Nr. 06/2009 vom 05.02.2009

Erinnerung an das Schweigen

«Väterchen Stalin» erfreut sich in der ehemaligen Sowjetunion wieder wachsender Beliebtheit. Im neuen Buch von Orlando Figes berichten ZeitzeugInnen über die Jahre des Terrors unter dem Diktator.

Von Thomas Bürgisser

Die schwarzen Wagen kommen immer in der Nacht. Reifen quietschen, Autotüren werden zugeknallt. Stiefeltritte poltern im Treppenhaus. Feste Stimmen. An welcher Tür klingeln sie? In welcher Wohnung geht das Licht an? Welche NachbarInnen verschwinden für immer? Oder trifft es heute Nacht - mich? Umblättern. «Du musst flüstern, oder wir werden verhaftet.»

Es ist dieses Flüstern, woran sich die Kinder der Stalinzeit erinnern und das sie besonders prägte - so erzählt Orlando Figes in seinem neuesten Werk, das seit letztem Jahr auch in deutscher Übersetzung vorliegt: Ein falsches Wort konnte Verderben und Vernichtung über die Familie bringen, schärften ihnen die Eltern ein: «Die Wände haben Ohren.» Das System, dem Josef Stalin seinen Namen gab, definierte sich durch seine Feinde, die es immerzu neu erfand: «Trotzkistinnen» und «Kulaken», «Spioninnen» und «Bourgeois», «Volksfeinde» und «Schädlinge». Der Staatsapparat fand sie und schickte sie ins Lager oder vor das Exekutionskommando. Zu Hunderttausenden, zu Millionen. Niemand war vor der Terrormaschinerie gefeit. Auch altgediente Revolutionärinnen, aufrechte Kommunisten, treue Parteileute und oft auch die Henkersknechte selbst wurden zu Opfern des mörderischen Systems. Misstrauen und Schweigen waren in diesem Zeitalter der Angst die wichtigste Überlebensstrategie.

Hunderte von Selbstzeugnissen

Dem Star unter den britischen RusslandhistorikerInnen ist mit «Die Flüsterer» ein beeindruckendes Werk über den Stalinismus gelungen - von den Anfängen in den zwanziger Jahren bis zum Tod des Diktators 1953 und darüber hinaus. Figes knüpft damit an seine erfolgreiche Publikation «Die Tragödie eines Volkes» an, die die späte Zarenzeit, die Revolution und den Bürgerkrieg in Russland behandelt. Wie diese ist auch «Die Flüsterer» ein Wälzer von gewaltigem Ausmass. Einen riesigen Fundus Hunderter von Interviews mit ZeitzeugInnen, von Tagebüchern und Korrespondenzen aus privaten und öffentlichen Archiven haben die Projektgruppen der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial im Auftrag des Geschichtsprofessors an der Universität von London zusammengetragen und ausgewertet.

Figes bündelt die Erkenntnisse dieser Forschungsarbeit in den Lebensgeschichten einzelner Individuen und Familien, deren wechselhaftes Schicksal er anschaulich nachzeichnet. In seiner Darstellung wird der Stalinismus erfahrbar, nachempfindbar. Er lässt sich auf die Menschen ein, versucht ihr Handeln, Denken, Fühlen und Erinnern zu verstehen und stösst so zu wichtigen Kernaussagen über diese Zeit vor, als in der Sowjetunion aus dem Traum von der sozialistischen Utopie der Albtraum des Terrors, als Gewalt zum Systemmerkmal und Furcht zum Alltag wurde.

Der historische Nachvollzug der Stalinzeit erfordert viel Bedachtsamkeit: Die TäterInnen waren später selbst Opfer. Wertesysteme und Biografien änderten sich und mussten täglich neu ausgelegt werden. Die Menschen bauten sich «doppelte Identitäten» auf - und «doppelte Erinnerungen». Nicht nur die physische Gewalt, auch der Panzer aus Lügen, Schweigen, Denunziation und Selbstbetrug erschütterte die «Kinder Stalins» in ihrem Innersten. Figes gelingt es gut, die Ambivalenzen dieser Zeit mit ihrem Schrecken und ihren Verlockungen darzustellen. Er dringt dabei jedoch weder methodisch noch inhaltlich in gänzlich neue Gewässer vor. Der Einbezug einzelner Akteure und deren Lebenswelt anhand von mündlichen Überlieferungen, Tagebüchern, Briefen und Memoiren ist schon seit Jahren fester Bestandteil der russischen und westlichen Stalinismusforschung. Die Unzulänglichkeit und die (ausser während der kurzen «Archivrevolution» in den neunziger Jahren) weitgehende Unzugänglichkeit der Behördendokumente hatten dies von jeher nötig gemacht. So geht auch der wissenschaftliche Erkenntniswert der «Flüsterer» nicht wesentlich über den aktuellen Forschungsstand hinaus.

Mensch und Struktur

Insbesondere ist es bedauerlich, dass sich Figes - entgegen seinem Credo - stark auf das Leben der Eliten in den Hauptstädten Moskau und Leningrad fixiert: Ärztinnen und Journalisten, Schriftstellerinnen und Ingenieure, Parteifunktionäre und Wissenschaftlerinnen stellen die Mehrheit der ProtagonistInnen seines Buches. Erinnerungen von Menschen aus der geografischen und gesellschaftlichen Peripherie finden darin verhältnismässig wenig Raum. Figes verfolgt in seiner Geschichte den an sich sehr löblichen Ansatz, den Menschen ins Zentrum stellen. Um grosse Politik und Strukturen geht es ihm nicht. Dadurch läuft er jedoch zeitweilig Gefahr, Mensch und System zu entkoppeln. Es gelingt ihm nicht durchgehend, einen Bezug zwischen ihnen herzustellen, aufzuzeigen, dass Individuum und Struktur interagieren, sich gegenseitig prägen und formen. Einige seiner ProtagonistInnen bleiben somit stumme DulderInnen der historischen Stürme, die über sie hinwegfegen. So nimmt Figes den Menschen zwar als Opfer des Systems (dies schliesst auch den Täter nicht aus) ernst, vernachlässigt dagegen seine Rolle als historischer Akteur und die Rekonstruktion seiner Handlungsspielräume.

Dennoch ist Figes mit seinem erschütternden Opus eine hervorragende Gesamtdarstellung dieser finsteren Epoche in der Geschichte Russlands geglückt. Die gelungene Übersetzung von Bernd Rullkötter rettet einen Grossteil der narrativen Leichtigkeit und Verständlichkeit ins Deutsche. Der Einbezug bereits geleisteter Forschungsarbeit und ein hervorragender, sehr detaillierter Personen- und Sachindex machen das Buch auch als Nachschlagewerk äusserst wertvoll. Kommt hinzu, dass Figes zahlreiche Dokumente und Zeugnisse, die er und die ForscherInnen von Memorial für das Buch gesammelt haben, auf seiner Website publiziert. Gerade heute, wo in Russland ein schleichender Revisionismus Stalin mit dem Segen des Kremls wieder auf den Sockel eines «grossen nationalen Führers» heben will, lohnt sich eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Zeit, als nur geflüstert werden durfte.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch