Nr. 47/2008 vom 20.11.2008

Highsmiths Zürich-Roman

Von Florian Vetsch

Im Januar nach der Räumung des Platzspitzes töten zwei Unbekannte mit drei Messerstichen einen jungen Zürcher nachts auf offener Strasse. So setzt der 22. und letzte Roman von Patricia Highsmith (geboren 1921 in Texas, gestorben 1995 in Locarno) ein. Er spielt in dem Land, in dem die Amerikanerin die letzten zwölf Jahre ihres Lebens verbracht hat.

Die Gelegenheit, manch kritischen Seitenblick auf das mentale Klima der Schweiz zu werfen, lässt sie sich nicht entgehen. Doch das Mordmotiv versickert schnell im Sand. Es ist typisch für diesen Roman, dass gewaltträchtige Motive nicht weiterentwickelt werden. Motive solcher Art streut die Altmeisterin nur ein, um sie mit einem Lächeln wieder im Erzählfluss verschwinden zu lassen. Highsmith hat uns ein überwiegend heiteres Spätwerk hinterlassen, eine Idylle, in der das Bild eines leichten sommerlichen Lebens gezeichnet wird, allerdings nicht ohne Schattenstriche anzubringen.

Nach dem Mord führt uns die Autorin in die bizarre Welt von Jakobs Bierstube, einem Terrassenrestaurant in Aussersihl. Dort verkehren an den Wochenenden auch Homosexuelle. Deshalb hat der Schuppen in einem Reiseführer ein kleines g für gay erhalten. Das «Small g» gibt oft die Drehscheibe der Handlung ab. Für eine der ProtagonistInnen bedeutet es den Schlüssel zur Welt: Luisa lernt dort Rickie kennen, den älteren Liebhaber des Erstochenen, in den sie selbst unglücklich verschossen war. Mit Rickie lernt Luisa ein freieres Leben kennen, ein unkomplizierteres, das nicht auf Macht über andere aus ist, sondern auf Menschlichkeit baut.

Die Mär endet unerwartet glücklich. Patricia Highsmith stempelt die Figur Renate Hagnauer, unter deren Fuchtel Luisa ein Aschenputteldasein führen muss, am Ende nicht moralisch ab, sondern lässt sie psychologisch erhellt als «merkwürdigen Menschen» im Erzählraum stehen. Darin leuchtet eine letzte Weisheit im scharfsichtigen, aber milde gewordenen Blick der grossen Erzählerin auf.

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