Nr. 04/2009 vom 22.01.2009

Risse und ein paar Millionäre

Der jüngste Drang nach Naturschätzen, vor allem Platin, hat in Südafrika verheerende soziale und ökologische Folgen: Dörfer werden umgesiedelt und Landschaften zerstört. Jubilee South Africa führt den Kampf dagegen an.

Von Stefan Howald

«Es gibt heute Zwangsräumungen wie zu den dunklen Zeiten der Apartheid», sagt George Dor. Er ist Generalsekretär von Jubilee South Africa, einer Bewegung, die 1998 gegründet wurde und seither fordert, dass die unter dem Apartheidregime angehäuften Schulden gestrichen werden und westliche Unternehmen Entschädigungen zahlen. Heute tut sie das vor allem mit Kampagnen und den in den USA hängigen Apartheidklagen. «Die westlichen Unternehmen haben uns nicht nur ökonomisch ausgeraubt, sondern auch ökologisch geschadet», erklärt George Dor. «Besonders durch den in den letzten Jahren verstärkten Bergbau haben sie uns gegenüber ökologische Schulden.»

Zwei Milliarden Jahre alt

Platin wird in Südafrika seit Jahrzehnten abgebaut. Das Land besitzt neunzig Prozent der weltweiten Reserven, und sechzig Prozent der gegenwärtigen Produktion stammen von hier. Das Platin lagert in dem vor zwei Milliarden Jahren entstandenen Bushveld-Komplex aus basischen Schmelzgesteinen in Limpopo, der nördlichsten Provinz Südafrikas, und zum Teil in der anliegenden Provinz Mpumalanga. Den Markt beherrschen vor allem drei Gesellschaften: Anglo Platinum, ein Tochterunternehmen des britischen Konzerns Anglo American, Impala Platinum (Implats), ein südafrikanischer Bergbaukonzern, und Lonmin, ein britisches Bergbauunternehmen. Alle drei Firmen waren, zum Teil unter anderem Namen, schon zur Apartheidzeit in Südafrika tätig.

Mit der zunehmenden Bedeutung von Rohstoffen in den letzten Jahren hat auch die Ausbeutung zugenommen. Der Platinabbau für die Autokatalysatoren, die im reichen Norden die Luft verbessern sollen, führt in Südafrika zur Umweltzerstörung. Die Abbaugebiete liegen zumeist im früheren Homeland Bophuthatswana - betroffen sind also ausgerechnet jene Gemeinschaften, die durch die einstige Segregationspolitik auseinandergerissen wurden.

Ein Beispiel dafür ist Luka, ein Städtchen in der Nähe von Rustenburg mit rund 20 000 EinwohnerInnen. Es ist zunehmend eingekreist von Abräumhalden und von Schächten, die bis unter die Häuser reichen. «Zuweilen hören wir die Bergarbeiter unterhalb der Häuser miteinander reden», berichten Betroffene. Staub deckt die Siedlung ein, das Wassersystem um das Dorf herum ist zerstört, der Friedhof droht einzustürzen. Um die BewohnerInnen zu besänftigen, hat Implats kürzlich eine Gemeinschaftshalle gestiftet.

Drinks und Vesprechungen

Ein anderes Beispiel ist das Dorf Ga Pila. Dort begann Anglo Platinum in den neunziger Jahren mit Bohrungen. Im Jahr 2000 wurden rund 6000 Leute umgesiedelt, um Platz für Abräumhalden zu schaffen. Kaum waren sie ausgezogen, wurden die Häuser zerstört. 25 Familien, die sich geweigert haben, umzuziehen, wohnen jetzt inmitten von Ruinen. Anglo Platinum bot neue Häuser und eine bescheidene Infrastruktur an - doch die neue Ansiedlung liegt direkt neben der Township Sterkwater. Ihr Vieh konnten die UmsiedlerInnen nicht mitnehmen. Und die neuen Häuser waren so schlecht gebaut, dass sie bald Risse aufwiesen. Anglo Platinum muss periodisch Neupflästerungen anbieten.

Der Platinboom funktioniert wie der klassische Gründerkapitalismus: Ein mächtiges Unternehmen fällt in eine Gemeinschaft ein, sucht mit Geld und Druck Verbündete wie etwa lokale Chiefs, oder es werden sogenannte «section 21 companies» gegründet. Das sind nicht gewinnorientierte Vereine, die gemäss einem noch aus der Zeit der Apartheid stammenden Gesetz undemokratisch und kaum rechenschaftspflichtig strukturiert sind. George Dor sagt: «Das Bergbauunternehmen beruft eine Versammlung ein, verteilt Drinks, macht ein paar Versprechungen, legt Papiere zur Unterschrift vor, und unversehens sind zehn Leute als Direktoren gewählt. Das ist dann das letzte Mal, dass im Verein gewählt worden ist.» Die Direktoren werden daraufhin vom Unternehmen entlöhnt und agieren in dessen Interesse.

In Motlhotlo in der Nähe von Mokopane will Anglo Platinum mit solchen Methoden zwei Dörfer mit insgesamt 10000 EinwohnerInnen umsiedeln. Seit 2002 wurde hier der Zugang zu den Weiden stufenweise erschwert. Die Umsiedlungsangebote wirken für die einzelnen Betroffenen finanziell recht grosszügig. Aber die versprochene Infrastruktur erweist sich zumeist als ungenügend. Und die Umsiedlung zerstört die bisherige Lebensweise - wird doch die übliche Subsistenzwirtschaft verunmöglicht. Wenn Geld nichts hilft, wird bisweilen Gewalt eingesetzt, legalistisch abgesichert.

Letzten Frühling erhob die internationale, in Südafrika domizilierte Nichtregierungsorganisation ActionAid zusammen mit Jubilee South Africa Vorwürfe gegen Anglo Platinum. Diese wurden von der südafrikanischen Menschenrechtskommission untersucht und in einem im November 2008 veröffentlichten Bericht teilweise bestätigt. Daraufhin kam es im Dezember in Motlhotlo zu gewalttätigen Attacken; nicht zufällig gegen Einrichtungen der beiden «section 21 companies».

Nach der Machtübernahme 1994 verkündete die ANC-Regierung, den Anteil der schwarzen Bevölkerungsmehrheit an der Wirtschaft durch die Strategie des Black Economic Empowerment (BEE) erhöhen zu wollen. Die Bodenschätze wurden verstaatlicht. Doch mittlerweile werden die Schürfrechte wieder an die alten und an ein paar neue Multis verkauft. Bloss zwanzig Prozent sind für einheimische Firmen vorgesehen. Und die Massnahmen im Rahmen des BEE haben einzig einer kleinen neureichen schwarzen Bourgeoisie genützt.

Zufriedene Aktionäre

George Dor erläutert das an einem Beispiel: Afrikana, eine BEE-Gesellschaft, erwarb für ein paar Tausend südafrikanische Rand die Schürfrechte in einem Gebiet bei Sekiming, tat sich dann mit der kanadischen Firma AfriOre zusammen, die das nötige Kapital für Sondierbohrungen auftrieb. Angesichts der guten Resultate kaufte der Multi Lonmin die beiden Firmen für Milliardenbeträge auf. «Wir haben jetzt ein paar einheimische Millionäre, eine kanadische Firma mit zufriedenen Aktionären sowie Lonmin, die den Profit jahrelang ins Ausland schaffen will», sagt Dor.

Der Widerstand gegen den Ausverkauf des Landes nimmt allerdings zu. Die Sektion Mokopane von Jubilee veranstaltet regelmässig Demonstrationen. In Sekiming und dem Nachbardorf Hans hat das zu Erfolgen geführt: Lonmin musste die meisten Bohrmaschinen entfernen. Dor bleibt auf der Hut: «Womöglich hat das mit der gegenwärtigen Finanzkrise und der gescheiterten Übernahme von Lonmin durch den Schweizer Konzern Xstrata zu tun. Vermutlich ist es nur ein taktischer Rückzug, um mit geballter Kraft wiederzukehren.»

Dor weiss, dass punktueller Widerstand nicht genügt. «‹Nachhaltige Entwicklung› heisst das Schlagwort der Regierung. Dabei ist ihre Wirtschaftsstrategie zerstörerisch.» Um die Betroffenen zu überzeugen, braucht es allerdings Alternativen zu den finanziellen Angeboten der Bergbaufirmen. «Man muss das Argument widerlegen, nur der Bergbau schaffe Arbeitsplätze. Wir brauchen Ideen zur Nutzung des Landes für die Landwirtschaft und für einen nachhaltigen Tourismus.»

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