu Gott. Heute geht es um das «Ich» (Fussballer Oliver Kahn: «Ich»), und Lebensbeichten drehen sich weniger um das Beten als um die Einnahme von Heroin, gepaart mit Alkohol (Musiker Eric Clapton: «The Autobiography»), um einfachen Heroinmissbrauch (Musiker Pete Doherty: «The Books of Albion»), einfachen Alkoholmissbrauch (Schauspieler Harald Juhnke: «Meine sieben Leben»), Sex mit 4000 Frauen (Pornostar Ron Jeremy: «The Hardest (Working) Man in Showbiz») oder Männern (Pornostar Jenna Jameson: «How to Make Love Like a Porn Star»).

Martin Schmeiser ist Soziologe an der Universität Bern und beschäftigt sich mit Lebensläufen. Die Forschung interessiere sich vermehrt für Biografien, weil daran der Versuch geknüpft sei, die Aufteilung in Teilbereiche der Soziologie zu überwinden - die Aufteilung in Kinder-, Jugend- und Familiensoziologie beispielsweise. Anhand von Lebensläufen könnten soziologische Muster festgestellt werden, die wissenschaftlich analysiert werden. Mit der Rekonstruktion eines Lebenslaufs lässt sich auch erkennen, was gesellschaftlich und erzieherisch vermittelt wurde.

Immer noch sind Autobiografien von Frauen in der Minderheit - aber sie kommen langsam auch auf: «Frauen mussten und müssen sich heute noch Lebenswege und Karrieremöglichkeiten erschliessen. Sie suchen Vorbilder, die sie in Autobiografien finden können», sagt Martin Schmeiser. Für Frauen hätten sich die Lebenswege stark verändert: «Als die ersten Frauen an den Universitäten zugelassen wurden, mussten sie sich ihre Perspektiven zuerst aneignen.» Das könne man vielleicht auch verallgemeinern: Heute sei der Lebensweg weniger vorbestimmt als früher - es sei ein permanentes Entscheiden, was man tun soll. «Vorbilder helfen dabei», sagt Schmeiser.

«Sorgfältig überprüft»

Und wer selbst nicht schreiben kann - oder besser, zugibt, nicht schreiben zu können? Berühmte Menschen engagieren JournalistInnen, die zuhören, aufnehmen, schönschreiben - «sorgfältig überprüfen», wie sie vehement betonen - und deren Name auf dem Buchcover dann klein gedruckt erscheint. Seine Autobiografie «Vivant!» hat Gérard Depardieu einem auserwählten Journalisten diktiert. «Er spricht offen und ehrlich über seine Masslosigkeit, sein Alkoholproblem, seine Lebertransplantation und seine Psychotherapie», heisst es im Klappentext: Das Buch habe er für seine Kinder und FreundInnen verfassen lassen, liess Depardieu verlauten. Ein paar nette Abende im trauten Kreise hätten für das Weitergeben wohl auch genügt.

Auch die Tendenz, vom eigenen Versagen zu reden, nimmt überall zu: Es erscheinen mehr und mehr Autobiografien von AlkoholikerInnen, Drogensüchtigen, zum Tode verurteilten Häftlingen. In Zeiten, in denen Menschen ihr Leben gleichzeitig in mehreren Talkshows ausbreiten wollen, sind auch Bücher nicht vom Trend gefeit.

Für Unbekanntere übernehmen inzwischen professionelle Unternehmen das Schreiben: «Was haben Sie nicht alles erlebt!» - ermuntert der Autobiografieservice des Historikers und Schriftstellers Martin Brömmelshaus zum Erzählen. Er schreibt die Lebensgeschichten von Leuten, die ihre Vergangenheit weitergeben wollen. Warum sie das tun? «Viele Menschen haben das Gefühl, dass sie bei der Jagd nach ‹immer mehr› und ‹immer schneller› auf der Strecke bleiben. Das Schreiben einer Autobiografie bietet die Möglichkeit, innezuhalten und sich seiner selbst wieder bewusst zu werden», sagt Brömmelshaus. Kinder und EnkelInnen würden sich die Zeit nicht mehr nehmen, genau zuzuhören. «Und fast allen Erzählern ist gemeinsam, dass sie an einem Punkt ihres Lebens stehen, wo Rückschau angebracht oder hilfreich ist.»

Beruf: BiografikerIn

Auch die Germanistin Karin Rohnstock hat ein Biografieunternehmen gegründet, das grösste in Deutschland, das in den letzten zehn Jahren über 250 Autobiografien verfasst hat. Einige dieser Bücher sind auch in grösseren Auflagen erschienen, etwa die Autobiografie eines Mörders (Harald Poschner, «Türen ohne Klinke - ein Totschläger erzählt seine Lebensgeschichte»). Genauso wie die Geschichte der 1988 ermordeten Paula Roth, der «Hexe des Albulatals» und früheren Wirtin des Gasthofs Bellaluna. Das «autobiografierte» Buch ist allerdings erst sechzehn Jahre nach Roths Tod im Luzerner Ableger des Unternehmens geschrieben worden, der Film dazu, «Bellaluna», hatte im letzten Juli Premiere. Eine solche Publizität ist aussergewöhnlich, denn: «Die Werke, die wir verfassen, richten sich im Prinzip an Menschen, die den Erzählern bekannt sind», sagt die Deutsche Karin Rohnstock.

Rohnstock hat sogar den Beruf schützen lassen: Sie bildete im ganzen deutschsprachigen Raum AutorInnen aus und zertifizierte sie als «AutobiografikerInnen» - «um mich gegen Nachahmer und Mitbewerberinnen abzugrenzen», wie sie sagt. Viel genützt hats nicht, Firmen, die professionelle Hilfe bieten, spriessen allerorts: Biografieservice nennt sich das, und die VerfasserInnen bezeichnen sich zurückhaltend als Ko-AutorInnen. Genauso vermehren sich Workshops in Schriftstellerei, Ratgeber für Autobiografien, Seminare im Ghostwriting. Seit vier Jahren gibt es sogar eine «Vereinigung der deutschsprachigen Biografinnen» mit rund siebzig Mitgliedern.

Wie auch die umgekehrte Version des Ghostwritings funktionieren kann, zeigten mehrere Fälle in den USA - AutorInnen, die zwar schreiben können, aber leider kein zerrüttetes Leben hatten: Der US-Amerikaner James Frey beispielsweise veröffentlichte 2003 seine Autobiografie «A Million Little Pieces», in dem er sein verbrecherisches, drogenreiches Leben nacherzählte - das Buch wurde zum Bestseller. Erst nach drei Jahren und 3,5 Millionen verkauften Büchern wurde die Kerngeschichte als glatte Lüge enttarnt.

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