Nr. 50/2008 vom 11.12.2008

Noch lange nicht gehfähig

Bei den jüngsten Auseinandersetzungen zwischen Russland und Georgien hatte die schnelle Anerkennung des Kosovos durch den Westen eine gewichtige Rolle gespielt. Aber ist der Kosovo tatsächlich unabhängig?

Von Thomas Bürgisser

Zwischen dem sechsten und zehnten Monat nach der Geburt beginnen die meisten Babys zu krabbeln. Dies ist der erste Schritt zur autonomen Fortbewegung und Unabhängigkeit. Wie sieht diese Entwicklung bei Staaten aus? Die Republik Kosovo, die am 17. Februar 2008 proklamiert und bisher erst von gut fünfzig Staaten anerkannt wurde, ist von einer selbstständigen Entwicklung noch weit entfernt. Seit 1999 sind für alle Regierungs- und Verwaltungsangelegenheiten die Uno-Mission Unmik sowie Organe der Europäischen Union (EU) und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) verantwortlich. Kfor-Truppen aus Nato-Mitgliedsstaaten halten den Kosovo besetzt - Camp Bondsteel im Südosten des Kleinstaats ist die grösste US-Militärbasis in Europa. So kommt es vor, dass Rechtshändel zwischen KosovarInnen von den italienischen Carabinieri registriert werden und unter Beizug schwedischer und lettischer Anwälte vor einer belgischen Richterin verhandelt werden. Kein Zweifel: Kosovo ist ein Protektorat der «internationalen Gemeinschaft» - will heissen: von EU und USA.

Der Wiener Historiker und Publizist Hannes Hofbauer lässt in seinem Buch «Experiment Kosovo» keine Illusionen darüber, was sich hinter Floskeln wie «humanitäre Intervention» und «überwachte Unabhängigkeit» verbirgt: Die Arbeit Tausender internationaler VerwalterInnen im Kosovo, die de facto sämtliche relevanten Staatsaufgaben wahrnehmen, bleibt reiner Selbstzweck: In kurzen Schichten geben sich die «Internationalen», die weder Zeit noch Interesse an einem tieferen Verständnis der gesellschaftlichen Begebenheiten vor Ort haben, die Klinke in die Hand  - nicht ohne für den «humanitären Einsatz» fette Prämien einzustreichen und mit erhöhten Karrierechancen in die «Zivilisation» zurückzukehren. Bestehende wirtschaftliche, soziale und politische Strukturen wurden von den internationalen Organisationen weitgehend zerstört, dafür blühen im Kosovo Menschenhandel und Prostitution, Waffenschieberei, Drogenschmuggel und der illegale Handel mit zollpflichtigen Waren. Mit dem Armenhaus Europas hat sich die organisierte Kriminalität einen eigenen Staat geschaffen.

Totgeburt mit Folgen

Der historische Rückblick, mit dem Hofbauer sein Werk einleitet, ist für das Verständnis der gegenwärtigen Probleme und das Ausräumen von Vorurteilen unabdingbar, krankt jedoch leider an methodischer Unschärfe. Die Bibliografie weist auch dort einige bedauernswerte Lücken auf, wo eigentlich reichlich fundierte Literatur vorhanden wäre. Schon den Begriff «Balkan» gebraucht Hofbauer zuweilen unreflektiert - und schreibt sich so in eine «koloniale» Tradition ein, gegen die er mit seinem Buch eigentlich ankämpfen will: Der «Balkan» bleibt bei ihm ein diffuser Begriff und Synonym für eine «historische Konfliktregion». Mit der «Rückkehr des Kolonialismus» zieht er zudem historisch problematische Parallelen zwischen den Epochen, anstatt auf bestehende Kontinuitäten hinzuweisen.

Hofbauers Analyse der gegenwärtigen Situation im Kosovo stützt sich auf zahlreiche, teilweise brisante Behörden- und NGO-Berichte, Zeitungsartikel, persönliche Anekdoten und Beobachtungen sowie Interviews, die er anlässlich seiner Reisen vor Ort geführt hat. So spannend seine Darstellungen auch sind, so macht sein Buch stellenweise doch den Eindruck eines nur zur Hälfte durchstrukturierten, unausgegorenen Work in progress: Schnelle Wechsel zwischen Reportage, Analyse, Porträts, Wiederholungen und Exkurse vermischen sich zuweilen zu einer wilden Rhapsodie, die den Text an die Grenzen der Lesbarkeit führt. Hofbauer schreibt dort engagiert und packend, wo er nicht einer Tendenz zur Polemik Raum gibt, mit der er seine fundierten Analysen manchmal zu untergraben droht.

Trotzdem lohnt sich die Lektüre von Hofbauers Buch, markiert doch das «Experiment Kosovo» einen sehr bedeutsamen und verhängnisvollen Wechsel in der europäischen Nachkriegspolitik. Von solchen Hebammen betreut, wird das Kind Kosovo wohl noch lange weder krabbeln noch gehen. Der Beweis, dass der jüngste Staat Europas mehr ist als eine Totgeburt, muss erst noch erbracht werden.

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