Nr. 32/2019 vom 08.08.2019

«Puritanisch sein möchte niemand. Aber was fürchten wir eigentlich so daran?»

Prüde, humorlos, verklemmt: Der Puritanismus hat einen schlechten Ruf – zu Unrecht. Gerade angesichts der dauernden Polemiken gegen die Political Correctness könnte etwas puritanisch gute Laune nur helfen.

Von Andrea Roedig

Richtet sich der Genuss wirklich gegen die Herrschenden? Debütantinnenball in North Carolina, 1979. FOTO: ERICH HARTMANN, MAGNUM / KEYSTONE

2018 war das Jahr des «Puritanismus». Eine Abfrage in der Datenbank Genios für deutschsprachige Printmedien ergibt, dass der eigentlich unmoderne Begriff mit 474 Zitierungen fast doppelt so häufig vorkam wie 2017. Der Anstieg geht unter anderem auf das Konto Catherine Deneuves, die zu Beginn des Jahres prominent den offenen Brief einiger Französinnen gegen #MeToo unterzeichnet hatte. «Genau das ist das Wesen des Puritanismus», hiess es in dem Text, mit dem die Damen ihre Besorgnis um die Freiheit des heterosexuellen Flirts bekundeten: «Im Namen eines vermeintlichen Allgemeinwohls» würden Argumente zum Schutz der Frauen gesucht, damit man sie umso besser anketten könne – «wie in den guten alten Tagen der Hexerei». Deneuve entschuldigte sich später für den Brief, doch da waren andere KollegInnen und unzählige Medien schon aufgesprungen.

Es wäre vermessen zu behaupten, eine kursorische Begriffsrecherche belege einen Trend. Aber in den letzten Jahren stösst man doch auffällig oft auf die Rede über einen neuen «Puritanismus». «Die Puritaner sind unter uns», hiess es etwa in der «Welt», «Die neuen Puritaner», titelte später auch der «Tages-Anzeiger», «Rückfall in einen kulturellen Puritanismus» attestierte auch die «NZZ am Sonntag». Vor allem in den Auseinandersetzungen um Political Correctness (PC) ist gerne von einem «Terror der Tugend» oder vom «alten Gift Calvins» die Rede. Im westeuropäischen Kulturkreis ist «puritanisch» heute durchweg negativ besetzt. Eng verschweisst mit den Assoziationen «lustfeindlich», «rigide», «humorlos», «verklemmt», eignet sich der Begriff deshalb perfekt für Polemik, was die Anti-PC-Fraktion ausgiebig nutzt.

Puritanisch sein möchte niemand. Aber was fürchten wir eigentlich so daran? Liesse sich die gängige negative Intuition nicht auch gegen den Strich bürsten?

Heissere Protestanten

«Puritanisch» war immer schon – auch historisch – ein Schimpfwort. Als «Puritaner» wurden ursprünglich jene radikalen, calvinistisch inspirierten Bewegungen in England unter Heinrich VIII. und Elisabeth I. bezeichnet, die sich die vom Papst abgespaltene anglikanische Kirche strenger protestantisch wünschten.

Als glühende Antikatholiken und «a hotter sort of Protestants» wollten sie die Liturgie verändern, Bilder aus den Kirchen verbannen, den Priesterornat abschaffen. Politisch standen sie eher auf der Seite des Parlaments als auf der des Königs, und der englische Bürgerkrieg ab 1642, der mit der Enthauptung König Karls I. endete und Oliver Cromwell an die Macht brachte, wird folglich auch als «puritanische Revolution» bezeichnet.

Das Religiöse war politisch und das Politische religiös. Daher sind Spott und Häme gegenüber dem strengen Protestantismus im 17. Jahrhundert nur vor dem Hintergrund dieses Glaubensstreits zu verstehen, sie waren also religionspolitisch motiviert, aber zum Teil auch lebensweltlich. Weniger aus asketischen als aus spirituellen Gründen wandten sich die Puritaner gegen Tanz, Glücksspiel, körperliche Betätigung am heiligen Sabbat, gegen Alkohol- und Tabakgenuss und das Theater, das sie mitunter auch als «Kirche des Satans» bezeichneten. Kein Wunder also, dass Polemik gegen die Puritaner bevorzugt auf den angefeindeten Bühnenbrettern geäussert wurde. In Ben Jonsons Stück «Der Bartholomäus-Markt» (1614), der bekanntesten zeitgenössischen Theaterparodie auf die Puritaner, treten eine «Frau Reinekunst» und ein «Herr Eifer vom Heiligen Land» auf. Letzterer ist ein Paradebeispiel der Scheinheiligkeit: Er wettert gegen die fleischlichen Genüsse, liebt aber das Schweinefleisch, er will das Puppentheater zerstören, wird später jedoch zum glühenden Theateranhänger bekehrt.

Man könne den Puritanern einiges vorwerfen, ihren Kontrollwahn oder ihre Rigidität, nicht jedoch sexuelle Verklemmtheit, meint der Münchner Kulturanthropologe Michael Hochgeschwender. Was Sex in der Ehe anging, seien die Puritaner aufgeschlossener gewesen als die Katholiken oder auch Lutheraner, sie hätten recht deftige Ehemanuale verfasst und fortschrittliche Ideen über den weiblichen Orgasmus vertreten. Dass Puritanismus heute mit sexueller Verklemmtheit assoziiert wird, hält Hochgeschwender für eine Erfindung späterer Zeiten: «Vieles von dem, was heute als puritanisch firmiert, ist ein Produkt der Obsessionen von Aufklärern und bürgerlichen Viktorianern des 19. Jahrhunderts», schreibt er in seinem Buch «Amerikanische Religion» (2007). «Um es in ein Schlagwort zu fassen: Die Puritaner waren nicht puritanisch und die Aufklärer nicht aufgeklärt.»

Narzisstische Neidhammel?

Was heute unter dem Label «Puritanismus» firmiert, ist also eher ein semantisches Konstrukt, unklar vermischt auch mit Fantasien über das 19. Jahrhundert und befördert durch zahlreiche literarische und filmische Bearbeitungen. Zur Literarisierung beigetragen hat auch Max Weber mit seinen immer wieder aufregend zu lesenden Studien «Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus» (1905). Das puritanische Ethos hole die ursprünglich klösterlich-weltflüchtige Askese ins Alltagsleben hinein, ist Webers These. Damit trage es wesentlich zu einer für die Entwicklung des Kapitalismus notwendigen Disziplinierung und Rationalisierung der Lebenswelt bei, wobei Arbeit zum Selbstzweck werde. Am Ende stehen jene «stahlharten puritanischen Kaufleute», die als «selbstgewisse Heilige» Erfolg und Reichtum nicht geniessen, sondern anhäufen und als Zeichen ihres Gnadenstands betrachten.

Bei der heutigen Polemik gegen «Puritanismus» dreht sich vieles um die Schlagwörter Verbot, Rigidität und Spassverderberei. Neben der oft diffamierenden und grobschlächtigen Anti-PC-Rhetorik von rechts äussern sich auch Autoren aus dem politisch linken Spektrum in diese Richtung: etwa Matthias Dusini und Thomas Edlinger mit ihrem Buch «Glanz und Elend der Political Correctness» (2012) oder Robert Pfaller in seinen Bestsellern «Wofür es sich zu leben lohnt» (2011) und «Erwachsenensprache» (2017). Diese Autoren sehen die «politisch korrekte Sprache» und ihre Anliegen als von Narzissmus, Lustfeindlichkeit und einer gewissen Hochnäsigkeit gesteuert. Wer, so seufzen Dusini und Edlinger, spreche überhaupt noch von Rausch, Erotik oder Transgression? «Der grösste Spass scheint gegenwärtig der Masochismus der Rauchverbote und Körperdressuren zu sein.» Narziss habe sich als verdeckter «Gott eines politisch korrekten Lebensstils inthronisiert – und als dessen Dämon». Und Robert Pfaller findet, dass das Asketische schon seit den 1990er Jahren Konjunktur habe: «Vieles, was vorher ein hohes Ansehen genossen hat und als lustvoll anerkannt war, gilt jetzt als prollig.»

Auch Pfallers Argumentation fusst auf der Narzissmusthese, und er verbindet sie – hier kehrt das Konstrukt des Puritanismus wieder – mit dem Vorwurf der Genussfeindlichkeit: Die auf Sicherheit bedachten fürsorglichen Regelungen, Triggerwarnungen, Gesundheitshinweise infantilisierten uns und schnitten mit allem, was uns gefährlich und unangenehm werden könnte, auch den Genuss ab.

Drei Thesen und ein Plädoyer

Wenn immer Argumente gegen Political Correctness vorgebracht werden, besteht die linke Strategie gemeinhin darin, diese rundweg als unsinnige Polemik zurückzuweisen. In der Kritik an der eigenen Attitüde aber gleich den camouflierten Rechtspopulismus zu vermuten, ist falsch und auch gefährlich. Denn die Vorwürfe sind ja nicht ganz aus der Luft gegriffen: Es gibt an der Haltung, die als «puritanisch» oder «politisch korrekt» gilt, tatsächlich etwas, das auf die Nerven geht. Es geht also darum, genauer hinzuschauen, sich die Wendung «politisch korrekt» wieder als Begriff einer linken Selbstkritik anzueignen, sie aber auch, wie den sogenannten «Puritanismus», in einigen Aspekten offensiv positiv zu besetzen. Was also stört, und was liesse sich retten? Dazu drei Thesen:

These 1: Nicht das Verbot regt auf, sondern seine Vernünftigkeit.
In der gegenwärtigen Auseinandersetzung um eine «puritanische Verbotskultur» geht es gar nicht wirklich ums Verbot. Interessanterweise haben diejenigen, die sich in populistischer Manier als Opfer von Zensur und Verbot gerieren, oft gar nichts gegen Law and Order einzuwenden: Ein Gesetz, erlassen vom Präsidenten oder König, gilt ihnen nicht als besonders kritikwürdig. Psychoanalytisch gedeutet, entspringt das puritanische Verbot sowieso nicht der autoritär-väterlichen Instanz des Über-Ich, sondern eher der des neurotisch-ängstlichen Ich: Es ist besser zu arbeiten, statt eitlem Zeitvertreib nachzugehen. Es schadet der Gesundheit und macht dich dumm, deshalb solltest du nur massvoll trinken und besser gar nicht rauchen; weil es unfair ist und dem Sinn für Gerechtigkeit widerspricht, darfst du Behinderte nicht diskriminieren, Frauen nicht sexistisch ansprechen, Vertreter anderer Ethnien nicht herabsetzen. Genau diese Vernünftigkeit macht das Verbot fragil, angreifbar und angeblich «lustfeindlich». Nicht das Verbot an sich, sondern dessen trockene Rationalität ruft Affekte des Trotzes hervor. Die politisch Korrekten erinnern an die ungeliebten Streber der Schulzeit, die brav und mit blitzblankem Hemdkragen alle Regeln befolgen, während doch die eigentliche Verbrüderung darin besteht, cool in der Raucherecke abzuhängen. Zugunsten der puritanisch Korrekten muss man aber eingestehen, dass sie oft recht haben, obwohl sie Spiesser sind.

These 2: Askese ist antiautoritär.
Manchmal erweckt die Debatte um Political Correctness den Eindruck, als konkurrierten hier untergründig zwei zu Mentalitäten geronnene Autoritätsmodelle: ein «feudales», das klare Hierarchien kennt, und ein egalitär-«bürgerliches», das Selbstverantwortung, aber auch Selbstdisziplin verlangt. Die linken PC-Kritiker wie Pfaller, Dusini und Edlinger geben sich als Genussrebellen, ihnen gilt Dekadenz, Libertinage als anarchisch, widerständig, unzähmbar. Fraglich ist nur, ob dieser etwas in die Jahre gekommene antibürgerliche Gestus heute noch den richtigen Gegner trifft, ob Genuss sich wirklich gegen die Herrschenden richtet.

Im Jahr 1618 erlaubte der englische König Jakob I. im «Book of Sports» explizit sonntägliche Sportveranstaltungen – gegen den Willen der Puritaner. Der König hatte guten Grund, die karg-fromme Lebensführung als Bedrohung wahrzunehmen und sein Volk bei Laune zu halten, so vermutet Max Weber in der «Protestantischen Ethik». Denn echte Askese sei stets «autoritätsfeindlich».

Das ist ein interessanter Satz, und es folgt in dem Zusammenhang ein weiterer, der sich durchaus bis in die Gegenwart verlängern liesse: «Die monarchisch feudale Gesellschaft», schreibt Weber, «schützte die ‹Vergnügungswilligen› gegen die entstehende bürgerliche Moral und das autoritätsfeindliche asketische Konventikel ebenso, wie (…) die kapitalistische Gesellschaft die ‹Arbeitswilligen› gegen (…) den autoritätsfeindlichen Gewerkverein zu schützen pflegt.»

Heute, so möchte man hinzufügen, schützt die Konsumgesellschaft die Genusswilligen gegen den autoritätsfeindlichen Verzicht. Askese ist der eigentliche Affront, es ist ein Wort, das nachgerade Panik auslöst. Der historische Antipuritanismus empörte sich eher über den Eifer und die Scheinheiligkeit der Frommen, weniger über deren angebliche Genussfeindlichkeit. Heute ist das anders. Die politisch Korrekten, so ist die Befürchtung, predigen nicht nur Wasser, sondern trinken es auch. In einer Gesellschaft, die wahnsinnige Angst hat, man könnte ihr etwas wegnehmen, wird Genuss genauso zur Ideologie wie früher der Verzicht.

These 3: Nicht der Fanatismus an sich ist schlimm, sondern seine Kleinlichkeit.
«In Kürze gesagt, Mylord, ist die melancholische Art, mit der Religion umzugehen, diejenige, die sie unheilvoll macht.» Das schreibt Anthony Ashley-Cooper, der dritte Earl of Shaftesbury, in seinem «Brief über den Enthusiasmus» (1707). Der Enthusiasmus ist für ihn «der grösste Brandstifter der Welt» und eine Folge von Melancholie, also schlechter Laune.

Am semantischen Konstrukt des Puritanismus – und von nichts anderem kann hier die Rede sein – lässt sich einiges retten: sein Ernst, seine Strenge, seine Prinzipientreue und Starrköpfigkeit, sein Asketismus und vielleicht sogar seine Rechthaberei. Nichts spricht dagegen, mit Eifer, Enthusiasmus und voller Wucht, hundertprozentig überzeugt für Ziele einzutreten, die die Welt besser und – wenn man es so formulieren will – gottgefälliger machen.

Was sich aber am Eifer nicht retten lässt, ist «bad humour», fehlende Grossmut. Was stört am angeblichen Puritanismus oder der Political Correctness, ist also nicht unbedingt das Was, sondern das Wie: Der im schlechten Sinn «puritanische» Geist zeichnet sich durch einen falschen Umgang mit Ambivalenz aus. Diese – zu Deutsch gesagt – Korinthenkackerei ist jedoch kein Alleinstellungsmerkmal des Protestantismus, sondern auch bei Katholiken, Musliminnen, bei politisch Rechten wie Linken zu finden. Sie ist jener Geiz, jene Kleinlichkeit und Enge, die vergisst, dass nichts im Leben ohne ein Gegenteil existiert und keine Linie exakt scharfe Ränder hat.

«Gute Laune ist nicht nur die beste Sicherheit gegen Enthusiasmus, sondern auch die beste Grundlage der Frömmigkeit und wahren Religion», findet Shaftesbury. In den derzeit bis zur Ermüdung polarisierten Debatten mag sein Rat helfen. Es ist historisch und sachlich falsch, wenn wir einfach alles, was an gesellschaftlichen Entwicklungen «prüde» und «humorlos» erscheint, dem «Puritanismus» in die Schuhe schieben. «Good humour», also die gute Laune im shaftesburyschen Sinn, bedeutet nicht Beliebigkeit in der Sache, sondern Grosszügigkeit und die Offenheit, anders zu denken. So könnten wir uns zur Abwechslung einmal einen gut gelaunten Puritanismus vorstellen.

Eine längere Version dieses Essays wird Ende August in der Zeitschrift «Indes», Nr. 2/19, erscheinen. Unterstützt wurde die Recherche durch eine Fellowship des Center for Humanities and Social Change an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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