Nr. 17/2008 vom 24.04.2008

Im Kerker der Stasi

Als Funktionär der Kommunistischen Partei Deutschlands arbeitet Fritz Sperling gegen Ende des Zweiten Weltkrieges von der Schweiz aus mit dem US-Geheimdienst OSS zusammen. Das wird ihm viele Jahre später zum Verhängnis.

Von Daniel Stern

Das geheime Treffen findet am Wochenende des 24. und 25. März 1945 auf dem Dachboden eines Hauses beim Bellevue im Zentrum von Zürich statt. 44 ordentliche Delegierte der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) sowie zehn Gäste sprechen über die Zukunft der Partei im vom Krieg zerstörten Deutschland. In diesen Tagen ist der Zusammenbruch der Naziherrschaft immer deutlicher absehbar. Das Ruhrgebiet wird von US-Truppen eingekreist, während im Osten die Rote Armee achtzig Kilometer vor Berlin steht.

Die KPD-EmigrantInnen in der Schweiz müssen immer noch zum grössten Teil in Internierungslagern leben. Allerdings haben sich die Bedingungen in den letzten Monaten deutlich verbessert. Fritz Sperling ist seit Anfang Jahr im Schul- und Werkstättenlager in Zürich-Wallisellen untergebracht, wo er als Büroangestellter Kurse für Flüchtlinge organisiert. Er nutzt sein Büro rege für die Parteiarbeit und trifft sich in Zürich mit den GenossInnen.

An der geheimen Parteiversammlung referiert Sperling über die anstehenden Aufgaben im Nachkriegsdeutschland. Zuerst stellt er aber klar, das dies eng verknüpft ist mit dem, was in den letzten Kriegswochen passiert: «Heute besteht unsere Pflicht darin, noch in letzter Stunde alle Kräfte zusammenzureissen im Kampf gegen Hitler, denn davon hängt das Mass unseres Mitspracherechts und unserer Mitbeteiligung am Aufbau eines neuen Deutschlands ab.» Die Basis dazu sei die Zusammenarbeit mit den Alliierten.

Die KPD-Leitung in der Schweiz verfügt seit einigen Wochen über einen Kontakt zum US-Geheimdienst Office of Strategic Services (OSS). Dieser koordinierte im Zweiten Weltkrieg seine Aktivitäten in Europa von Bern aus. Anfang März 1945 fand in einem Hotel am Zürichsee ein erstes Treffen mit Clyde Lewis Clark statt, der sich als Vertreter der US-Botschaft vorstellte. Er versprach den drei anwesenden Leitungsmitgliedern der KPD - neben Sperling sind das Bruno Fuhrmann und Hans Teubner - Geld für den politischen Kampf. Im Gegenzug will er Informationen über deutsche Truppenbewegungen sowie über die Naziuntergrundorganisation Werwolf, die in den befreiten Gebieten Terroranschläge vorbereitet. Zudem will Clark Angaben über NazionalsozialistInnen, die sich in der Schweiz aufhalten.

Die Abschnittsleitung Süd der KPD hatte im September 1944 Ludwig Ficker ins Nazireich geschickt. Dieser reiste nach München, wo er Kontakt mit AntifaschistInnen aufnahm und mit verschlüsselten Briefen seine GenossInnen in der Schweiz über die aktuelle Entwicklung auf dem Laufenden hielt. Eine wichtige Quelle über die Zustände in der deutschen Armee sind für die KPD die Deserteure und die auf Schweizer Gebiet abgedrängten deutschen Soldaten, die in der Schweiz interniert sind. VertreterInnen der Bewegung Freies Deutschland (FD) besuchen diese Internierungslager und bauen Gruppen von Nazigegnern auf. Da die KPD das FD faktisch kontrolliert, hat sie auf alle so gewonnenen Informationen Zugriff. Ausserdem verfügt die Partei in Basel über Kontakt zu einem Eisenbahner aus Süddeutschland, der Informationen zu Truppentransporten und dem Zustand des Schienennetzes und der Bahnhöfe weitergibt.

Ende März 1945 treffen sich Sperling, Fuhrmann und Teubner ein zweites Mal mit Clark. Im Café Central in der Nähe des Zürcher Hauptbahnhofes informieren sie ihn über das, was sie aktuell aus Deutschland erfahren haben. Im Gegenzug erhalten sie 6000 Franken. Im Verlauf der nächsten Wochen werden sie sich weiterhin mit Clark in verschiedenen Zürcher Cafés treffen und insgesamt 10 000 Franken und 10 000 Reichsmark erhalten. Ausserdem verspricht ihnen Clark eine kleine Druckmaschine, die sie in einer Wohnung an der Zürcher Bahnhofstrasse abholen können. Dafür organisieren die drei ein Treffen Clarks mit ihrem Kontaktmann bei der Deutschen Reichsbahn.

Partisanentraum

Die Zusammenarbeit der KPD mit dem OSS läuft auch auf militärischem Gebiet. Die KPD-Leitung in der Schweiz beschliesst im April 1945, weitere GenossInnen nach Deutschland zu schicken. Bevor sie über die Grenze gehen, treffen sie sich mit einem Militärexperten des US-Geheimdienstes. Von diesem werden sie instruiert, wie man in der Nacht einen Platz für den Abwurf von Waffen sichtbar macht.

Die KPD erwägt in dieser Phase, eine Partisanengruppe im Süden Deutschlands aufzustellen. Im befreiten Frankreich werden bereits rund dreissig KPD-Mitglieder von US-Militärs im Gebrauch von Waffen und Funkgeräten unterrichtet. Ein Teil lernt auch den Fallschirmabsprung, damit man sie hinter den feindlichen Linien absetzen kann. Allerdings kommt niemand mehr zum Einsatz. Die Front der Reichswehr bricht zusammen, ein geordneter Rückzug ins bayrische Alpengebiet findet nicht statt. Hitler begeht am 30. April Selbstmord, und am 8. Mai kapituliert die deutsche Armeeführung bedingungslos.

Mit dem Ende des Krieges ist es der KPD nicht sofort möglich, alle ihre Kader zurück nach Deutschland zu schicken. Die Schweiz stellt keine Ausreisevisa aus, und die Alliierten dulden vorerst keine Einreisen. Wieder müssen die GenossInnen den Weg über die grüne Grenze suchen. Jetzt geht es um den Neuaufbau der Organisation und darum, Schlüsselpositionen in den neu entstehenden Gewerkschaften wie auch in lokalen und regionalen Verwaltungen zu besetzen.

Im Juli 1945 ist Fritz Sperling an der Reihe. Nachdem er einen vierwöchigen Sonderurlaub zwecks Impfkur absolviert hatte, kehrt er nicht mehr ins Lager nach Wallisellen zurück. Er überquert wie schon oft zuvor illegal die Grenze und reist nach München. Am 27. Oktober kommt seine Freundin Lydia Hug nach. Die Schweizerin reist legal und kann sogar Möbel, Geschirr, Bücher und Kleider mit einem Auto der US-Besatzungsbehörde in die Stadt transportieren.

Seit dem 1. November 1945 ist die KPD in Bayern offiziell zugelassen. Über die Aktivitäten in der Schweiz hat die Abschnittsleitung Süd dem Zentralkomitee Bericht erstattet. Auch die Kontakte zum OSS sind dem ZK bekannt. Sperling gilt innerhalb der Partei als vertrauenswürdig und wird mit der Leitung des Bezirks Südbayern betraut.

Mehrmals kehrt er in die Schweiz zurück, immer illegal, da ein Ausweisungsbefehl des Bundesrates vom 15. Januar 1941 nach wie vor seine Gültigkeit hat. Einmal wird er zusammen mit zwei Genossen, dem inzwischen zum Staatssekretär im bayrischen Innenministerium aufgestiegenen Ludwig Ficker und dem langjährigen Weggefährten Wilhelm Fels, von der Basler Grenzpolizei unter Einsatz einer Schreckschusspistole verhaftet. Sperling und Fels müssen wegen verbotenen Grenzübertritts für vier Tage ins Gefängnis, gegen Ficker wird die Anklage wegen seines hohen Amtes zurückgezogen.

Im gleichen Jahr wird Sperling wegen eines anderen illegalen Grenzübertritts von den US-Besatzungsbehörden in Deutschland zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Er war in die sowjetisch besetzte Zone nach Berlin gereist, um an einer Parteiversammlung teilzunehmen. In der Ostzone wird die Sozialdemokratische Partei mit der KPD zwangsvereinigt. Die neue Sozialistische Einheitspartei SED wird von der alten KPD-Spitze dominiert, zumeist Leute, die die Kriegszeit in der Sowjetunion verbrachten. Die KPD in Westdeutschland andererseits bekommt zunehmend den Antikommunismus der westlichen Besatzungsmächte zu spüren.

Sperling heiratet 1947 in München Lydia Hug. In der Partei steigt Sperling weiter auf. 1948 wird er in den Vorstand der KPD und kurze Zeit später in das Sekretariat des Vorstandes gewählt. Die KPD im Westen bleibt mit der SED im Osten eng verbunden, faktisch ist die SED bestimmend. Sperling gehört der Arbeitsgemeinschaft beider Parteien an. Die unaufhörliche Parteiarbeit belastet seine Gesundheit schwer, und im Mai 1948 erleidet er einen Herzinfarkt. Doch richtig erholen kann er sich nicht: 1949 wird im Westen die Bundesrepublik Deutschland (BRD) gegründet und anschliessend im Osten die Deutsche Demokratische Republik (DDR). Bei den Bundestagswahlen in der BRD gewinnt die KPD fünfzehn Sitze. Sperling erleidet nach dem Wahlkampf einen zweiten Herzinfarkt und bleibt für mehrere Monate im Spital.

Die Noel-Field-Affaire

Im Krankenhaus erfährt Sperling von einem Prozess in Ungarn, der auch sein Schicksal bald dramatisch verändern wird. Führende Mitglieder der Kommunistischen Partei Ungarns werden im September 1949 beschuldigt, Agenten der USA und des abtrünnigen jugoslawischen Kommunistenführers Josip Broz Tito zu sein. Josef Stalin und sein Geheimdienstchef Lawrenti Beria haben damit begonnen, eine Welle von Schauprozessen zu inszenieren, um mögliche Bestrebungen der Kommunistischen Parteien Osteuropas nach Selbstständigkeit rigoros zu unterbinden. Die ungarischen Kommunisten László Rajk, András Szalai und Tibor Szönyi werden zum Tode verurteilt und hingerichtet, weitere Angeklagte zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Als geheimer Kronzeuge der Anklage dient Noel Field, jener US-amerikanische Hilfswerkvertreter, der von der Schweiz aus die GenossInnen der KPD unterstützte und mit dem sich Sperling einst vergebens treffen wollte. Field ist 1949 in Prag entführt worden und wird danach sechs Jahre ohne Prozess festgehalten und gefoltert. Auch die Angeklagten in Ungarn werden schwerstens gefoltert und einer Gehirnwäsche unterzogen. Sie beschuldigen sich schliesslich selber, Agenten des US-Imperialismus zu sein.

Der Prozess in Ungarn führt auch innerhalb der SED und der ihr angeschlossenen KPD im Westen zu einer Säuberungswelle. Sperling ist in dieser Zeit noch ein eifriger Mitverfechter der Parteisäuberungen. An einer Kaderkonfernz im Januar 1950 ruft er dazu auf, die GegnerInnen systematisch zu entlarven: «Die Feinde der Partei sind die Feinde der Arbeiterklasse.»

Im März 1950 wird der KPD-Bundestagsabgeordnete Kurt Müller in Ostberlin verhaftet und später als angeblicher Spion in der Sowjetunion zu 25 Jahren Haft verurteilt. Müller war zweiter Parteivorsitzender der KPD, Fritz Sperling wird sein Nachfolger. An einer Sitzung im August 1950 lobt er den Parteivorsitzenden Max Reimann, der bei der «Entlarvung» von Kurt Müller mitgewirkt haben soll. Müller sei ein «Feind der Nation, der die Partei zersetzt» und so dem «Imperialismus und seinen Agenturen» geholfen habe.

Fritz Sperling erhält Ende Jahr von der Partei eine Einladung, sich zusammen mit seiner Frau im neuen Regierungskrankenhaus der DDR gründlich untersuchen zu lassen. Tatsächlich ist Sperling wegen seiner Herzinfarkte gesundheitlich schwer angeschlagen. Lydia Sperling-Hug andererseits leidet seit Ende der dreissiger Jahre an einer fortschreitenden Gichterkrankung und kann kaum mehr selbstständig gehen. So reisen die beiden Anfang Januar 1951 nach Ostberlin.

Reif für einen Schauprozess

Anfang Februar besucht der KPD-Vorsitzende Max Reimann Sperling am Krankenbett. Er teilt ihm mit, dass er wegen der Noel-Field-Affaire aus dem Parteivorstand ausgeschlossen werde. Sperling protestiert und fordert eine Aussprache. Am 26. Februar wird er abgeholt. Ein Parteifunktionär verspricht ihm die geforderte Aussprache. Er solle sich doch noch kurz von seiner Frau verabschieden. Mit dem Auto wird er in ein Gefängnis im Berliner Stadtteil Hohenschönhausen gefahren, wo man schon auf ihn wartet. Ein Mann begrüsst ihn mit den Worten: «Nun Sperling, was sagen Sie dazu, dass Sie bei der Staatssicherheit gelandet sind?»

Sperling befindet sich im Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit. Er wird hier, ohne je einen Haftbefehl zu sehen, zweieinhalb Jahre in einem unterirdischen Trakt festgehalten. Häftlinge bezeichnen dieses Stasi-Gefängnis als U-Boot. Die Zellen sind mit einer Pritsche und einem Kübel ausgestattet, in den man seine Notdurft verrichten muss. Es gibt weder Stuhl noch Tisch. Die Heizung funktioniert nur ungenügend.

Noch in der Nacht seiner Ankunft wird Sperling ein erstes Mal verhört. Es ist Erich Mielke, der stellvertretende Leiter des Ministeriums für Staatsicherheit, der ihn befragt. Sperling hat ihn an der Leninschule in Moskau kennengelernt. Mielke wird später Minister für Staatssicherheit und Mitglied des Politbüros der SED werden und diese Funktionen bis 1989 beibehalten. In dieser Nacht fordert Mielke von Sperling, dass er sich als amerikanischen Spion bezichtigt.

In der Folgezeit wird Sperling immer nachts befragt. Tagsüber ist ihm das Schlafen verboten. Liegt er auf seiner Pritsche und schliesst die Augen, wird er sofort wieder geweckt. Im Wiederholungsfall wird die Matratze aus der Zelle geschafft. Die Verhöre werden durch einen Mitarbeiter des sowjetischen Geheimdienstes geleitet. Immer und immer wieder wird er über seinen Werdegang befragt, welche Position er zu welchen politischen Fragen eingenommen habe. Besonderes Interesse zeigen die Vernehmer an Sperlings Kontakten zum OSS und zu Noel Field. Auch wollen sie, dass er sich zu verschiedenen GenossInnen äussert. Einmal schlägt ihm der sowjetische Geheimdienstmann während zwei Stunden unterbrochen auf sein Herz, im Wissen darum, dass er zwei Herzinfarkte hinter sich hat. Während anderen Vernehmungen muss er stundenlang mit dem Gesicht zur Wand stehen. Trotz zunehmender Zahnschmerzen und einer Vereiterung des Kiefers wird ihm eine zahnärztliche Behandlung verweigert.

Nach drei Monaten kommt Sperling während mehrerer Wochen zu einem Mithäftling in eine andere Zelle. Bei diesem handelt es sich um einen verdeckten Mitarbeiter der Stasi. Sperling scheint ihm anfänglich zu misstrauen und tischt ihm erfundene Geschichten auf. Später entschuldigt er sich deswegen bei ihm. Er sagt, er habe seine Identität nicht offenlegen wollen. Seine Verhaftung sei womöglich ein Staatsgeheimnis. Der Stasispitzel protokolliert alle Gespräche.

Sperling wird in unregelmässigen Intervallen verhört, mal während Wochen jede Nacht, dann wieder monatelang gar nicht. Er wird dabei im Unwissen gelassen, was mit ihm passieren soll und was draussen geschieht. Im September 1952 erleidet Sperling einen weiteren Herzinfarkt. Ärztliche Hilfe erhält er jedoch erst einen Monat später.

Im Verlauf der Verhöre gelingt es den Vernehmern, ihn zu immer weiterreichender Selbstkritik zu bewegen. Schliesslich erklärt er die Fehler, die er glaubt begannen zu haben, selber zu einer verbrecherischen Tätigkeit, seine politischen Positionen bezeichnet er nun als kleinbürgerlich und trotzkistisch. Sein Selbstbild als Antifaschist und überzeugter Kommunist wird zerstört. In einem 58-seitigen handgeschriebenen «Geständnis» bezichtigt er sich, nie ein echter Kommunist gewesen zu sein und vor dem US-Imperialismus kapituliert zu haben.

Sperling ist in dieser Zeit wohl reif für einen Schauprozess. Doch es wird keinen geben. Die Verhältnisse in der Sowjetunion haben sich geändert. Im März 1953 stirbt Stalin, und kurze Zeit später wird Geheimdienstchef Beria entmachtet und hingerichtet. Ausserdem ist die Stimmung in der DDR aufgeheizt. Am 17. Juni 1953 erhebt sich ein Teil der DDR-Bevölkerung gegen die Staatsführung. Auslöser sind die schlechte wirtschaftliche Lage wie auch die angekündigte Erhöhung der geforderten Arbeitsleistung. In vielen Grossbetrieben legen die Beschäftigten ihre Arbeit nieder. Schliesslich greift die Sowjetarmee ein, lässt Panzer auffahren und verhängt den Ausnahmezustand. Sperling wird im Oktober 1953 in ein anderes Stasi-Gefängnis nach Berlin-Lichtenberg verlegt. Am 18. März 1954 verurteilt ihn das Oberste Gericht der DRR in einem Geheimprozess wegen «Verbrechen gegen den Frieden» zu sieben Jahren Zuchthausstrafe.

Sperling kommt ins Zuchthaus Brandenburg. Er unterliegt hier strengster Isolation, wird jetzt aber immerhin von einem Zahnarzt behandelt. Alle Zähne des Oberkiefers müssen ihm gezogen werden. Nach über drei Jahren wird ihm gestattet, alle zehn Tage und später jede Woche ein Buch zu lesen. Radio und Zeitungen sind jedoch tabu. Von den Vorgängen in der Welt hat er keine Ahnung. Erst im November 1955 darf er zum ersten Mal einen Brief an seine Frau schreiben. Da er nicht weiss, wo sie wohnt, schickt er ihn an ihre alte Adresse in Frankfurt. Am 18. Februar 1956 erfährt er von der Anstaltsleitung, dass seine Frau in einem DDR-Pflegeheim im Kreis Aschersleben untergebracht ist.

Keine Wiedereinbürgerung

Auch Lydia Sperling-Hug, die nach ihrem Krankenhausaufenthalt in der DDR bleiben muss, wird lange über das Schicksal ihres Mannes im Ungewissen gelassen. Gesundheitlich geht es ihr schlecht. Erst eineinhalb Jahre nach der Verhaftung ihres Mannes erfährt sie aus der Zeitung, dass dieser ein «amerikanischer Agent» und «Parteifeind» sei. Sie verlangt eine Aussprache mit der Partei. Um sich Klarheit zu verschaffen, will sie, dass man ihre politische Zuverlässigkeit als Parteimitglied überprüft. Gegen ihren Willen wird sie im Frühling 1953 in das Pflegeheim Rosa Luxemburg eingewiesen, wo ausschliesslich psychisch kranke und sehr alte Menschen leben. Sie trifft sich mehrmals mit August Stötzel von der Zentralen Parteikontrollkommission. Er protokolliert, dass sie bereit sei, in die Schweiz zurückzukehren. Sie studiert mit ihm die Einbürgerungsunterlagen der Schweizer Behörden, denn nach ihrer Heirat hat sie nach damaligem Gesetz das Schweizer Bürgerrecht verloren. Gemäss Stötzels Protokoll verlangt Lydia Sperling-Hug, dass die Partei ihr bei einer Umsiedlung materiell helfen müsse. Sie verfüge über kein Vermögen und erhalte als Invalide in der Schweiz auch keine Arbeitsstelle. Stötzel erwidert, dass sie sich eben in der Schweizer Partei engagieren müsse, damit der Schweizer Staat besser für Invalide sorge. Stötzel bemerkt in seinen Aufzeichnungen, dass sie mit ihrer Entscheidung noch immer «schwankt und spekuliert». Man müsse sie in den nächsten Wochen wegen der Rückreise nochmals treffen, «um ihren Gedankengang weiterzuführen». Das Ziel sei, «sie so anständig wie möglich in die Schweiz zurückzubefördern».

Tatsächlich stellt Lydia Sperling-Hug 1953 ein Gesuch um die Wiederaufnahme ins Schweizer Bürgerrecht. Dieses wird jedoch auf Vorschlag der Bundesanwaltschaft vom Bundesrat abgelehnt. Auch ein Gesuch um Wiedererwägung findet Ende 1955 kein Gehör. Die Bundesanwaltschaft begründet die Ablehnung mit dem Hinweis auf den «unrühmlichen Schweizaufenthalt» von Fritz Sperling, der Verurteilung von Lydia Sperling-Hug 1943 wegen kommunistischer Tätigkeit und mit der Tatsache, dass «sie bereits bei ihren Eltern in einem eindeutig kommunistischen Milieu lebte».

Opfer der Parteifeinde

Fritz Sperling wird am 8. März 1956 begnadigt und aus dem Zuchthaus Brandenburg entlassen. Zuvor schreibt im Auftrag der Kontrollkommission der SED einen Bericht über seine Haftzeit, in dem er nochmals benennt, welche Fehler er begangen habe, aber auch klarmacht, dass diese in keinem Verhältnis zu der erlittenen Strafe stehen. Erst danach erfährt er von den weltpolitischen Ereignissen der letzten Jahre: von Stalins und Berias Tod und insbesondere auch von der Rede, die der neue sowjetische Vorsitzende Nikita Chruschtschow auf dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) im Februar 1956 hielt, wo er die Verbrechen Stalins benennt und den Kult um dessen Person anprangert. Nachdem er sich in Freiheit befindet, trifft er mit einer Untersuchungskommission zu seinem Fall zusammen, die unter der Leitung von Stötzel steht. Sperling fordert die Aufhebung des Urteils gegen ihn und seine volle Rehabilitierung. Er ist jetzt davon überzeugt, dass die nach Stalins Tod «von der KPdSU vernichtete Bande von Feinden», namentlich Beria für die Verbrechen an ihm verantwortlich ist. Er, wie auch die SED und die KPD, seien letztlich Opfer dieser Parteifeinde geworden. Allerdings müssten die «böswilligen Werkzeuge» dieser Feinde «entlarvt und bestraft» werden. Sie hätten der Partei schweren Schaden zugefügt. Auch diejenigen, die sie «aus falsch verstandener Disziplin» unterstützt hätten, hätten der Partei geschadet. Ihnen sei zu helfen, eine «richtige parteimässige Haltung zu finden».

Doch Sperling wird von der obersten DDR-Führung nicht ernst genommen. Ihnen ist daran gelegen, seine Sache zu vertuschen, zumal es noch etliche weitere Säuberungsopfer gibt.

Am 21. April 1958 stirbt Fritz Sperling nach zwei weiteren Herzanfällen. Das KPD-Organ «Freies Volk» veröffentlicht einen Nachruf auf ihn, ohne seine Haft in der DDR auch nur zu erwähnen. Auch in der SED-Zeitung «Neues Deutschland» erscheint eine kurze Notiz. Er wird auf dem Friedhof der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde begraben. Lydia Sperling-Hug bleibt in Ostberlin. Sie engagiert sich in der DDR-Sektion der Schweizer Partei der Arbeit. Am 5. Juni 1990 stirbt sie mit 72 Jahren in Berlin, kurz vor der offiziellen Auflösung der DDR.

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