Nr. 32/2013 vom 08.08.2013

«Früher boten wir den Mund, heute die Stirn»

Sie trug bäuerliche Tracht, schmiss weinselige Feste und provozierte die braven BürgerInnen. Die Schriftstellerin Ruth Blum, am 2. September 1913 im Schaffhauser Weinbauerndorf Wilchingen geboren, wollte nicht Heimatliteratur schreiben. Und wurde doch auf diese Rolle festgelegt. Eine Spurensuche.

Von Helen Brügger

Endlich wieder an der Schreibmaschine: Ruth Blum im Juli 1969. Alle Fotos: Dichtermuseum Wilchingen, Nachlass Ruth Blum

Wir schreiben den 12. Juli 1974. Der Aufmarsch ist gross, die Atmosphäre geladen. Ruth Blum, prominente Befürworterin eines Heims für Drogensüchtige auf einem abgelegenen Hof im schaffhausischen Wilchingen, muss sich Buhrufe, Hohn und Spott gefallen lassen. Die Gemeindeversammlung lehnt das Projekt mit überwältigender Mehrheit ab – man ist im Dorf der Meinung, dass es sich beim Drogenproblem um ein städtisches Problem handle, das die Stadt Schaffhausen selber zu lösen habe. Ein Zuhörer sagt anschliessend zur Schriftstellerin, in ihrer Rede hätte sie es den Wilchingern aber gegeben. Darauf Blum: «Nid de Wilchinger, nid de Wilchinger, de Füdlibürger!» So berichten die «Schaffhauser Nachrichten», die am 2. August 1974 auf den Vorfall zurückkommen. Tags zuvor hatte Ruth Blum die 1.-August-Festrede in Schaffhausen gehalten und erneut das Therapiezentrum zum Thema gemacht. Die Rede erregte die Gemüter gleich nochmals, handelte es sich doch bei diesem Drogenheim um ein kantonales Problem: Schaffhausen wäre gesetzlich verpflichtet gewesen, schon auf den 1. Januar 1974 ein Therapieheim zu errichten. «Es Jo zum Rehabilitationszentrum hett am uuverblüemt vor d Auge gfüert, da d Welt nümmen eso heil ischt, we miers gärn wettid haa – und da d Haamet vo 1974 en anderi ischt als die, wome in alte Volksliedere verklärt.» Das ist Ruth Blum: streitbar, rebellisch, antibürgerlich.

Die NZZ-Putzfrau wird Erfolgsautorin

Ruth Blum wird am 2. September 1913 in Wilchingen als Tochter eines armen Schneiders geboren, der in eine wohlhabende Bauernfamilie eingeheiratet hatte – am kommenden 2. September wäre sie hundert Jahre alt geworden. Nach dem frühen Unfalltod des Vaters versucht die Mutter, den Bauernhof zu erhalten, doch der Betrieb eines Dorfladens kann die Familie nur knapp ernähren. Als die finanziellen Sorgen weiter zunehmen, bricht Ruth, die Lehrerin werden möchte, das Lehrerseminar ab und arbeitet als Kindermädchen. In der grossen Wirtschaftskrise nach dem Börsenkrach von 1929 geht der Kampf um den Hof verloren. Mutter und Tochter müssen 1934 nach Zürich auswandern, Ruth Blum lebt von Gelegenheitsjobs, ernährt sich von Suppe und Brot, liest viel und schreibt während der Nacht erste literarische Texte. Als Putzfrau im Treppenhaus der NZZ kommt ihr die Idee, Feuilletonredaktor Edwin Arnet ihre Notlage zu schildern. Er gibt ihr den ersten journalistischen Auftrag, dem weitere folgen.

Wenige Jahre später, 1941, erzählt sie in ihrem autobiografisch geprägten Romanerstling «Blauer Himmel, grüne Erde» ihre Erinnerungen an das familiäre Spannungsfeld zwischen dem zugewanderten Schneidermeister, der sensiblen Mutter, dem künstlerisch begabten Grossvater und der harten, gefürchteten Grossmutter. Der Roman ist eine Hommage an ihre Bauernkindheit im blühenden Klettgau, der Korn- und Weinkammer des Kantons, wo die Grenze zu Deutschland sowohl als Bedrohung und Begrenzung wie auch als Schutz überall sehr stark präsent ist. Hans Ritzmann, Wilchinger Weinbauer und Dichter, der zu Blums Freundeskreis gehörte, erinnert sich sechzig Jahre später an die Bedeutung, die diese Grenze zum «Dritten Reich» damals erhielt: «Hier stand der Grenzstein, wir gingen um ihn herum: Auf der einen Seite war das Recht, auf der andern das Unrecht.»

So eine wollte man «den braven Kindern doch nicht zumuten» (etwa 1955).

In der Schweiz herrscht zu dieser Zeit der «Landigeist»; ausgehend von der Landesausstellung 1939 wird eine politisch-kulturelle Bewegung entfacht – mit dem Ziel, das Gefühl der Zusammengehörigkeit in den verschiedenen Landesteilen und den Willen zur geistigen Landesverteidigung zu stärken. Und so wird Ruth Blum als Heimatdichterin gefeiert; der Roman erlebt in kurzer Zeit mehrere Auflagen.

Ruth Blum selbst lehnt dieses Etikett entschieden ab. Zwar kehrt sie nach dem Erfolg ihres Erstlings wieder zurück nach Wilchingen – dort aber wird die unverheiratete Frau mit wechselnden Männerbeziehungen alsbald zur Zielscheibe dörflicher Kritik. Es kommt noch dicker: In ihrem nächsten Werk, der Briefnovelle «Sonnenwende» (1944), thematisiert sie eine Umkehr der Geschlechterrollen und das während des Kriegs gespannte Verhältnis zwischen Stadt und Land. Das kann in dieser Zeit nur provozieren: Eine selbstbewusste Frau vom Lande verführt in einer Mittsommernacht einen Mann aus der Stadt, der mit ihr zu spielen vermeint – und schickt ihn anschliessend nach Hause. Für die Beschreibung dieses Ehebruchs wurde sie «fast totgeschlagen», wie sie dreissig Jahre später, am 4. Februar 1974, in einem Brief an ihren Schaffhauser Verleger Peter Meili mit einer Prise Ironie bekennt.

Heimat ja, Heimatdichterin nein. Denn Heimat ist in Blums Werk vor allem die Natur, deren Beschreibung sie ihr ganzes Können widmet: «Die Frühlingssonne tropfte durch das zarte Vorsommerlaub, der Waldmeister duftete, und in allen Lichtungen blühten Orchideen. Die Baumwipfel hingen voller Vogelsang», schreibt sie etwa im ebenfalls autobiografisch geprägten Roman «Die grauen Steine» (1971), der die Krisen- und Kriegsjahre auf der Schweizer Seite der grauen Grenzsteine thematisiert.

In der Natur findet Blum Sinn, Trost und Erfüllung. Ebenso gegenwärtig ist in ihren Werken die Kritik an Zwängen und Konventionen, die die Beziehungen zwischen den Menschen verstellen, so etwa die Unmöglichkeit gleichberechtigter Partnerschaften zwischen Mann und Frau. In der Novelle «Das Abendmahl» (1947) schildert sie, in einem Rückblick auf die Mitte des 19. Jahrhunderts, die Beziehung einer stolzen, reichen Bäuerin zu einem jungen Pfarrer, der wegen seiner Beteiligung am Badener Aufstand – für eine Republik und gegen die Fürstenherrschaft – 1848 in die Schweiz flüchten musste. Die Liebesbeziehung scheitert, und der allzu menschliche Pfarrer, für den Jesus ein Sozialrevolutionär ist, wird aus dem Dorf vertrieben – weil er, gegen den Willen der Moralapostel, eine blutjunge ledige Mutter vom Pranger befreit hat.

Das ist nicht die Heimatliteratur, die man von ihr erwartet, keine Verklärung bäuerlicher Idylle und helvetischer Tugend, wie sie der Landigeist gefördert hat. Und so bleibt der Erfolg aus. Blum sieht sich im Alter von 36 Jahren gezwungen, nochmals die Schulbank zu drücken und das Lehrerdiplom zu machen. Gerne wäre sie in Wilchingen Lehrerin geworden, aber das, so erinnert sich Hans Ritzmann, der von 1965 bis 1990 Gemeindepräsident war, «hat man dann den braven Wilchinger Kindern doch nicht zumuten wollen». So musste sie in der Stadt unterrichten und fuhr in den fünfziger Jahren, ein ganzes Jahrzehnt lang, jeden Tag mit der Bahn nach Schaffhausen. So habe sie ihre besten Jahre – wie Blum die Ich-Erzählerin in «Wie Reif auf dem Lande» (1964) Bilanz ziehen lässt – «im Kampf um bessere Schulverhältnisse, um die Aufwertung der berufstätigen Frau im weiberfeindlichen helvetischen Männerstaat» verzehrt. Die Protagonistin weigert sich, in eines der «hübschen neuen Schulhäuser am Rande der Stadt zu wechseln, wo die sogenannten ‹besseren Leute› wohnen», obwohl dort die Kinder einfacher zu unterrichten wären. Mit dieser Figur will Blum zeigen, dass eine Frau ebenso gut unterrichten kann wie ein Mann. Es geht um die Sache der Frau, «um die Gleichberechtigung der weiblichen Lehrkraft mit der männlichen».

Exaltiert, engagiert – oder was?

Im Alter von 48 Jahren erkrankt sie an Krebs und muss aus dem Schuldienst ausscheiden. Jetzt hat sie wieder Zeit zum Schreiben, ein gewisser Erfolg stellt sich ein. Doch nie mehr wird Ruth Blum so gefeiert wie anlässlich ihres ersten Romans. Bis zu ihrem Tod am 2. August 1975 begleitet sie die Auseinandersetzung mit dem Krebs, von dem sie vermutet, dass er aus einer letzten unglücklichen Liebe, aber auch durch die Doppelbelastung als Lehrerin und Schriftstellerin entstanden ist: «War ich zusammengebrochen unter der zermürbenden Spannung zwischen Beruf und Berufung, nämlich zwischen dem aufrichtigen Verlangen, eine tüchtige Lehrerin zu sein, und dem geheimen Wunsch, eines Tages doch wieder ein gutes Buch schreiben zu können?», diktiert sie in den letzten Monaten ihres Lebens in «Die Schulstubenjahre», die im Jahr nach ihrem Tod erscheinen.

Im Leben der Schriftstellerin gibt es erotische Liebesbeziehungen – ebenso aber auch Männer, mit denen sie vor allem freundschaftlich verbunden ist. Einer von ihnen ist der im Nachbarhaus aufgewachsene Kurt Bächtold, Historiker und langjähriger freisinniger Ständerat Schaffhausens, den sie ihren «Ersatzbruder» nennt. Er hat Blum «wachsen, ringen, leiden und hoffen» gesehen und die bisher einzige Biografie in Buchform, «Ruth Blum, Biographie» (1981), veröffentlicht. Seine Erinnerungen sind von Zuneigung und Einfühlsamkeit geprägt – zugleich aber nicht frei von männlichen und vom damaligen Zeitgeist geprägten Projektionen. Die Gymnasiastin Blum, die mit ein paar Freundinnen eine freche Frauenverbindung gründet und den Männern in Gedichten den Kampf ansagt – «Früher boten wir den Mund / Dem Bedrücker – heut’ die Stirne / Neuer Freiheit Morgenstund’ / Tagt in jedem Frauenhirne» –, ist für Bächtold eine junge Frau, die sich «ihres Andersseins bewusst» ist. «Innere Spannungen» führten zu «Überspannungen und zu einer unglücklichen Exaltiertheit», denn «im Grunde sehnte sich Ruth Blum mehr nach Verständnis und Anerkennung ihrer Sonderart als nach Frauenrechten», urteilt Bächtold. Und schreibt herablassend weiter: «Manches im Leben und im Werk Ruth Blums ist nur verständlich, wenn man das heisse Herz einer Frau versteht, die mit ihren Gefühlen nicht rational umgehen kann.»

Literaturkritiker Charles Linsmayer, der Blums Erstling 1981 neu herausgibt, sieht das anders. Für ihn ist sie eine «engagierte, kämpferische, sinnlich lebendige und geistig rege Frau, die mit ihrer bekenntnishaften Schreibweise einen hochmodernen Schriftstellertypus vorweggenommen hat».

Die erste Grüne im Klettgau

An der Grenze, über die ihre Vorfahren einst flohen: Blum im Sommer 1971.

Hoch am Hügel ob Wilchingen, am Nordhang von Altfären, steht ein schlichter Tisch aus Stein. Die Aussicht ist atemberaubend. Daneben eine Tafel mit einer Fotografie von Ruth Blum und einem ihrer Blumengedichte. Wilchingen hat diesen «Bluemetisch» 1971 erstellt und eingeweiht. Der Ort ist nicht zufällig gewählt, denn nebst dem stillen Innehalten vor den Schönheiten der Natur liebte «Plumm», wie sie sich selbst, ihren «Kummerspeck» ironisierend, nannte, feuchtfröhliche Feste in der Natur.

Hans Ritzmann erinnert sich: «Sie mietete eine Waldhütte und lud ihre besten männlichen Freunde samt deren Frauen ein. Die Dichterin besorgte den Wein, und den Frauen trug sie die Beschaffung der Speisen und die Bewirtung der Gesellschaft auf. Sie selbst sass im Mittelpunkt und hielt geistreich Hof, so wie es ihrem sprühenden Temperament entsprach. Der späte Schluss dieser Waldstunden gipfelte darin, dass die Ehefrauen auf dem Heimweg das Auto selbst zu lenken hatten.» Es mag verwundern, dass die Schriftstellerin auf einem Foto stickend in Klettgauer Tracht zu sehen ist. Hans Ritzmann hat eine Erklärung für die Vorliebe Ruth Blums für heimatliche Trachten: «Sie wollte sich vom Wilchinger Mundartschriftsteller Albert Bächtold, der so etwas wie eine weltmännische Konkurrenz zu ihr war, unterscheiden.» Dass eine Spur Provokation mit dabei gewesen sein mag, wenn sie sich «bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten» in die Tracht stürzte, lässt er mit einem feinen Lächeln durchaus gelten.

«Ruth Blum war die erste Grüne im Klettgau», erinnert sich Ritzmann. Am 19. März 1948 macht sich die 35-Jährige in einem publizistischen Beitrag in den «Schaffhauser Nachrichten» über die «röhrenlegende Tätigkeit» und das «Zeitalter der Röhren» lustig – und kommt zum überraschenden Schluss, dass wenige Jahre nach dem Schweigen der Kanonenrohre ein Krieg gegen die Natur in Gang gesetzt worden ist: «Ob Meliorations- oder Kanonenrohre hängt nicht von der Tugend, sondern von der Grösse eines Staates ab.»

Der Herrgott und das Bodenpersonal

Woher diese provozierende Radikalität? In den Nachkriegsjahren habe im Klettgau eine Güterzusammenlegung stattgefunden, um die Bewirtschaftung zu rationalisieren, erklärt Ritzmann. Dagegen habe sich Ruth Blum «mit grosser Emotionalität gewehrt»; es sei ihr um die Erhaltung der ursprünglichen Natur und Wasserläufe gegangen, sie habe das Verschwinden der Blumen erlebt, die Bedrohung der Artenvielfalt erkannt. Auch literarisch findet die Melioration ihren Niederschlag. Dramatisch schildert Blum in der Novelle «Das Abendmahl» (1947), wie eine reiche Bäuerin ihr Ried trockenlegt, um mehr Profit aus dem Boden zu schlagen, bis schliesslich, nach Dürre und Missernte, der Blitz einschlägt und ein Brand den Hof bis auf die Grundmauern zerstört – nirgendwo findet sich Wasser, um das Feuer zu löschen. Aus heutiger Sicht würde man sagen, der Titel «Das Abendmahl» sei ein verlegerischer Missgriff, so sehr geht er an der Botschaft des Textes vorbei.

Wie andere fortschrittliche Autorinnen und Autoren ihrer Zeit, etwa der Schaffhauser Jakob Bührer, versuchte Ruth Blum während des Kriegs der Zensur mit historischen Stoffen ein Schnippchen zu schlagen. Doch sie hatte auch eine persönlich begründete Leidenschaft für Historisches, die sich in einem Mundartfestspiel ausdrückte, das 1968 aufgeführt wurde. Blum ging nämlich davon aus, dass einer ihrer Vorfahren im sogenannten Wilchinger Handel, einem Aufstand der Wilchinger Dorfbevölkerung gegen die Stadt Schaffhausen zwischen 1717 und 1729, zu den Rädelsführern gehörte. Gemäss Hans Ritzmann handelt es sich bei diesem Urahnen um den Kirchenpfleger Adrian Hablützel, über den Blum am 27. Juli 1960 in den «Schaffhauser Nachrichten» schrieb: «Der Kirchenpfleger scheute sich nicht, trotz seines weiland heiligen Amtes dem leiblichen, aber regierungstreuen Bruder den halben Bart abzureissen.» Die Stadt Schaffhausen schlug den Aufstand nieder, umso freudiger tanzten dann Ruth Blums Vorfahren 1798 «um buntgeschmückte Freiheitsbäume» der Helvetischen Republik, um «das Ende der schmählichen Untertanenzeit» zu feiern, wie sie in «Die grauen Steine» berichtet.

Immer wieder fällt die wichtige Bedeutung des Christentums in Blums Texten auf. Die Auseinandersetzung damit führt als roter Faden durch ihr ganzes Werk. Frömmlerei hasst sie – ihr Glaube speist sich aus dem starken Erlebnis der Natur, aus der Erkenntnis des «Göttlichen in der Natur», die sie dazu führt, «neben den Kirchen beider Bekenntnisse, die auf unsern Hügeln stehen», eine dritte aufzurichten, «die grünende und blühende der Natur», wie sie am 19. März 1948 in den «Schaffhauser Nachrichten» schreibt.

Im Roman «Der Gottesstrauch» (1953) verlangen Liebesleute, eine arme Schneiderin und ein reicher Bauernsohn, einen Gottesbeweis von jener Pflanze, die Ruth Blum heilig war: dem seltenen, unter Naturschutz stehenden Diptam-Strauch. Diesen kennt die Schriftstellerin aus dem abgelegenen Wangental hinter Wilchingen, er riecht nach Vanille und Zitrone, kann sich wegen seiner ätherischen Öle selbst entzünden und wird so zum brennenden Busch. Doch lässt die Autorin das Wunder nicht geschehen: Der Gottesbeweis bleibt den Liebenden versagt, die beide Aussenseiter der Gesellschaft sind – er als dem Wilchinger Wein über die Massen zugeneigter Revoluzzer, sie als schüchterne Schneiderin im selbstbewussten Bauerndorf. Solche problematischen Randexistenzen rücken damals, ab den sechziger Jahren, zunehmend ins Zentrum des literarischen Interesses der jungen Schriftstellergeneration.

Blums Auseinandersetzung mit dem Christentum wirkt aus heutiger Sicht streckenweise veraltet, besonders, wenn sie in endlosen Dialogen stattfindet – und ohne solch starke Bilder wie etwa jenes mit dem Feuerbusch. Dabei fällt der Widerspruch zwischen den prägnanten Stellungnahmen ihrer Publizistik und den langfädigen literarischen Debatten über Religionsfragen auf. Erstaunlich eigentlich, zumal sie ihr Christentum unkompliziert und ironisch gelebt hat, so man dem träfen Spruch glauben kann, an den sich Hans Ritzmann erinnert: Sie sei nicht gegen den Herrgott, aber sein Bodenpersonal gefalle ihr nicht.

Streitbar trotz ihrer Erkrankung: Das ist das Bild, das Ruth Blum der Öffentlichkeit ab den sechziger Jahren von sich zeigt, nicht zuletzt in der engagierten Rede zum 1. August 1974. Bei der Lektüre ihres persönlichen Nachlasses lernt man eine andere Seite ihres Lebens kennen: Sie ist müde, enttäuscht, erschöpft vom Kampf gegen Krankheit und materielle Sorgen. Am 18. November 1968 bedankt sie sich beim Schweizerischen Schriftstellerverband SSV für eine Zuwendung von 3000 Franken und bekennt: «Es ist ein mühseliges Leben im Schatten chronischer Angst.» Ergreifend auch der Brief, den sie am Karfreitag 1971 an den Verband richtet: «Es hat Zeiten gegeben, da litt ich sehr an den Grenzen meines Könnens. Das Leben mit der Krankheit hat mich von jedem falschen Ehrgeiz befreit.»

Grenzen und Grenzsteine

Am 19. März 1972 schreibt sie an eine Bekannte, die lettische Schriftstellerin Zenta Maurina, die wegen Kinderlähmung an den Rollstuhl gefesselt ist: «Ich bin soweit, dass ich ganz gerne sterbe. Mich ekelt allzu viel an: die Verflachung, die Naturlosigkeit, der Ausverkauf der Heimat, das verlogene Christentum, das nur noch Fassade und Theater ist …» Und in einem Briefwechsel mit dem Schweizer Radio beklagt sie sich, dass «Die grauen Steine» am Radio nicht gewürdigt würden. Sie sei auf ein bisschen Publizität angewiesen, denn sie lebe von einer Rente von 1100 Franken im Monat, schreibt sie am 16. November 1972. Am 20. Dezember 1972 doppelt sie nach: «Ich bin des Treibens dermassen müde, so müde, dass ich nicht einmal mehr den Mumm aufbringe, mich röntgen zu lassen, obwohl meine Schmerzen nicht mehr abflauen.»

Um Ruth Blum ist es nach ihrem Tod schnell still geworden. Kurt Bächtold schreibt, sie habe zeit ihres Lebens «lokale Borniertheit und provinzielle Beschränktheit» überwinden, «allgemeine Menschheitsprobleme gestalten und übernationale Bedeutung erlangen» wollen. Letzteres ist ihr seiner Meinung nach nicht gelungen.

Doch dies ist nicht das letzte Wort über die Schriftstellerin. Ihre ZeitgenossInnen akzeptierten Blum allenfalls als Heimatdichterin, nicht aber als engagierte Schriftstellerin. Es braucht die heutige Zeit und einen neuen Blick auf ihr Leben und Werk, um sie als Vorläuferin der neuen sozialen Bewegungen nach 1968 zu erkennen.

Sie interessierte sich für Frauen- und Umweltfragen, für die verschütteten fortschrittlichen Spuren der Schweizer Geschichte, für soziale Gegensätze und ihre Auswirkungen auf Beziehungen, für psychosomatische Krankheiten und Naturheilkunde, für ihre keltischen Wurzeln, keltische Mystik und die nordirischen Freiheitskämpfe. Wie wenige hat sie dem Sinn der «grauen Steine» nachgespürt. Ihre aufständischen Vorfahren haben auf der Flucht vor der Schaffhauser Obrigkeit Zuflucht im badischen Nachbarland gefunden. Am Ende des Zweiten Weltkriegs hat sie erlebt, wie deutsche Soldaten am Grenzstein 254 ihre Waffen zertrümmerten. In der Auseinandersetzung mit dem Thema «Grenze» findet sich auch die aktuelle, universelle Botschaft, die sich durch ihr ganzes Werk zieht: Die Natur lässt sich nicht begrenzen, der Hunger nach Gerechtigkeit und der Durst nach Freiheit, das Streben nach Glück und Liebe ebenso wenig. Und vor allem: Dies- und jenseits der Grenze leben die gleichen Menschen.

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