Nr. 19/2010 vom 13.05.2010

Zu viel des Eigenlobs

Der bekannte Russlandexperte Orlando Figes hat in anonymen Internetbesprechungen Werke von Kollegen verrissen und das zuerst abgestritten. Ein Lehrstück zu einer speziellen Form des Dopings.

Von Stefan Howald

Er ist einer der bekanntesten britischen Historiker, und sein jüngstes Buch über den Alltag in der Sowjetunion unter Stalin war ein Bestseller, auch auf Deutsch. Aber das genügte Orlando Figes nicht. Jetzt hat sich der Russlandexperte mit anonymen Verrissen der Bücher von KollegInnen und Verleumdungsklagen gegen kritische Berichterstattungen unmöglich gemacht.

Zuerst waren es nur Gerüchte im Kulturbetrieb. Ein gewisser «Historian» besprach auf der Website von Amazon Bücher zur sowjetischen Geschichte mit einer auffallend gleichförmigen Stossrichtung: Werke von RusslandforscherInnen wie Robert Service oder Rachel Polonsky kanzelte er als langweilig oder schlecht ab und stellte ihnen die Bücher von Orlando Figes als vorbildlich gegenüber. Nach einiger Detektivarbeit stellte die betroffene Rachel Polonsky fest, dass der anonyme Besprecher «Historian» eine Onlineadresse mit «Orlando-Birkbeck» teilte – und Orlando Figes ist Professor am Birkbeck College der University of London. Hatte der Bestsellerautor womöglich selber in die Tasten gegriffen, um seine KollegInnen anzuschwärzen?

Mitte April berichtete die Zeitschrift «Times Literary Supplement» (TLS) in ihrer Kulturklatschspalte über die merkwürdigen Besprechungen – mitsamt den Andeutungen, Figes könnte deren Urheber sein – und vermerkte maliziös: «Wir halten diese Andeutungen für unwahrscheinlich und sind zuversichtlich, dass uns Professor Orlando Figes erklären wird, sie seien falsch.»

Zerknirschter Anwalt

Statt Figes liess sich allerdings ein von ihm instruierter Rechtsanwalt vernehmen. Er drohte zuerst allen englischen Zeitungen mit einer einstweiligen Verfügung, sollten sie über die Gerüchte berichten. Und verlangte dann von der TLS eine Richtigstellung sowie Schadenersatz.

Noch am gleichen Abend meldete sich der Rechtsanwalt erneut bei der TLS, diesmal zerknirscht: Tatsächlich habe Figes soeben erfahren, dass seine Frau, Stephanie Palmer, die fraglichen anonymen Rezensionen geschrieben habe. Ein paar Tage lang herrschte verblüfftes, ja schockiertes Schweigen. Stephanie Palmer ist eine anerkannte Rechtsanwältin und Spezialistin für Menschenrechte. Bis Figes nach einer Woche eingestand, die Amazon-Kritiken selber verfasst zu haben. Er bot eine «rückhaltlose» öffentliche Entschuldigung an: «Ich schäme mich für mein Verhalten und verstehe selbst nicht, warum ich so gehandelt habe.» Seine ursprünglichen Besprechungen seien zwar harsch, aber nicht bös gemeint gewesen, und als die Gerüchte über seine Urheberschaft aufgetaucht seien, sei er in Panik geraten und habe gedacht, er könne den Schaden mit einem Dementi begrenzen.

So weit ist der Mechanismus mittlerweile bekannt: Verfehlung. Leugnung. Teilgeständnis. Öffentliche Abbitte.

Frühe Kontroversen

Der 1959 geborene Figes erregte erstmals 1996 Aufsehen ausserhalb der Historikerzunft. Sein Buch «A People’s Tragedy: the Russian Revolution 1891–1924», eine eingängig geschriebene Geschichte der russischen Revolution, rückte mit neuen Dokumenten die Auswirkungen auf die ländliche Bevölkerung in den Vordergrund. «Natasha’s Dance» von 2002 («Nataschas Tanz»), ein weitreichender Abriss der kulturellen Einflüsse in Russland vom 18. bis ins 20. Jahrhundert, wurde in Besprechungen nicht gleich begeistert begrüsst, verkaufte sich aber ebenfalls gut. Dann erschien 2007 «The Whisperers: Private Life in Stalin’s Russia» – als «Die Flüsterer» 2008 auf Deutsch veröffentlicht –, basierend auf Tausenden von zeitgenössischen Aufzeichnungen und Interviews mit ZeitzeugInnen. Das dickleibige Buch avancierte zum Bestseller, erlebte auf Englisch achtzehn Auflagen und wurde auch auf Deutsch mehrfach nachgelegt. «Die Flüsterer» ist ohne Zweifel ein bahnbrechendes Werk, weil es sich für einmal nicht auf die Opfer der Repression konzentriert, sondern den Alltag zeigt und Überlebensstrategien in einer Diktatur dokumentiert.

Doch der Erfolg von Figes war schon seit längerem von Kontroversen begleitet. So monierte eine Forscherin im Fall von «A People’s Tragedy», ihre Resultate seien ohne Quellenangabe allzu stark paraphrasiert worden. Und «Natasha’s Dance» wurde in der TLS von Rachel Polonsky arg zerzaust. Sie wies Figes etliche Detailfehler nach und warf ihm vor, seine Quellen nicht sauber auszuweisen. Ähnlich lauteten auch die Einwände gegenüber «Die Flüsterer»: Figes verwende fremdes Quellenmaterial allzu freizügig und habe die Zuarbeit zahlreicher HelferInnen ungenügend gewürdigt.

In einigen Vorbehalten schwingt sicher auch ein wenig Eifersucht akademischer HistorikerInnen gegen den populär schreibenden und entsprechend erfolgreichen Bestsellerautor mit. Umgekehrt hat sich Figes nie besonders souverän im Umgang mit Kritik gezeigt. Dem TLS hatte er bereits 2002 eine Klage angedroht, weil die Zeitschrift Rachel Polonskys Besprechung veröffentlicht hatte. Acht Jahre später sah er noch immer die Notwendigkeit zu einer Retourkutsche. Offenbar hat sich Figes in den Zwängen des populären Literaturbetriebs und in einer Spirale von Ruhm und Geltungssucht verfangen.

So weit ist das Ganze eine Episode vom Jahrmarkt der akademischen und medialen Eitelkeit. Aber sie hat noch einen zweiten, bedenklicheren Aspekt.

Es geht um die englische Rechtsprechung in Ehrverletzungsprozessen. Die ist mittlerweile notorisch geworden und bedroht die wissenschaftliche Forschung ebenso wie die Pressefreiheit.

Drakonisch ist die Rechtsprechung, weil sie die Beweislast umkehrt: Die Angeschuldigten müssen die Wahrheit ihrer Aussagen belegen und nicht die KlägerInnen deren Unwahrheit. Zudem sind Ehrverletzungsprozesse in England unglaublich teuer. Spezialisierte Rechtsanwälte verlangen Stundenansätze, wie sie in der Finanzbranche üblich sind. Die Richterinnen haben diese Ansätze akzeptiert, wie die festgesetzten Prozessentschädigungen zeigen: Ein Ehrverletzungsprozess kann bis zu einer Million Pfund (1,65 Millionen Franken) kosten. Selbst ein gewonnenes Verfahren wirkt durch solch massive Unkosten abschreckend. Der Effekt ist Selbstzensur. Zeitungen und wissenschaftliche Zeitschriften überlegen sich zunehmend, ob sie sich kritische Artikel leisten wollen und können.

Trendwende in Sicht?

Und die Auswirkungen beschränken sich nicht allein auf England. Klagen drohen nämlich allen Publikationen, die in England vertrieben werden – selbst wenn es sich nur um einzelne Exemplare handelt. US-Konzerne, saudische Milliardäre und Oligarchen aus der Ukraine haben das schon benützt, um gegen kritische Berichte vorzugehen. Vor einem Jahr hat der Verband englischer Chiropraktiker den Medizinjournalisten Simon Singh eingeklagt, weil er in einer Kolumne im «Guardian» einzelnen Chiropraktikern vorgeworfen hatte, mit unseriösen Praktiken Heilerfolge zu versprechen. In erster Instanz verurteilt, ist Singh diesen April im Revisionsverfahren freigesprochen worden, was als Trendwende gewertet wird.

Auch im Fall von Orlando Figes hat sich der versuchte Rückgriff auf die Rechtsprechung als Eigengoal erwiesen. Mittlerweile hat er sich an seiner universitären Arbeitsstelle krankschreiben lassen. Einige akademische Kommentatoren stellen infrage, ob er die Professur an der University of London halten könne. Ein ziemlich hoher Preis für noch etwas mehr Ehre und Buchverkäufe.

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