Nr. 49/2008 vom 04.12.2008

Jahrestage

Von Martin Fürst

Da ist einer, der recherchiert wie Emile Zola. Ist aber Deutscher aus dem Osten, lebt hundert Jahre später, wird aufgezogen in Systemen des kollektiven Nationalismus und Sozialismus, verpflanzt in die Massengesellschaft des Kapitalismus und will schreiben. Nicht für die Kioske der Epressbahnhöfe im Westen. Auch nicht über Menschen im Verband, er liebte sie einzeln und in ihren Zusammenhängen. Nach seinem Ohr, nach der Erinnerung erzählen wollte er, und allem gerecht werden: der Wirklichkeit, den Figuren, seinen LeserInnen, denen nichts vorgeflunkert werden sollte.

Und so schrieb Uwe Johnson etwa über die Farbe Gelb in New York: «Nie so viel Gelb gesehen wie hier. (...) Gelb ist hier die Luft, wenn sie erstickt. (...) Gelb sind die massiven Schilder der unerschwinglichen Ärzte poliert, zu einer Zeile aus schierem Gold, nur noch die Vernunft hält das für Messing. (...) Die Butter ist verdächtig gelb.» Drei Seiten lässt er sich über eine Farbe aus: Wie packt so einer die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts in ein Buch? Auf köstlichen 1900 Seiten - die «Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl». Dieses Glanzstück der Roman- und der Geschichtsschreibung ist ein Konzentrat von Individual- und Gesellschaftsgeschichte, wie bei Joseph Roth oder Honoré Balzac. Darin spiegelt sich auch manch anderes aus Literatur und Kunst: Marcel Proust und die Vermischung von Erinnertem und momentan Gelebtem, James Joyce und das Hervorquellen von SprecherInnen aus dem Erzählrahmen, der zerlegte Blick der Kubisten, das Einfügen der Zeitungen in den Rayon der Literatur (à la Alfred Döblin oder Jean-Paul Sartre), das Ineinandergreifen von Zeitungsbericht (verfasst in der Art der Moderne: rationell, unter Zeitdruck und Zwang zur Kürze) und traditionellem, ausholendem Erzählen.

Welches Buch wir auch zur Hand nehmen: Wir lesen in einem Bruchstück der kollektiven Weltgeschichte. Ist das Buch aber von Johnson, wird das Bruchstück unweigerlich viel grösser, fast zu einem Gesamtbild. Bruchstück bleibt es, aber ein kostbares.

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