04.03.2004

Ein Gegenleben

Vor hundert Jahren versetzte sie den Gewerkschaftsbund in Aufruhr. Jetzt sind zwei Biografien über das Leben der Feministin und Anarchistin Margarethe Hardegger erschienen.

Von Annette Hug

Sie forderte eine Mutterschaftsversicherung und das Frauenstimmrecht. Im stockkatholischen Brig verteilte sie Broschüren über Verhütungsmethoden. Sie hielt unzählige Reden, unterstützte Streikaktionen und gab die Zeitschriften «Die Vorkämpferin» und «L‘Exploitée» heraus. In Letzterer schrieb sie von ihrem Ideal der «libre mère», der freien Mutter. Die Ehe war ihr ein Dorn im Auge.

Das alles leistete Margarethe Hardegger von 1904 bis 1908 als Arbeiterinnensekretärin für den Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB). 1909 wurde sie abgesetzt, der SGB organisierte sich neu nur noch nach Branchenverbänden. Damit hatten die Arbeiterinnenvereine, in denen auch Hausfrauen, Putzfrauen und Dienstmädchen Aufnahme fanden, keinen Platz mehr. Für kurze Zeit wurden diese Vereine selbständig, vom SGB subventioniert, schlossen sich dann aber der SP an, bei der sie sich in einer frühen Form des Gender-Mainstreaming in die Parteistrukturen integrierten, bis nichts mehr von ihnen übrig blieb.

Die Biografie einer Heldin

Nun sind gleich zwei umfangreiche Bücher über Margarethe Hardegger erschienen. Die Zürcher Historikerin Regula Bochsler hat die Biografie einer Heldin geschrieben: Als Telefonistin und Jurastudentin beginnt Hardegger in ihrem Wohnquartier in Bern ArbeiterInnen zu organisieren. Während ihrer Zeit als Gewerkschaftssekretärin intensiviert sie ihre Kontakte zu AnarchistInnen, ausserdem wird sie zweimal Mutter. Im SGB lebt sie ihre antiautoritäre Überzeugung und gerät deshalb in Konflikt mit der trägen Hierarchie des Verbandes, durch mitreissende Auftritte holt sie sich aber die Sympathien der radikaleren Sektionen, besonders in der Romandie.

Auf die SGB-Stelle folgen turbulente Zeiten: Das Engagement für den anarchistischen Sozialistischen Bund hängt eng mit ihrer langjährigen Beziehung zum Deutschen Gustav Landauer zusammen, dem Gründer und wichtigsten Theoretiker dieser Vereinigung. Bochsler führt die LeserInnen durch die Münchner Bohème, ihre Sexorgien und Drogenszenen. Eindrücklich beschreibt sie, wie Margarethe Hardegger ihren kurzzeitigen Liebhaber Erich Mühsam darin unterstützt, das «Lumpenproletariat» für den Anarchismus zu gewinnen. Als Rednerin, die für ihre verständliche und packende Sprache bekannt ist, hat er Hardegger eingeladen, sie weigert sich aber im letzten Moment zu sprechen, weil keine einzige Frau im Saal ist. Kurzerhand werden Prostituierte aus der Nachbarschaft zur Teilnahme überredet, und Hardegger hält spontan eine Rede, in der sie die Gleichwertigkeit der Prostitution mit anderen Berufen postuliert, schliesslich sei alle Lohnarbeit im Kapitalismus Prostitution.

Versuche, das Studium wieder aufzunehmen und sich und ihren Töchtern ein regelmässiges Einkommen zu sichern, scheitern wiederholt. Schuld daran sind unter anderem Gerichtsprozesse. Hardegger wird angeklagt und verurteilt wegen Meineids zugunsten eines anarchistischen Bombenlegers und wegen Beihilfe zur Abtreibung. In ihrem Elternhaus in Bern hatte sie eine private Beratungsstelle für Frauen eingerichtet und in einigen Fällen mit Hilfe eines Arztes Abtreibungen durchgeführt. Nach den Gefängnisstrafen will Hardegger in verschiedenen Landkommunen dem Kapitalismus entkommen. Ein Siedlungsversuch in Minusio im Tessin scheitert an ökonomischer Not und zwischenmenschlicher Unverträglichkeit. Fortan bewohnt sie ein kleines Haus, das sie Villa Graziella nennt, zusammen mit dem Schreiner Hans Brunner und den beiden Töchtern. Hier erfährt sie von der Ermordung Gustav Landauers nach der Niederschlagung der Münchner Räterepublik, später von der Ermordung Erich Mühsams durch die Nationalsozialisten. Sie engagiert sich während des Krieges für Flüchtlinge, kurz vor ihrem Tod 1963 nimmt sie noch an einem Ostermarsch gegen Atomwaffen teil.

Regula Bochsler hat auch die – zuweilen schwierigen – Beziehungen Hardeggers zu ihren Töchtern recherchiert. Auf einer Homepage sind die Quellenangaben zu den einzelnen Kapiteln nachzulesen, leider ist es aber nicht möglich, die häufigen und langen Zitate direkt einer Quelle zuzuordnen. Bochsler nimmt sich die Freiheit, Sitzungen und intime Gespräche leicht zu fiktionalisieren. Diese Elemente bleiben aber oft klischeehaft, und wenn die Autorin Brief- und Tagebuchzitate in Gespräche hineinmontiert, wird der Text manchmal zur unfreiwilligen Satire.

Margarethe Hardegger wollte ihr Leben lang eine Autobiografie schreiben, hat es dann aber nicht getan. Regula Bochsler schreibt in ihrer Einleitung: «Dieses Buch ist der Versuch, nach mehr als einem halben Jahrhundert das nachzuholen, was Margarethe Hardegger nicht vergönnt war.» Die totale Identifikation der Autorin mit ihrer Figur gibt dem Buch «Ich folgte meinem Stern» viel Zug, macht es aber manchmal schwierig, zu unterscheiden, ob gerade Margarethe Hardegger ihrem Stern in die Zukunft folgt oder Regula Bochsler dem ihren in die Vergangenheit.

Revolutionäre Ideale

Die Autorin Ina Boesch hält sich im Buch «Gegenleben» dieselbe Hauptfigur auf Distanz. Auf 130 Seiten erzählt sie deren Leben anschaulich. Dann folgen 23 Porträts von Organisationen, in denen Hardegger gewirkt hat. Das geht von der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit über die Freiwirtschaftsbewegung bis zum Orientalischen Templer-Orden. Boesch legt damit einen Text vor, der zum Hin- und Herwechseln zwischen dem Lebenslauf und den Geschichten aus den einzelnen Organisationen einlädt. Die Lebenszeit Hardeggers wird nicht gebündelt, sondern absichtlich fragmentiert.

Ina Boesch versucht erst gar nicht, aus disparaten und widersprüchlich erscheinenden Informationen eine eindeutige Figur zu konstruieren. Aus dieser Distanz bekommt zum Beispiel die Information grösseres Gewicht, dass Margarethe Hardegger ihre Stelle beim SGB gegen den Willen der damaligen Exponentinnen der Arbeiterinnenvereine erhalten hatte. Für sie eingesetzt hatten sich die entscheidenden Männer im Gewerkschaftsbund. Hermann Greulich wollte ein «geistiges Element» und sprach sich deshalb für Hardegger und gegen die Arbeiterin Marie Villinger aus. Der Anspruch von Hardeggers Sekretariatskollegen, eine gemeinsame feste Bürozeit von wenigstens einem Morgen pro Woche zu vereinbaren, wirkt in Boeschs Darstellung nicht nur wie eine bürokratische Schikane, und es stellt sich die Frage, ob Hardegger überhaupt im Dienst einer (wenig revolutionären) Gewerkschaftsbasis wirken wollte oder ob sie ihre Aufgabe in erster Linie darin sah, die Gewerkschaftsbasis für ihre revolutionären Ideale zu gewinnen.

Unter den Organisationen, die Ina Boesch beschreibt, befinden sich auch der Monistenbund, die Groupe malthusien de Genève und der Internationale Orden für Ethik und Kultur, I. O. E. K. Diese Vereinigungen stehen für eine Bewegung, die durch Geburtenkotrolle, Alkoholabstinenz, gesunde Lebensführung und zum Teil durch eugenische Massnahmen die Wohlfahrt befördern wollte. Margarethe Hardegger schrieb in Notizen zu einem Artikel des Mediziners Alfred Ploetz, der von einer «sozialistisch-pangermanischen Kolonie in Nordamerika» träumte: «Der sozialistische Bund baut den veredelten Menschen eine Stätte der möglichst ungehemmten Betätigung und Entwicklung. Rassenhygiene schafft die innere Vorbedingung – Sozialismus die äussere Möglichkeit zur Blütezeit menschlicher Kultur. Die wachen Elemente beider Organisationen sind sich der steten Wechselwirkung bewusst.»

Wahrscheinlich deshalb umschreibt Ina Boesch Hardeggers Antrieb immer wieder mit der etwas floskelhaften Formulierung, sie sei eine «Aktivistin mit dem Ziel, einen neuen Menschen zu schaffen und die Gesellschaft zu verbessern». Bei Regula Bochsler hingegen erscheint die kurze Tätigkeit als Sekretärin des I. O. E. K. als flüchtiges Engagement, das Hardegger nicht zuletzt aus finanziellen Gründen eingegangen sei. In beiden Darstellungen wird klar, dass Hardegger aufgrund ihres freizügigen Lebensstils und ihrer Konflikte mit dem Gesetz aus dem I. O. E. K. ausgeschlossen wurde. In den späteren Verbindungen zu esoterischen Gruppen taucht dann allerdings die Idee wieder auf, dass der Mensch für einen wirklichen Sozialismus tief greifend verwandelt werden müsse.

Dass eugenisches Gedankengut unter SozialistInnen der Zwischenkriegszeit sehr verbreitet war, ist bekannt. Hardegger hat sich zudem aus feministischen Gründen für Verhütungsmittel und Abtreibungsmöglichkeiten engagiert. Dass keine der beiden Autorinnen versucht, diese Verbindungen kritisch zu analysieren oder erzählerisch zu verarbeiten, enttäuscht. Trotz solchen Einwänden – Regula Bochsler und Ina Boesch bieten eine Fülle von Einsichten in die internationalistische Schweizer Linke. Margarethe Hardegger funktioniert als Bindeglied dieser Geschichten, bleibt aber auch nach fast 900 Seiten Lektüre rätselhaft.

www.margarethe-hardegger.ch

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