Nr. 09/2009 vom 26.02.2009

Das Findelkind aus Luzern

Die erfolgreichste Puppe wird fünfzigjährig. Entdeckt wurde das einstige «deutsche Fräuleinwunder» in einem Luzerner Schaufenster. Eigentlich eine anatomische Katastrophe, beherrscht Barbie fast alle Berufe, und es gab sie sogar mal als Schönheit aus den Anden und als Inuit.

Von Harry Rosenbaum

Mit über einer Milliarde verkaufter Exemplare ist die US-amerikanische Barbie die erfolgreichste Puppe der Welt. In diesem März wird der langbeinige Liebling von Generationen kleiner Mädchen fünfzig Jahre alt. Das dreissig Zentimeter grosse Vinylbäbi hat Supermasse, die der männlichen Fantasie entlehnt sind. Wäre sie eine richtige Frau, wäre sie lebenslang an den Rollstuhl gebunden und von schrecklichen Gliederschmerzen gepeinigt. Das sagen Anatomiefachleute. Auf einen Menschen übertragen entsprächen die Masse nämlich 99-46-84 Zentimetern. Zum Vergleich: Das deutsche Topmodel Heidi Klum hatte die Masse 89-65-92. Trotzdem soll es einige Verrückte geben, die sich von der Schönheitschirurgie zur Lebendbarbie haben stylen lassen. Der bekannteste Fall ist die Amerikanerin Cindy Jackson, die während fast zwanzig Jahren rund dreissig Operationen auf sich nahm und dafür über 50 000 US-Dollar ausgab. Die Psychiatrie spricht in solchen Fällen vom Barbiesyndrom.

Luzern weiss von nichts

Die vor den Nazis in die USA geflohene Jüdin Ruth Handler gilt als Schöpferin von Barbie. Sie hat das Bäbi in den fünfziger Jahren auf einer Europareise - auf der Suche nach einer Anziehpuppe für ihre kleine Tochter - in einem Luzerner Schaufenster entdeckt. Zusammen mit ihrem Ehemann Elliott betrieb die spätere Barbiemutter und Gründerin des Spielzeugkonzerns Mattel damals ein kleines Atelier für Bilderrahmen, Modeschmuck und Puppenmöbel. Das Barbiefindelkind soll verstaubt in der Auslage eines Trödlerladens gelegen haben. Luzern, Touristenstadt und gemeinhin Synonym für die Schweiz, weiss bis heute nichts von diesem Spielzeug-archäologischen Fund. Sibylle Gerardi vom Stadtmarketing gibt offen zu: «Bei uns ist diese Geschichte völlig unbekannt.» Gleiche Antwort bei Luzern Tourismus.

In dieser Sache schon fast Geheimnisträger ist Stefan Bertschi, Marketingchef bei Mattel Switzerland. «Wir haben die Luzerner Herkunft noch nicht kommuniziert. Das kommt aber im Barbiejubiläumsjahr bestimmt», sagt er. Bei Mattel Europa in Deutschland ist die Luzern-Connection ein «hübsches Gerücht» und trotzdem ein «fester Bestandteil der Barbiegeschichte», wie sich Mediensprecherin Stephanie Wegener ausdrückt.

Ein Idee der «Bild»-Zeitung

Die Urahnin der Spezies Barbie ist deutsch, blond und kess. Sie hört auf den Namen «Bild-Lilli». Als Comicfigur hat sie der Zeichner Reinhard Beuthin 1952 zunächst auf der Unterhaltungsseite der «Bild»-Zeitung eingeführt, ihr saloppe Sprüche in den Mund gelegt und so - kurz nach dem Krieg - das «Fräuleinwunder» in Deutschland massentauglich gemacht.

Ab 1955 ist die Bild-Lilli als Werbegeschenk in Puppenform aufgetreten und hatte eine massstabgetreue «Bild»-Zeitung unter den Arm geklemmt. Offenbar reiste sie nach Luzern und strandete dort in einem Schaufenster, bevor sie als Barbie die Welt erobert und bis heute mitgeprägt hat. Ruth Handler gab eine kleine Puppenserie nach dem Vorbild des Luzerner Fundes in Auftrag, nannte sie nach ihrer Tochter Barbara und ging damit am 9. März 1959 auf die New Yorker Spielzeugmesse «American Toy Fair».

Die Anziehpuppe, die ursprünglich nur einteilige Badeanzüge besass, wurde in den USA zum durchschlagenden Verkaufserfolg und schnell mit Tanz- und Sportgarderoben nachgerüstet. Bald kamen modische Accessoires hinzu. 1964 kaufte Mattel die Rechte für die Bild-Lilli, worauf die Produktion des «Fräuleinwunders» in Puppendimension in Deutschland eingestellt worden ist und Barbie die Weltoffensive auf die Mädchenherzen starten konnte.

Das amerikanische Bäbiwunder trug in den frühen sechziger Jahren ausschliesslich Haute Couture, richtete sich nach den aktuellen Modetrends, war als höhere Tochter auch für höhere Töchter bestimmt und entsprechend teuer. Sie war mit blondem oder brünettem Pferdeschwanz oder gelocktem Pony frisiert. Der Mund im Spitzmausgesicht blieb schamvoll geschlossen. Die Wimpern waren nur anmodelliert. 1967 gabs ein erstes Facelifting: leicht geöffneter Mund, aufgemalte oder Echthaarwimpern. Barbie entdeckte den Teenie-Look und streifte das Damenhafte ab. Schliesslich sollte die Puppe Modetrends, Lifestyle und Zeitgeist in die Welt hinaustragen. Es entstand die Barbie-World mit Hausstand, Freizeit und Berufsalltag - eine variantenreich gestaltbare Parallelwelt mit unzähligen Accessoires, Möbeln, Fahrzeugen, Partyutensilien und so weiter. Barbie erhielt einen riesigen Kreis von Verwandten, Freundinnen und Freunden und wurde ab den siebziger Jahren in allen ethnischen Ausprägungen dieser Welt produziert: als Europäerin, Afrikanerin, Asiatin.

Je nachdem, wie sich der Barbieanhang verkaufte, wurden die Multikulti-Produktelinien forciert oder auch wieder eingestellt. So kam es gelegentlich zum «Völkermord in der Spielzeugindustrie». Indiobarbiepuppen aus den Andenländern und Inuit verschwanden bald wieder, weil sie sich als Ladenhüter erwiesen.

Lange Zeit hatte Barbie einen Freund: Ken. Was die beiden miteinander trieben, ist rätselhaft; warum sie schliesslich wieder auseinandergingen, ebenso. Barbie hat zwar grosse Brüste, aber kein Geschlechtsteil. Für Barbiesex sorgt ausschliesslich die Schmuddelindustrie. Fälschungen der Erfolgspuppe sind als Latexdominas mit Peitschen und Overknee Boots, als Gothic Queens und als Straflageraufseherinnen auf dem Markt.

Offiziell ist Barbie kinderlos. Es gibt aber Nachahmermodelle, die mit einem Magnetbauch versehen sind. Ihnen kann so ein Baby eingepflanzt oder auch wieder abgetrieben werden - je nachdem, wie weit der Sinn für Familienplanung im Kinderzimmer entwickelt ist.

Barbie beherrscht zudem alle Berufe dieser Welt. Anfänglich war sie Airhostess, Lehrerin und Ärztin. Später taucht sie auch als Businessfrau, Polizistin, Soldatin mit höherem Dienstgrad, Pilotin, Astronautin, aber auch als Universitätsdozentin oder Mitarbeiterin der Unicef auf. Barbie kandidierte mehrmals für die US-Präsidentschaft, wurde bisher aber nicht gewählt.

Die Puppe hat Multifunktionalität für das Spiel, verliert aber nie ihr Flair für die Mode. Das mag mit ihren ad absurdum geführten Mannequinmassen im Massstab 1 : 6 zusammenhängen, die nie verändert worden sind. Es gibt bis heute keine übergewichtigen, keine hässlichen und keine invaliden Barbies. In der Barbie-World existiert kein menschliches Elend.

Atemnot, Unfruchtbarkeit

Obwohl Ruth Handler Barbie als Alternative zu den Babypuppen verstand, mit denen vor allem in den fünfziger Jahren kleine Mädchen auf die Mutterrolle fixiert worden sind, stösst sie bei Feministinnen auf harsche Kritik. Barbie zementiere explizit das traditionelle Frauenbild und rege zu kritiklosem Konsum an, heisst es von dieser Seite immer wieder. Barbie bilde nur die neusten Make-up- und Frisurentrends ab, motiviere beispielsweise aber nicht zu akademischen Berufen.

Viele ÄrztInnen kritisieren Barbie, weil sie das Schlankheitsideal schlechthin verkörpere. Beim Massenwahn, den diese Puppe ausgelöst habe, könne dies fatale Folgen haben. So heisst es in einer in den neunziger Jahren publizierten Studie der englischen University of Sussex: «Die Untersuchungen zeigen, dass Mädchen, die mit Barbie spielen, ein geringeres Selbstbewusstsein bezüglich ihrer Erscheinung und einen stärkeren Wunsch nach einem dünneren Körper haben als andere Mädchen.» Die Wahrscheinlichkeit für Barbies Proportionen bei einer lebenden Frau ist geringer als 1 : 100 000. Eine Barbiefrau hätte eine sehr geringe Lebensqualität. Sie würde dauernd an Arthrose und Bandscheibenvorfällen leiden. Zudem müsste sie sich mit stark eingeschränkten Funktionen der Organe und mit dauernder Atemnot abfinden. Sie hätte höchstwahrscheinlich Osteoporose und wäre unfruchtbar. Dies sind alles Feststellungen, die OrthopädInnen, ÄrztInnen für Innere Medizin und GynäkologInnen in den neunziger Jahren bei der Übertragung von Barbiemassen auf real existierende Frauen gemacht haben.

Was sagen Frauen der Barbiespieljahrgänge, wenn sie auf die Puppe respektive ihre Erfahrungen damit angesprochen werden? Wirtschaftsministerin und Bundesrätin Doris Leuthard (*1962) liess durch ihre Mediensprecherin Evelyne Kobelt kurz und bündig ausrichten: «Sorry, aber wir haben im Moment wirklich andere Sorgen.»

Mitteilsamer ist die St. Galler Justiz- und Polizeichefin, Regierungsrätin Karin Keller-Sutter (*1963). Sie hat mit Barbie nicht gespielt, weil sie selber keine hatte. Aber ihre beste Schulfreundin besass eine. «Ich fand die Puppe nicht doof», sagt Keller-Sutter. «Ich hatte aber keine ideologische Einstellung gegenüber Barbie. Ich fand sie eigentlich ganz hübsch. Sie erinnerte mich an die amerikanischen Schauspielerinnen in den Filmen.»

Die Politologin und Publizistin Regula Stämpfli, die sich in Büchern mit äusserlichen Attributen von prominenten Frauen befasst, meint, dass es keine Frauen mit Barbieähnlichkeiten gebe. Barbie sei vielmehr eine Referenzgrösse und habe als künstliches Frauenbild Symbolcharakter. So habe die Frau die Welt als Bild erobert.

Bratz - die (allzu) freche Barbie

Die Barbieverkaufszahlen sind leicht rückläufig - und das zum Fünfzigsten. Das macht die Puppe stocksauer. Sie hat seit geraumer Zeit Konkurrenz bekommen: Bratz heisst das Girl, ebenfalls aus den USA. Schon der Name - er tönt nach «brat», Göre - will mit der frecheren, verruchteren Tour Barbie im Puppenwrestling auf die Bretter legen. Vorerst hat aber die höhere Tochter die Punkerin im Schwitzkasten. Ein Gericht in Kalifornien verurteilte Bratz zur Zahlung von hundert Millionen Dollar an Mattel wegen Urheberrechtsverletzung. Bratz hat schon über eine Milliarde Umsatz gemacht und kann das Strafgeld aus der Kriegskasse nehmen. Man darf auf den Fortgang des Puppenwrestlings gespannt sein.

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