Nr. 31/2011 vom 04.08.2011

«Das sind jedes Mal zwei Wochen am Rande des Wahnsinns»

Im kleinen Atelier von Marcel Nyffenegger in einem Schaffhauser Vorort schleckt sich ein Luchs am Hinterbein, scharf beobachtet von einem Neandertaler. Der Präparator haucht seinen Rekonstruktionen verblüffend viel Leben ein.

Von Jan JirátMail an AutorIn (Text) und Ursula Häne (Foto)

Ein Neandertaler, eine Peru-Frau und dahinter noch ein Buschmann: In der Köpfesammlung von Marcel Nyffenegger (mit Brille).

Als Jugendlicher passierte ich auf meinem Heimweg immer wieder ein altes Schaufenster voller Schädel und ausgestopfter Tiere. Wenn tiefnachts im schwachen Schein einer Strassenlaterne die Knochen und Skelette grell leuchteten, während die Dunkelheit sonst nur Umrisse und Schatten freigab, ging eine verstörende, fast beängstigende Stimmung davon aus. «M. Nyffenegger – Präparator» stand in schwarzen Lettern oberhalb des Schaufensters in der Schaffhauser Vorortgemeinde Feuerthalen geschrieben. Manchmal stellte ich mir beim Vorbeigehen den Herrn Nyffenegger als alten, bärtigen und knorrigen Mann vor, der im nahen Wald Knochen von Tierkadavern sammelte. Im Schatten der Nacht natürlich.

Heute gibt es das Schaufenster nicht mehr. Marcel Nyffenegger ist zwei Häuser weitergezogen. «Hier ist es! Der Eingang ist nicht leicht zu finden.» Der Präparator steht lächelnd in der Tür, die seitlich am Zweifamilienhaus angebracht ist. Der 47-Jährige trägt eine Brille, Jeans, ein T-Shirt und eine Baseballkappe auf dem Kopf. Ich ertappe mich dabei, fast ein wenig enttäuscht zu sein über Nyffeneggers Erscheinung – er könnte Lehrer sein, Informatiker, Busfahrer, eigentlich alles, ausser eben jener Präparator in meinem jugendlichen Kopf.

Routine im Wallis geholt

Das lang gezogene, schmale Atelier ist hell. Nicht nur wegen der weiss gestrichenen Wände. Zwei grosszügige Fenster und mehrere Lampen spenden viel Licht. «Das Präparieren und Rekonstruieren ist eine Präzionsarbeit – je heller es ist, desto besser», sagt Nyffenegger und streichelt über den Panzer einer afrikanischen Riesenschildkröte, die auf einer Ablage neben dem Eingang steht. «Das ist ein reiner Abguss.» Er klopft auf den Panzer. «Alles Plastik. Der Originalpanzer ist bei einem Tierarzt, der mir den Auftrag zur Präparation gegeben hat.» Nyffenegger geht an einer langen, aufgeräumten Werkbank und einem Schwedenofen vorbei, der jeden Winter fünf Ster Holz verheizt. Dann setzt er auf einem kleinen Tischchen heisses Wasser auf. «Für Kaffee», sagt er und setzt sich auf die Polstergruppe in der Ecke.

Marcel Nyffenegger ist in Schaffhausen aufgewachsen, das auf der anderen Rheinseite liegt, und hat schon als Kind gerne gebastelt und modelliert. Eine eigentliche Ausbildung zum Präparator hat er aber nie absolviert. Er ist gelernter Zimmermann und hat früher auch als Metallbauer, Maurer und Gipser gearbeitet. Seine Leidenschaft fürs Präparieren hat vor über zwanzig Jahren ein Bekannter geweckt, der ein Atelier besass. Dort durfte Nyffenegger dem professionellen Präparator über die Schulter schauen und mit dem vorhandenen Material üben. Die Arbeit gefiel ihm bald so gut, dass er sein Pensum bei einer lokalen Metallbaufirma auf fünfzig Prozent reduzierte. Doch die Anfangszeit war auch von Mühsal geprägt. Es gab Rückschläge, und immer wieder spielte ihm seine Fantasie einen Streich – seinen Präparaten fehlte, was die hohe Kunst der Berufsgattung ausmacht: die Lebensechtheit. «Ein wichtiger Schritt war ein mehrmonatiger Aufenthalt in einem Tierpräparationsbetrieb im Wallis. Dort habe ich die Grundlagen gelernt: Tierkörper vermessen, die Haut abziehen und gerben, den ganzen Knochen-, Muskel- und Gewebeaufbau.» Fliessbandarbeit sei das gewesen, sagt der Präparator, aber die Routine, die er sich dort geholt habe, sei unverzichtbar.

Der Lernprozess sei bis heute nicht abgeschlossen, meint Nyffenegger, der sich zum Trainingszweck selbst Aufträge erteilt. Fast noch wichtiger als sein Ehrgeiz ist die Haltung, das Gewöhnliche und Vorhersehbare möglichst zu vermeiden. Also schleckt sich sein präparierter Luchs am Hinterbein, der Dachs sitzt aufrecht auf dem Boden und kratzt sich den Bauch, und der Habicht stürzt sich mit den Krallen voraus, die Schwingen hoch in die Luft gereckt, auf einen Eichelhäher. «Das kostet zwar Zeit, und es ist schwieriger, die Tiere in aussergewöhnlichen Posen zu präparieren, aber es macht einfach mehr Spass! Auch für den Betrachter – hoffe ich jedenfalls.»

Konserviert im Permafrost

Von der Tierpräparation allein würde Marcel Nyffenegger nicht leben können. Die Nachfrage von Museen, Jagdgesellschaften oder privaten KundInnen ist schlicht nicht gross genug. Momentan stellt er beispielsweise im Auftrag des Zürcher Zoos Kotabdrücke von einem Bartgeier, vom Wolf oder von der Onyxantilope her. «Man kann den Kindern zur Anschauung ja schlecht die Originalstücke vorsetzen», lacht er, «ausserdem habe ich gerne etwas Abwechslung und bin froh um jeden Auftrag.» Zu seinem Repertoire zählen auch Naturinstallationen oder Bodenprofile.

Seine grösste Passion ist allerdings die Rekonstruktion von Menschengesichtern – zumeist solche aus antiken Kulturen. Oberhalb des Tischchens, wo das Wasser im Kocher längst kalt geworden ist, stehen auf einem Tablar eine Reihe rekonstruierter Köpfe: ein Neandertaler mit Bart und langem, flachem Haar, ein Paar, das vor 2000 Jahren im heutigen Peru lebte. Mann und Frau weisen Deformationen am Schädel auf – schon damals gab es offenbar eine Art Schönheitschirurgie. Oder ein Alamanne aus dem 7. Jahrhundert, ebenfalls mit Bart und hoher Stirn. Mit dieser Rekonstruktion hat der Autodidakt vor drei Jahren an der Weltmeisterschaft der Präparatoren in Salzburg eine Goldmedaille geholt. Die Grundlage all dieser Rekonstruktionen bilden archäologische Schädelfunde, die dank modernen 3-D-Drucks hochpräzise kopiert werden können.

Weder puppenhaft noch künstlich

Ein weiterer Schädel, den Nyffenegger für eine Rekonstruktion verwendete, stammt aus dem heutigen südlichen Sibirien. Vor mehr als 2000 Jahren wurde dort eine junge Skythin begraben – zusammen mit Schmuck, Waffen und weiteren Gerätschaften. Der sibirische Permafrost hat den Grabinhalt beinahe schadlos konserviert. Das wissenschaftliche Team des Historischen Museums der Pfalz in Speyer, das massgeblich an der archäologischen Auswertung des Grabes beteiligt war, trat vor zwei Jahren an den Präparator aus Feuerthalen heran und bat ihn, das Gesicht der Kriegerin zu rekonstruieren. Dazu überliess es ihm ein per Computertomograf erstelltes Schädelmodell – mehr nicht.

Auf das Schädelmodell setzt der Präparator Muskelstrang um Muskelstrang, Gewebeschicht um Gewebeschicht, beides aus Plastilin geformt, dann rekonstruiert er in Feinstarbeit den Hautaufbau, die Augen, die von einer spezialisierten Firma aus Deutschland stammen, und die Mimik. «Mit dieser Weichteilrekonstruktion, die sich rein am Knochenaufbau orientiert, erreiche ich die Genauigkeit von 75 Prozent des einstigen Aussehens der Skythin», erklärt Marcel Nyffenegger. Die restlichen 25 Prozent blieben Interpretation, etwa die Frage nach den Farben der Augen, der Haare und der Haut. «Und für die Mimik ist es wichtig, dass ich die Person spüre, die ich erschaffe. Je mehr Informationen mir die Archäologen geben – in welchem Klima sie gelebt hat, wie sie sich ernährt hat, ob sie eine Kriegerin oder Bäuerin war –, desto besser schaffe ich das», sagt er.

Was jetzt noch fehlt, sind die Hautschicht sowie die Augenbrauen, Kopfhaare und Wimpern – es ist der mühevollste Teil der rund zweimonatigen Arbeit. In einem eigens entwickelten Verfahren überzieht der Präparator zunächst das Modell mit Silikon und giesst die Form mit einer Gummi-Harz-Mischung auf, der er Pigmentfarben untergemischt hat. In diese Hautschicht fädelt er schliesslich jedes einzelne der zwischen 100 000 und 150 000 Kopfhaare mit einer eigens präparierten Nadel von Hand ein. «Das sind zwei Wochen am Rand des Wahnsinns. Länger als zwei, drei Stunden pro Tag halte ich das nämlich nicht aus – die Langeweile und die Nackenschmerzen zwingen mich förmlich dazu, etwas anderes zu machen», erzählt er.

Das Endergebnis ist beeindruckend. Statt puppenhaft und künstlich wirkt das Gesicht der feingliedrigen Skythin lebendig und ausdrucksstark. Das liegt massgebend an der eingefärbten Gummi-Harz-Mischung, die täuschend wie echte Haut aussieht. Aber auch an Details, auf die Nyffenegger so viel Wert legt, wie die kleine Narbe auf der Stirn. «Sie war schliesslich eine Kriegerin, da kann ich doch kein makelloses Gesicht erwarten», lacht er, als sein Handy zu klingeln beginnt: Rabengeschrei. Wenigstens das, denke ich, und spreche den Präparator zum Abschied auf das alte Schaufenster und mein Bild von ihm an. Er schüttelt lachend den Kopf: «Es geht genau nicht um das Morbide, sondern darum, das Interesse an einer alten, fremden Kultur und deren Lebenswelten zu erwecken.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch