Nr. 12/2009 vom 19.03.2009

George Smiley

Von Martina Süess

John Le Carré, der unübertroffene Meister des realistischen Spionageromans, hat mit George Smiley einen Agenten geschaffen, der James Bond diametral entgegengesetzt ist. Nachdem Smiley bereits in früheren Romanen eine Rolle gespielt hat, wird er in «Dame, König, As, Spion» (1974) in einer besonders traurigen Verfassung eingeführt: Vom Geheimdienst suspendiert, von seiner Frau betrogen und verlassen, trottet der kleine, dicke Mann ohne Schirm durch den Londoner Regen, unterm Arm eine kostbare Grimmelshausen-Ausgabe, die er verhökern will.

Doch dann ereilt ihn ein neuer Auftrag. Der Verdacht, dass auf oberster Ebene des britischen Secret Service ein Doppelagent für Moskau arbeitet, wird zur Gewissheit, nachdem ein weiteres Agentennetz aufgeflogen ist. Smiley soll den Verräter entlarven. Er vernimmt ZeugInnen, vergleicht die Akten und kommt langsam und mühselig der Wahrheit auf die Spur.

Der Roman ist der Versuch, eine der grössten Pannen des britischen Geheimdienstes zu rekonstruieren, dessen «Wahrheit» bis heute im Dunkeln liegt. Als Kim Philby, Direktor der Abteilung für antisowjetische Spionageabwehr, 1956 nach Moskau floh, bestätigte er den Verdacht, dass er als Agent für den sowjetischen Geheimdienst KGB tätig war. Seit wann und warum er für die Gegenseite arbeitete, konnte nie befriedigend beantwortet werden. Auch Le Carré findet keine Antwort, stattdessen wirft der Roman Fragen auf, die mitten im Kalten Krieg ziemlich heikel waren.

Der unkorrumpierbare Smiley, der im Namen humanistischer Werte den Kommunismus bekämpft, unterscheidet sich in seinen Methoden nämlich in keiner Weise von seinem Feind. Die Rekrutierung von Doppelagenten, aber auch Folter und Mord gehören zu seinem Berufsalltag. Während Flemings Bond den Kalten Krieg als praktische Schwarz-Weiss-Folie für seine Heldentaten instrumentalisiert, muss Smiley in einem schmutzigen Spiel, dessen Regeln die Gegner ununterscheidbar machen, menschlich scheitern. Das macht ihn so grossartig.

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