Nr. 04/2009 vom 22.01.2009

Die Grenzen des politisch Sagbaren

Der Historiker Lucian Hölscher und Mitautoren untersuchen in einem aufschlussreichen Buch den sprachpolitischen Streit um die Naziverbrechen.

Von Raphael Zehnder

In den sechziger Jahren bezeichnete «political correctness» (PC) in den USA ein Programm, das diskriminierten Bevölkerungsgruppen zu mehr Gleichberechtigung verhelfen sollte. Liberale und Linke verwendeten den Begriff befürwortend. Im Zusammenhang mit US-Debatten über Minderheitenförderung wechselte die PC 1993 in die deutsche Sprachgemeinschaft über. Heute ist die «political correctness», die nicht nur «richtiges» Handeln und Denken, sondern auch «korrektes» Sprechen bezeichnet, weitgehend negativ besetzt: Sie steht, wie das Buch von Lucian Hölscher und seinen Mitautoren zeigt, im Ruch des Gutmenschen-, schlimmer noch: des Tyrannentums! Über manche Themen habe man öffentlich zu schweigen, weil man sonst geächtet oder gar strafrechtlich belangt werde, lautet ein Argument gegen die PC.

Sprachpolitische Moralapostel würden einem die freie Rede, ja das Denken verbieten wollen und einem ihre Meinung als Wahrheit aufnötigen. Deshalb sei Mut nötig, um sich frank und frei auszudrücken und - eine rechts der Mitte ebenfalls beliebte Formulierung - «Tabus zu brechen». Die «politische Korrektheit» hat also eine Karriere bis zum Schimpfwort durchlaufen.

Die Begriffe besetzen

Linken und Liberalen gilt dagegen als Feind der Demokratie, ja der Aufklärung, wer sich politisch inkorrekt äussert. Der Gedanke, dass sich hinter inkorrekter Sprache inkorrekte Gesinnung verberge, war die Grundthese der SprachkritikerInnen in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie sammelten zunächst das Nazivokabular, um jene anzuprangern, die es verwendeten. «Verseuchte» Wörter als Faschismusdetektoren - abwegig war das keineswegs, weil die Sprache während der Nazizeit «zum verpflichtenden, standardisierten Vehikel der Staatsgesinnung» geworden war, wie es Cornelia Berning 1960 in ihrem Aufsatz «Die Sprache des Nationalsozialismus» formulierte. Das «Wörterbuch des Unmenschen», das Dolf Sternberger, Georg Storz und Wilhelm E. Süskind 1957 veröffentlichten, und die von Victor Klemperer während der Nazizeit in Deutschland verfasste Schrift «Lingua Tertii Imperii» (1947) waren die Standardwerke dieser Phase. Die Reinigung der Sprache von nationalsozialistisch geprägtem Wort- und Syntaxmaterial galt den SprachkritikerInnen als Möglichkeit, das Denken der Menschen zu verändern.

Mitte der sechziger Jahre, so legt Gunnar Sandkühler in Hölschers Sammelband dar, trennten sich die skizzierte publizistische Sprachkritik und die Sprachwissenschaft. Letztere will den Menschen nicht verbessern - sie will feststellen, nicht festnehmen lassen. Eines jedoch hatten die SprachkritikerInnen erreicht: Die sprachliche Sensibilität der westdeutschen Gesellschaft hatte sich an den Diskussionen geschärft. Die Konservativen verstanden die Wahlerfolge der SPD 1969 und 1972 auch als Resultat einer klugen Sprachpolitik der Linken. CDU-Generalsekretär Kurt Biedenkopf brachte sie 1973 auf die Formel «Begriffe besetzen»: Die SPD beschlagnahme «positiv besetzte politische Begriffe (Freiheit, Friede, Reform, Solidarität, Mitbestimmung, Mündigkeit, Emanzipation)» für sich und lasse so «den politischen Gegner nicht nur als bar jeder Konzeption erscheinen, sie macht ihn auch im wahrsten Sinn des Wortes sprachlos, das heisst, er ist nicht mehr in der Lage, ohne ständige Übernahme auch der geistigen Konzeption des politischen Gegners sich auszudrücken, und wird so als mögliche politische Alternative gar nicht mehr wahrgenommen».

Der Historikerstreit

Die Sprache war endgültig zum Objekt politischer Auseinandersetzungen geworden - und zum Ort, an dem sich heftige Konflikte entzünden, die, wenn PolitikerInnen sich den Mund verbrennen, in der Regel in deren Rücktritt münden. Dies belegt Thomas Mittmann anhand der PC-Debatten in Deutschland seit Mitte der achtziger Jahre: Am Anfang war der sogenannte «Historikerstreit» (1986/87), in dem konservative HistorikerInnen am historisch korrekten Dogma der Unvergleichbarkeit der Naziverbrechen rütteln wollten. CDU- und FDP-PolitikerInnen riefen mit unbedachten bis vorsätzlich provokativen Äusserungen zur deutschen Vergangenheit Entrüstung hervor. Dem Schriftsteller Martin Walser schlug nach seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 Feindschaft entgegen, weil er sich gegen eine Form der Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen wandte, die durch «Dauerpräsentation» das «Gedenken, das Nichtvergessendürfen» durch eine «Instrumentalisierung» der kollektiven «Schande» ersetze. Auschwitz sei «Drohroutine» und «jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel», «Moralkeule» und «Pflichtübung», und damit Ausdruck einer «sprachlich genormten Betrachtung der Vergangenheit» (Mittmann). Dabei überschritt er sprachliche Grenzen: KommentatorInnen empfanden diese Rede als «durchsetzt mit Wendungen aus dem Vokabular der Neuen Rechten» (Thomas Assheuer in «Die Zeit»).

Die Kritik griff Walser hauptsächlich wegen seiner Ausdrucksweise an. Die Untersuchung dieser Streitfälle verdeutlicht, wie sich die Grenzen des politisch Sagbaren ständig verschieben. Dies spricht dafür, dass eben gerade keine Diktatur des politisch Korrekten herrscht, sondern dass Themen und Worte umkämpft sind. Dass Empörung entsteht, wenn gewisse Grenzen überschritten werden, zeigt, dass solche Grenzen existieren, und dass man, abgesehen von der Strafbarkeit der Leugnung mancher historischer Tatsachen, nicht alles in jedem Wortlaut sagen darf. Es gehe in diesen Kontroversen, schreibt Mittmann, um «eine Auseinandersetzung um die objektiven Sprachgrenzen des politischen Raumes», also um die Frage, wer in welchem Zusammenhang was in welchen Worten sagen darf. Die «Besetzung von Begriffen» spiele dabei eine geringere Rolle als «die Durchsetzung von Normierungs- und Diskurslenkungsstrategien». Wer hat dabei die Deutungshoheit über die Sprache? Schnell erklingt der Vorwurf der linken Hegemonie in den Medien, die die Rechte in ihre geliebte Opferrolle als letzte aufrechte Geister zwinge. Doch sprachnormierend wirken beide Seiten.

Um die Sprache und mit ihr gestritten wird auch hier und heute. Der Ton in der politischen Auseinandersetzung ist auch in der Schweiz härter geworden, zumal sich eine Partei im Dauerwahlkampf befindet und ihre Antagonistin sich auch immer populistischer gebärdet. Ein nicht parteipolitisch besetztes Stichwort soll genügen zur Illustration des rauen Tons: «Die Nacht der langen Messer» bezeichnet mittlerweile im Mund von PolitikerInnen und vielen Medien formelhaft den Vorabend der Bundesratswahl, wo Ränkeschmiede Intrigen zum Wohl oder Weh der KandidatInnen aushecken.

Blutbefleckt

Wer nach der Herkunft und älteren Anwendungen des Ausdrucks fragt, stutzt zumindest, dass politisches Taktieren, wie es in einer Demokratie normal ist, mit einer so blutbefleckten Formulierung belegt wird: Geoffrey von Monmouth bezeichnete im 12. Jahrhundert in seiner «Historia Britonum» die Ermordung keltischer Adeliger durch Jüten, Angeln und Sachsen im Jahr 460 als «Nacht der langen Messer»; die Bartholomäusnacht 1572, als in Frankreich Tausende von Hugenotten geschlachtet wurden, nennt man auch so - und in Deutschland jene Nacht im Jahr 1934, als Hitler die Führung der SA ermorden liess. Sprachliche Gedankenlosigkeit oder Anzeichen dafür, dass in der Schweiz allmählich jedes Mass verloren geht? Wer hätte die Legitimation, dies schlüssig zu entscheiden? Wer die sprachliche Macht, seine Erkenntnis als gültig durchzusetzen?

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