Nr. 06/2007 vom 08.02.2007

Die Stadt, wo Öl und Kaffee fliessen

Zwei Kolumbianer klagen eine Rohstofffirma in Zug an. Eine Theatertruppe versucht herauszufinden, wie der dortige Kosmos der Rohstoffhändler funktioniert. Annäherung an eine verborgene Welt.

Von Susan Boos

Die Welt, um die es hier geht, gleicht einem titanischen Geheimbund. Jeder Versuch, das System zu fassen, verursacht Schwindel. Noch unseliger ist, wer das System zum Gegner hat. Davon wollen die zwei Männer an diesem Abend Ende Januar in Zürich berichten. Der eine trägt eine violette Zipfelmütze, der andere einen dunklen Wollmantel. Beide finden das Zürcher Klima unanständig kalt. Sie kommen aus Kolumbien, eingeladen hat sie die Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien.

Beide heissen Pérez mit Nachnamen: Armando ist Anwalt, José Julio ist der offizielle Sprecher von Tabaco, einem kleinen Dorf im Nordwesten Kolumbiens, einer warmen, fruchtbaren Gegend, wo sich eigentlich gut leben lässt, solange man ein Haus und ein bisschen Boden hat. Fragt man nach ihrem Problem, wird es kompliziert. Es fallen Namen wie Cerrejón, ExxonMobil, BHP Billiton, Anglo American, Xstrata und Glencore. Die zwei letzten sitzen in der Schweiz, genauer im Kanton Zug. Sie mischen seit Jahrzehnten im Kosmos der Rohstoffhändler mit und verdienen dabei schweinisch Geld. Ob sie die wirklich Bösen sind, wird man am Ende nicht sagen können.

Schauplatz Tabaco

Wir waren nicht reich in Tabaco, sagt José Julio Pérez, aber es reichte zum Leben. Pérez’ Vorfahren lebten schon seit Jahrhunderten dort. In den siebziger Jahren wurde in der Gegend Kohle entdeckt. In den achtziger Jahren begann man den Rohstoff abzubauen. Carbones del Cerrejón ist inzwischen die grösste Kohletagbaumine der Welt. Sie verzehrte immer mehr Land und frass sich Richtung Tabaco. Eines Tages kamen Vertreter der Mine ins Dorf und eröffneten den Leuten, man wolle ihnen ihr Land abkaufen. Laut Pérez wurde ihnen versichert, das Land würde nur als Pufferzone gebraucht, sie bekämen es wieder, man würde dort keine Kohle abbauen.

Einige Leute liessen sich darauf ein, andere waren dagegen. Rund hundert Familien leisteten damals Widerstand. Sie wären weggezogen, sagt Pérez, wenn man das ganze Dorf an einen passenden Ort umgesiedelt und die BewohnerInnen anständig entschädigt hätte. Man bot ihnen 2,5 Millionen Pesos für ein Haus – damals knapp 2000 Franken und nicht genug, um andernorts eine neue Existenz aufzubauen, sagt Pérez.

Am 9. August 2001 räumten sechshundert Soldaten und vierhundert Polizisten das Dorf gewaltsam.

Seither leben die Leute verstreut in verschiedenen Dörfern. Manche sind mürb geworden und haben die Entschädigung angenommen. Noch etwa siebzig Familien würden weiter kämpfen, sagt José Julio Pérez. Aber langsam gehe ihnen der Schnauf aus.

Armando Pérez hat die Leute von Tabaco juristisch vertreten. Ende 2001 nahm ihn die Polizei fest, weil er die lokalen Behörden beschuldigte, sie seien korrupt und würden mit dem Minenmanagement zusammenarbeiten. 37 Tage sass er in Haft. Pérez klagte im Namen der Vertriebenen beim Obersten Gerichtshof und bekam 2002 Recht. Die Richter entschieden, die Vertreibung der Leute von Tabaco sei nicht rechtens, man müsse das Dorf an einem neuen Ort wieder aufbauen. Bislang ist nichts passiert, weil angeblich das Geld fehlt – und die heutigen Besitzer der Mine halten sich nicht mehr für zuständig. Bis Anfang 2002 kontrollierte der US-amerikanische Ölgigant ExxonMobil fünfzig Prozent der Mine. Er verkaufte seinen Anteil kurz nach der Räumung von Tabaco an die drei damaligen Minderheitsaktionäre BHP Billiton, Anglo American und Glencore. Billiton ist ein australisches Unternehmen und der weltweit grösste Bergbaukonzern. Die Anglo American ist britisch und gilt als die Nummer 4 auf dem Weltmarkt. Glencore ist die Nummer 21 und sitzt in Zug. Im vergangenen Jahr hat sie ihren Anteil für 1,7 Milliarden Dollar an Xstrata verkauft, ebenfalls in Zug zu Hause.

Warum ExxonMobil verkaufte, ist unklar. Armando und José Julio Pérez sind überzeugt, Exxon habe Tabaco schleifen lassen, um danach den Verkauf besser über die Bühne zu bringen.

Schweigen in Zug

Zug ist eine hübsche kleine katholische Stadt. Sie hat auch schlimme Zeiten durchlebt – wie damals, als im 15. Jahrhundert der vordere Teil der Stadt einfach im See versank und so manche Zuger Familie mitriss. Viel später erzählte man sich über das grausliche Ereignis, eine Seejungfrau habe sich in einen Zuger Jüngling verliebt. Ihr Vater jedoch war gegen die Liebe und wollte sie nur dulden, wenn der Auserwählte bereit sei, mit seiner Tochter im See zu leben. Der Jüngling zögerte nicht, doch wurde ihm im Wasser bald bang vor Langeweile und Heimweh. Worauf die Nixe den vorderen Teil der Stadt, wo des Jünglings Familie lebte, versenkte, damit ihr Liebster wieder mit seiner Familie vereint war. Danach waren alle glücklich, sagt die Legende, und überliefert damit Unerfreuliches auf sanfte Art. In dieser Kunst üben sich die ZugerInnen bis heute.

Die Theatertruppe Schauplatz International machte sich im letzten Herbst daran, während dreier Monate Zug zu erkunden. Sie wollte wissen, was es mit Zugs legendären Rohstoffhändlern auf sich hat. Sie sprachen mit BehördenvertreterInnen, mit Wirtschaftsanwälten, mit gewöhnlichen Leuten und mit Tradern – jenen Leuten, die im Rohstoffhandel das grosse Geld verdienen. Entstanden ist dabei das Theaterstück «Stadt des Schweigens», mit dem die Truppe zurzeit auf Tournee ist (vgl. WOZ Nr. 3/07). Ein brillantes Stück, das viel über Zug sagt: Alles oszilliert zwischen Wahrheit und Dichtung. Manche ZugerInnen hätten mit ihnen geredet, weil «wir ja nur theäterlen» und sie Theater für ungefährlich hielten, sagt Martin Bieri, der Dramaturg der Truppe. Trotzdem stiessen auch sie immer wieder auf grosses Schweigen, von dem Bieri meint, «es sei verbunden mit Angst, mit Nichtwissenwollen». Am Ende war ihm aber nicht klar, wovor sie sich fürchteten – jener Lehrer zum Beispiel, der ihnen gestand, er hätte jahrelang gerne ein Cabaret über Zug geschrieben, sich aber nie getraut, weil er um seinen Job fürchtete. «Wovor haben sie Angst», rätselt Bieri, «dass die Firmen weggehen? Dass sie ausgebürgert werden?»

In Zug sitzen drei der vier grössten Kaffeehändler der Welt. Und Kaffee ist einer der wertvollsten Rohstoffe, sagt Bieri. Zahlreiche Grosskonzerne haben hier eine Niederlassung. Zehn Prozent der direkten Bundessteuern von juristischen Personen kommen aus Zug. Und die Minengesellschaft Glencore, die am Rande der Stadt ihr Hauptquartier hat, macht inzwischen mehr Umsatz als Nestlé.

Geld ist da, und auch Leute, die es in Zug verwalten und vermehren. Aber die Leute sind unsichtbar, sagt Bieri, man trifft sie kaum in einer Bar. Einige ZugerInnen meinten, es existiere etwas wie eine Parallelgesellschaft – die Einheimischen neben den Internationalen. Niemand weiss, was die Internationalen genau tun – ein Reich von Wichtelmännchen. Die Fäden, die in Zug zusammenlaufen, scheinen unentwirrbar.

Die Theatertruppe Schauplatz International hätte ein Planspiel machen wollen, sagt Martin Bieri. Sie wollte inszenieren, was wäre, wenn in Zug Kapital und Arbeit wieder zusammenkämen, wenn im Zugerberg eine riesige Goldmine betrieben würde, wenn im Zugersee Erdöl gefördert würde, wenn die Hunderttausenden von Minenarbeitern, die überall auf der Welt für Zug arbeiten, plötzlich in Zug leben würden. Niemand habe verstanden, was sie damit wollten, sagt Bieri. Ein Wirtschaftsanwalt habe ihnen ernsthaft versichert, die Trennung von Arbeit und Kapital sei etwas Natürliches.

Die Rich-Welt

Marc Rich war der grosse Mann von Zug. Seine Geschichte beginnt in Antwerpen. Er stammt aus einer jüdischen Familie, die ursprünglich Reich hiess und Belgien wegen der Nazis verlassen musste. Die Reichs wanderten in die USA aus und nannten sich künftig Rich. Marc Rich begann als junger Mann für die Philipp Brothers (Phibro) zu arbeiten – eine Metallhandelsfirma, deren Gründer ebenfalls vor den Nazis hatten fliehen müssen. Rich hatte den siebten Sinn fürs Geschäft. Eigentlich war er der Kronfavorit der Firma, aber Rich glaubte, seine Fähigkeiten würden zu wenig geschätzt. Er verkrachte sich mit dem Phibro-Chef, zog mit einem anderen Händler aus, liess sich offiziell in der Schweiz nieder und tat alles, um die Phibro das Fürchten zu lehren. Er handelte mit allen: mit dem Schah von Persien, mit den Sowjets, mit China und mit Südafrika und später auch mit dem iranischen Revolutionsführer Chomeini. Für Rich gab es nur die einen, die auf Rohstoffen sassen, und die anderen, die sie haben wollten. Der Rohstoffhandel war der Inbegriff von Globalisierung, bevor jemand das Wort gebraucht hätte.

Anfang der achtziger Jahre braute sich in den USA eine wüste Klage gegen Marc Rich wegen Steuerhinterziehung und Handels mit dem Feind zusammen. Dass Rich mit Südafrika geschäftet hatte, störte wenig – doch man nahm ihm übel, dass er mit Chomeinis Regime Handel trieb, während US-Geiseln in Teheran festsassen. Rich drohten über dreihundert Jahre Haft. Weil er gewisse Dokumente, die er nach Zug gerettet hatte, nicht herausrücken wollte, musste er während Monaten eine Busse von täglich 50 000 Dollar bezahlen – was er problemlos tun konnte.

Zuger Politiker und Schweizer Gerichte stellten sich schützend vor Rich. Das machte ihn aber nicht frei. Er wurde zu einem Gefangenen in der Schweiz und konnte das Land nicht mehr verlassen, ohne seine Verhaftung zu riskieren – bis ihn der US-Präsident Bill Clinton kurz vor Ende seiner Amtszeit begnadigte.

Rich geschäftete weiter mit seiner Holding. Am Ende passierte ihm, was er selbst vor Jahren bei Phibro getan hatte: Seine Lehrlinge wagten den Aufstand. 1993 stieg Rich aus – 400 seiner Manager übernahmen die Firma und führten sie als Glencore und Xstrata weiter. Der Deutsche Willy Strothotte nahm das Ruder in die Hand: Der Mann ist heute 62, gilt als gescheiter Zögling Richs, wurde von diesem aber gefeuert, kam zurück und ist heute der grosse Mann von Zug. Laut «Bilanz» besitzt Strothotte zwischen zwei und drei Milliarden Franken. Er regiert nach wie vor die Glencore, die an keiner Börse kotiert ist. Das hat den grossen Vorteil, dass die Glencore-Männer niemandem Einblick in ihre Geschäfte gewähren müssen.

Strothotte ist aber auch einer der einflussreichen Männer bei der Xstrata, die heute zu vierzig Prozent von Glencore und Credit Suisse kontrolliert wird.

Ein Versprechen

Armando Pérez und José Julio Pérez wollten in Zug mit jemandem von Xstrata reden. Man liess ihnen ausrichten, dort seien nur Buchhalter beschäftigt, da könne niemand zur Kohlenmine Carbones del Cerrejón Auskunft geben. Man versprach ihnen jedoch, sie in London zu empfangen. Die Konzernsprecherin bekannte gegenüber den Medien, die Minenbetreiber hätten aus den gemachten Fehlern gelernt. Künftig wolle man bei Umsiedlungen darauf achten, dass die Dorfgemeinschaften nicht auseinandergerissen werden. Das Gespräch in London hat inzwischen stattgefunden. Die beiden Pérez sagten, es sei offen und ehrlich verlaufen. Sie hofften, dass sich das Verhalten des Minenmanagements ändere. Glauben würden sie es aber erst, wenn Tabaco neu gebaut sei.

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