Nr. 06/2009 vom 05.02.2009

Ein Pony auf dem Esstisch

Zum 25. Mal jährt sich das Country-Festival Zürich. Zu US-amerikanischer Volksmusik, Spareribs und Baked Potatoes feiern die Schweizer Fans siebeneinhalb Wochen lang Gemütlichkeit und ewiges Fernweh.

Von Alice Kohli

Das längste Country-Festival der Welt findet nicht am Fusse der Blue Ridge Mountains in Nashville, Tennessee, statt, sondern in der Schweiz, am Fusse des Zürcher Wanderhügels Üetliberg. Seit 25 Jahren beheimatet das Schützenhaus Albisgütli das kolossale Westernspektakel. Siebeneinhalb Wochen, vom 30. Januar bis am 22. März, dauert das diesjährige Jubiläum, über fünfzig Bands sind angekündigt, 18 000 Billette wurden im Voraus reserviert. Ein Fest der Superlative, und zur fulminanten Eröffnungsnacht wird eine «Ikone der Countrymusic» erwartet: Marty Stuart.

Marty spielte einst in Johnny Cashs Begleitband, heiratete dessen Tochter Cindy und gewann einen Grammy sowie eine Auszeichnung der Country Music Association. Er tritt mit Connie Smith auf, seiner zweiten Frau, die hat sogar zwei Auszeichnungen und ausserdem Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger ganze vier Grammys abgeräumt. Die beiden Superstars haben das Budget des Zürcher Country-Festivals dieses Jahr ziemlich herausgefordert. «Meine Agenten in Nashville haben mir ausgerichtet, dass das Ehepaar eigentlich nie zusammen auftritt», sagt Albi Matter, Programmverantwortlicher des Festivals. Nach einigen Verhandlungen stellte sich der eheliche Konflikt als Preisfrage heraus. Und Matter hat zugeschlagen. Schliesslich gilt es, ein Jubiläum zu feiern.

Beflaggte Gürtelschnallen

Das Albisgütli wurde feierlich zurechtgemacht. Pünktlich zum Country-Festival hissen die Dekorateure Jahr für Jahr die Kriegsflagge der Südstaaten. Die Rebel Flag überlebte, anders als die Sklaverei auf den Baumwollplantagen der Südstaaten, den Sezessionskrieg und flattert bis heute als Sinnbild der Einzelkämpfer auf Campingplätzen und in Schrebergärten. «Stimmt, die Südstaatenflagge ist eher etwas Negatives. Aber sie ist bei uns ja nur Dekoration.» Zum amerikanischen Ambiente gehörten eben auch amerikanische Flaggen, findet Albi Matter. Er blickt zur Holzdecke, die dem Saal eine gewisse Scheunenromantik verleiht. Dort hängt zwischen den Südstaatenflaggen auch - mindestens sieben Quadratmeter gross - das Sternenbanner. Auch an der massigen Holzbalustrade hängt es, ausserdem auf und unter den Bäuchen der BesucherInnen - als T-Shirt-Sujet oder auf der Gürtelschnalle.

Über 700 Countryfans haben sich am letzten Freitag zur Opening Night im Albisgütli eingefunden. Sie haben stolze 65 Franken bezahlt. Viele sind dem Anlass entsprechend gekleidet. Die Damen tragen das Haar gelockt, geföhnt und blond, die Westernkleider eng um die Taille gezurrt. Die Herren tragen Lederwesten mit silbernen Metallbeschlägen, Hemden mit Fransen und schwere Stiefel an den Füssen. Und auf den Köpfen Hüte. Hüte, Hüte, und noch mal Hüte. Wer ohne das obligate Westernaccessoire ins Albisgütli gekommen ist, kann sich am Verkaufsstand von Roland Senn eindecken: Seit 25 Jahren ist er dabei und geniesst hier vor allem Ruhe und Frieden: «In all den Jahren gab es nie eine Schlägerei», sagt er anerkennend.

Die meisten BesucherInnen sind Stammgäste. Sie sind zum fünften, zum zehnten Mal hier, nicht wenige sind von Anfang an dabei. «Es ist einfach die Atmosphäre, man fühlt sich wie in den Ferien», sagt eine Frau, die mit Mann und drei Töchtern an einem Tisch auf einem der Balkons sitzt. Ihre Älteste feiert ihren achtzehnten Geburtstag. Sie hat eine Lederhandtasche geschenkt bekommen, die mit einem Miniaturwesternsattel geschlossen wird. Das Täschchen lehnt am Balkongeländer, es sieht aus, als stünde ein kleines Pony auf dem Esstisch. Eine blond gelockte Frau mit rundem Gesicht und stark getuschten Wimpern schwärmt: «Hier ist jeder willkommen. Und wenn man mit fünfzig nicht mehr in die Disco will, wo soll man denn sonst hin?» Sie war mit einem US-Amerikaner verheiratet und hat durch ihn die Liebe zur Countrymusic entdeckt.

Krise im Albisgütli?

Eine halbe Stunde nach Türöffnung - pünktlich um halb acht - sitzen die meisten Gäste an ihren reservierten Plätzen und studieren die Speisekarte. Ein Sunshine State Salad Sun & Fun kostet 19.80 Franken, die Rio Grande Beef Fajitas mit rassigem Rindfleisch gibts für 34.50, die Barbecue Spareribs für 32.50. Das Essen ist rasch serviert, der grösste Ansturm gegen acht vorbei. Auf der Bühne interviewt Showmaster Ruedi Pirkopf die Organisatoren Albi Matter und George Tännler: «Im Albisgütli sieht die Wirtschaftskrise aus wie heute Abend: Full House», freut sich George Tännler.

Seit 25 Jahren veranstaltet er mit Albi Matter dieses Festival: «George macht alles, was innen ist, das Catering, die Menükarte, die Innendekoration. Ich alles, was aussen ist.» Damit meint Matter vor allem, dass er die Bands engagiert und Sponsoren sucht. Er betreibt seit 1984 die Künstleragentur Show & Music AG, die Country-, Dixie-, Blues- und Volksmusikbands vermittelt. Leger steht er auf der Bühne, ein Bein lässig vor dem anderen, die Hände vor dem Bauch gefaltet.

Keine zwei Meter kann Albi Matter durch den Festsaal gehen, ohne jemandem die Hand zu schütteln oder Anweisungen zu geben. «Ruedi, wir müssen schauen, dass die Bühne nachher besser ausgeleuchtet ist!» Pirkopf stimmt zu. «Der Schweizer Musiker sagt schnell mal, es blende ihn auf der Bühne», erklärt Matter in breitem Zürichdeutsch. Und plötzlich aufbrausend: «Aber was interessiert mich das? Der Kunde muss ihn schliesslich sehen können!»

Ein Ostschweizer Cowboy

Kurz vor acht betritt der Ostschweizer Countrymusiker George Hug die Bühne und blinzelt in das grelle Scheinwerferlicht. Der «Weesener Alltime-Cowboy», wie er im Programmheft vorgestellt wird, streift flink den Gitarrengurt über den Kopf und lüftet gleichzeitig den breitkrempigen Cowboyhut. Das essende Publikum nimmt kaum Notiz von ihm. Immerhin wartet es zwischen den Songs mit einem anständigen Applaus auf. Nach einer halben Stunde wagt sich das erste Pärchen aufs Parkett. Einige Minuten später folgen die ersten Line-Dance-Formationen. Die Teller leeren sich, die Tanzfläche füllt sich allmählich. George Hug singt auf Englisch Songs über Amerika.

«Amerika - das ist halt die grosse Freiheit», sagt Hutverkäufer Roland Senn. Was fasziniert denn so sehr an Amerika? «Die Jungen reisen immer noch als Erstes in die USA, wenn sie mal weit wegwollen», meint Albi Matter. Er fährt mit der Hand über sein frisch rasiertes Gesicht, mit dem er problemlos in der US-Mafiafernsehserie «The Sopranos» auftreten könnte. Matter trägt Nadelstreifen, ein schwarzes Hemd und standesgemäss eine Bolotie - auch Schnürsenkelkrawatte genannt - mit einer fein ziselierten silbernen Brosche in der Mitte. Zwei silberne Sponsorenpins zieren das Revers seines Jacketts. Das grau melierte Haar hat er in eine Tolle frisiert, wie sie in der Countryszene üblich ist: im Nacken etwas länger und über der Stirn schwungvoll aufgestellt.

Zur Countrymusic kam Albi Matter nach seiner Buchdruckerlehre. Einen Ford Galaxy habe er damals gefahren, ein grosses Amerikanerauto. Mit dem habe man Eindruck machen können, erzählt er, vor allem bei den Mädchen. Und bei den Musikern. Wegen seines Autos, in den Siebzigern für einen Jugendlichen purer Luxus, wurde er Tourmanager der Schweizer Countryband Tusk. Etwas später, 1979, eröffnete er «The Big Apple», eine Diskothek in Altstetten, Zürich West. Damals der Club in Zürich, wie Albi Matter betont. Heute ist das Albisgütli der Ort für ihn. «In den USA gibt es auch solche Lokalitäten, in der Schweiz sonst nicht.»

«Somebody say howdy!»

Die US-amerikanischen und kanadischen Countrybarden seien jeweils «impressed», wenn sie das Albisgütli betreten. «So etwas erwarten die nicht.» Matter gibt in knappen Worten Auskunft, schaut immer wieder auf sein Handy, zieht an der Zigarre. «Schon fünf nach neun. Wo bleiben die?» Die Stars des Abends müssen gleich kommen. Das Publikum ist beim Dessert. Kurz nach neun betritt die Band die Bühne. Etwa fünfzig Fans haben sich davor versammelt, um Marty Stuart und Connie Smith von ganz nah zu sehen. Ihre Fotohandys schnellen in die Höhe. «Somebody say howdy!», ruft Marty. Verhaltene Reaktionen aus dem Publikum. Die Musiker tragen türkisblaue Glitzeranzüge mit funkelnden Strassperlen, schwarze Hemden und ernste Mienen. Marty Stuart, ganz in Schwarz, wagt den nächsten Versuch: «Do we have any Hillbilly Music Fans tonight?» Bejahendes Johlen. Die Menge kommt langsam in Bewegung, um die Fotografierenden herum formieren sich die ersten Line Dancer zum Tanz.

«Das isch ebe Showbusiness!» Albi Matter ist zufrieden. Gibt es noch jemanden, den er gerne ans Country-Festival einladen würde? «Obama ist schon ein Thema. Den würde ich gerne einladen. Das ist ja so was wie eine amerikanische Enklave hier.» Die Südstaatenflagge würde er bei einem Besuch des US-amerikanischen Präsidenten wahrscheinlich abhängen.

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