Highsmiths Tagebücher : Trockene Martinis, Sex und verbitterte Ressentiments

Nr.  2 –

Die Publikation der Tagebücher von Patricia Highsmith wirft die Frage auf, ob man Autor:innen posthum vor sich selbst schützen soll und kann.

«Kingsley geht mir auf die Nerven. […] Wieso zur Hölle macht sie nicht mal eine Diät?» – «Es gibt nichts Besseres im Leben, als mit seiner Liebsten in der Welt herumzureisen.» – «Ein Grund, Autos zu bewundern: Sie richten mehr Personenschaden an als ein Krieg.» Fans der 1995 im Tessin verstorbenen US-Schriftstellerin Patricia Highsmith werden in der nun vorliegenden Leseausgabe ihrer Tagebücher und Notizhefte viel Stoff zum Verweilen finden. Man blickt gleichsam über die Schulter der emsigen Tagebuchschreiberin auf ihr innerstes Privatleben und in ihre Gedankenwelt hinein. Wir erfahren, mit wem die weltberühmte Autorin getrunken, gestritten und geschlafen hat, können ihre Entwicklung zur Schriftstellerin und ihre eiserne Arbeitsdisziplin verfolgen – und den lebenslangen Krampf mit ihrer Mutter. Stellenweise lesen sich die Einträge wie ein historisches «Sex and the City» aus der lesbischen Szene im New York der vierziger Jahre, wo sie ihre ersten Jobs und Beziehungen hat. Später verlagern sich die Schauplätze nach Europa, wo Highsmith ab den 1960er Jahren hauptsächlich lebt – und wo ihre Bücher bald mehr Beachtung finden als in ihrer alten Heimat.

Aus vielen Sprachen übersetzt

Doch ist diese Tagebuchausgabe wirklich die «literarische Sensation», als die sie der federführende Zürcher Diogenes-Verlag anpreist, der die Weltrechte an allen Texten von Highsmith besitzt? Sensationell war sicher die durchgetaktete Veröffentlichung dieser nun zum kompakten Ziegelstein verdichteten Tagebücher. Das Buch erschien im November 2021 fast zeitgleich auf Deutsch, Englisch und Französisch. Sensationell war auch die Editionsarbeit: 8000 mit teils fast unleserlicher Handschrift gefüllte Seiten wurden transkribiert, aus unterschiedlichen Tage- und Notizbuchkonvoluten zusammengeführt, auf 1300  Druckseiten zusammengestrichen, einheitlich übersetzt aus passagenweise fantasievollem Highsmith-Deutsch, -Französisch, -Spanisch und -Italienisch. Die Schriftstellerin hat viele Einträge in Fremdsprachen verfasst, zum Schutz vor neugierigen Geliebten, die aus diesen privaten Notizen mehr erfahren hätten, als ihnen – und Highsmith selbst – lieb sein konnte.

Kurz bevor letzten Herbst nach der deutschen auch die englische Ausgabe lanciert wurde, kritisierte die «NZZ am Sonntag» nicht nur einige editorische Entscheide, sondern warf der Herausgeberin und langjährigen Highsmith-Lektorin Anna von Planta auch ganz konkret vor, antisemitische Passagen herausredigiert zu haben. Das erwähnte Beispiel wiegt schwer. Im Original schreibt Highsmith am 27. Juni 1943: «Wider besseres Wissen ging ich […] zu den Hymans, die für den New Yorker arbeiten. Die widerlichen Juden.» In der nun abgedruckten Version steht anstelle der antisemitischen Beschimpfung schlicht «Furchtbar». Von Plantas merkwürdige Begründung für diesen Eingriff: Die Passage gehöre zu den «extremeren Fällen», und man habe ihn «in Sachen Antisemitismus auch nicht besonders aufschlussreich» gefunden, so werde kein antisemitisches Stereotyp wie etwa Geiz reproduziert.

Obwohl diese Antwort mehr Fragen aufwirft als beantwortet – wozu sollte man überhaupt zwischen «aufschlussreichem» und «nicht aufschlussreichem» Antisemitismus unterscheiden wollen? –, ging die Publikation der englischen Fassung ohne Misstöne vonstatten. Die Medien im englischen Sprachraum feierten die Tagebuchedition, von der Kontroverse um den unterdrückten Antisemitismus hatten sie offenbar nichts mitbekommen. Doch sind damit die Vorwürfe der «NZZ am Sonntag» natürlich nicht aus der Welt.

Um die Qualität der Diogenes-Edition seriös beurteilen zu können, müsste man sie systematisch mit den Originalen abgleichen, was jeden Zeitrahmen sprengen würde. Wer knapp zwei Tage mit den Originaltagebüchern verbringt, die im Literaturarchiv Bern eingesehen werden können, findet anhand von Stichproben keine Evidenz für eine systematische Verfälschung. Aber man entdeckt weitere Stellen, bei denen der Antisemitismus abgeschliffen wurde. Eine Hassrede gegen Israel etwa wurde ausgerechnet um eine Passage entschärft, die Highsmith mit den Worten «ebenso wichtig» einleitet. Darin bezichtigt sie «die Juden», einen «zweiten Holocaust» an den Palästinenser:innen zu begehen. Hitlers Genozid an den Juden und Jüdinnen relativiert sie als «versucht».

Liebesbeziehungen als roter Faden

Man kann sich nach der Lektüre dieser Edition kaum Illusionen darüber machen, dass Highsmith Antisemitin war. Doch das wahre Ausmass ihres Judenhasses, der auch in mehreren Biografien dokumentiert ist, wird hier beschönigt. Diese Beschönigung wird in der Einleitung sogar angekündigt. In wenigen «extremeren Fällen» habe man es als «redaktionelle Pflicht» empfunden, «ihr eine Bühne zu verweigern», heisst es da. Bloss, warum hat man dann vor allem den Antisemitismus entschärft, die exzessive Trinkerei mit oft einzeln durchgezählten Martinis und den teils haarsträubenden Umgang mit Geliebten dagegen stehen lassen? Ebenfalls irritierend: Im Vorwort wird Highsmiths Rassismus als «häufig ein vor allem sprachliches Problem» kleingeredet. Zeitzeug:innen berichten allerdings, dass Highsmith sich nicht zu schade war, Gäste mit aufgemalter Auschwitznummer zu provozieren – oder mit dem Wort «Semicaust», als Ausdruck des Bedauerns, dass die Nazis nicht alle Juden ermordet hatten.

Der Entscheid, sich hauptsächlich auf ihre obsessiv ums eigene Ich kreisenden Tagebücher zu konzentrieren und viel seltener aus den eher auf literarische Fragen fokussierten Notizbüchern zu zitieren, geschah sicher bewusst. Man wollte eine private Highsmith aus diesen Büchern herausschälen, mit ihren wechselnden Liebesbeziehungen als rotem Faden. Diese Tagebuchausgabe taugt als Schmöker – was für einen Publikumsverlag wie Diogenes legitim ist. Doch wer in Zukunft Passagen aus den Tage- und Notizbüchern zitieren will, die nicht in dieser Auswahl abgedruckt sind, muss die Erlaubnis des Rechteinhabers Diogenes einholen. Dies gibt der nun vorliegenden Ausgabe, die wissenschaftlichen Standards nicht genügt – so sind Kürzungen nicht markiert und die Übersetzungen teils sehr frei –, viel Gewicht.

Das Buch, das nur einen Bruchteil des tatsächlichen Textkonvoluts enthält, ist denn auch weniger eine «literarische Sensation». Vielmehr erscheint es als Versuch, Highsmith für das 21. Jahrhundert startklar zu machen: lesbisch, selbstbezogen, die Autorin als «fröhliche junge Frau, mit optimistischem, ehrgeizigem Blick in die Zukunft», wie es im Vorwort heisst, als Gegengewicht zum bekannten Image der «finsteren, bissigen» Misanthropin. Der Diogenes-Verlag will mit Highsmith weiterhin Geld verdienen, auch Verfilmungen sind geplant. Am Filmfestival von Venedig wurden sogar die Highsmith-Tagebücher selbst auf dem Adaptionsmarkt zum Kauf angeboten. Sollte eine solche Verfilmung je Realität werden, käme eine Hauptfigur mit antisemitischen Ausfällen wohl eher ungelegen.

Patricia Highsmith: Tage- und Notizbücher. Herausgegeben von Anna von Planta. Diogenes. Zürich 2021. 1370 Seiten. 47 Franken