Nr. 38/2016 vom 22.09.2016

Was man beim Putschen nicht vergessen sollte

Ein Ereignis: Eric Ambler wird auf Deutsch neu aufgelegt. Die meisten Werke dieses überragenden englischen Thrillerautors sind so bedenkenswert und unterhaltsam wie eh.

Von Stefan Howald

Ein Putsch ist eine riskante, blutige Sache. Er muss gut vorbereitet werden, damit man nicht in einen Gegenputsch hineinläuft. Siehe die gegenwärtige Türkei. «‹Zweifellos haben Sie unten die Radiostation übernommen und werden in Kürze damit beginnen, die gute Nachricht über das übrige Land auszustrahlen›», sagt der englische Ingenieur Steve Fraser zu Major Suparto, als der ihn mit islamistischen Aufständischen im einzigen Hotel der Stadt eines südostasiatischen Inselstaats überrascht und festsetzt. «‹Inzwischen besetzen andere Truppen die Telegrafen- und Fernsprechzentrale, das Kraftwerk und den Bahnhof. Die Hauptmacht Ihrer Streitkräfte bezieht Stellungen um die Polizeikaserne, das Munitionslager und um die Festungen zum Schutz des äusseren Hafens und der Garnison.›»

Fraser, der nach dreijähriger Arbeit an einem Staudammprojekt nach Hause reisen wollte, wird zwangsverpflichtet, den Generator des Radiosenders zu reparieren, der durch den Beschuss regierungstreuer Truppen beschädigt worden ist. Öffentliche Kommunikation ist schliesslich wichtig, wie Major Suparto die Ansicht des Putschistenführers General Sanusi erläutert. «‹Wenn der General nicht zur Welt spricht, denkt die Welt womöglich, er kann nicht sprechen und ist nicht wirklich Herr der Lage, und es ist besser, man wartet mit Freundschaftsbezeugung erst mal ab, bis klarer ist, wer gewonnen hat. Der General legt der Radiopropaganda grosses Gewicht bei. Seiner Ansicht nach kann sie von entscheidender politischer Bedeutung sein.› Aus seinem Ton war deutlich Kritik herauszuhören. [Steve] sagte: ‹Und Sie teilen diese Ansicht nicht?› ‹Ich halte daneben auch die realen Machtverhältnisse für wichtig.›» Zur Einschätzung der realen Machtverhältnisse muss ein Putschist auch abklären, ob wirklich alle hinter einem stehen, insbesondere alle Majore – und zu mobilisierende Volksmassen.

Der englische Thrillerautor Eric Ambler (1909–1998) hat das 1956 in seinem Roman «Besuch bei Nacht» beschrieben, lakonisch, präzis, als die Frage postkolonialer Befreiung noch kaum gestellt und der Islamismus erst eine ferne Ahnung war.

Kompetente Kriminelle

Über Wirtschaftskriminalität und Steuerhinterziehung hat Ambler ebenfalls einen Roman geschrieben, als so etwas noch als Kavaliersdelikt galt. Selbstverständlich kommen darin Schweizer Nummernkonti vor, werden aber als «Hokuspokusklischee» bezeichnet. Denn in «Bitte keine Rosen mehr» (1977) behandelt Eric Ambler nicht wohlfeile Motive, sondern eine ganze Steuervermeidungsindustrie, deren Techniken und Tricks. Ebenso interessiert ihn der neue Sozialcharakter des zweckrational Hochgebildeten ohne moralischen Kompass. Über diese neuen «kompetenten Kriminellen» inszeniert er Dispute zwischen zwei Fachleuten, die man heute psychologische Profiler nennen würde.

«Bitte keine Rosen mehr» ist ein spätes Werk von Ambler. Es kommt eher gemächlich daher. Aber es ist nicht weniger aufschlussreich und spannend.

Frühere Romane rollen schneller, heftiger ab. Eines seiner Meisterwerke, «Die Maske des Dimitrios» (1939), ist jetzt als erstes in einer neuen deutschen Ambler-Ausgabe wieder aufgelegt worden. Ein Krimiautor setzt sich auf die Fährte von Dimitrios, der von der Türkei bis Bulgarien eine blutige Spur verschiedenster Verbrechen hinterlassen hat. Ist Dimitrios ein skrupelloser Krimineller, ein Opportunist in einer zerfallenden Welt oder das willfährige Werkzeug politischer Auftraggeber? In seinen ersten Romanen ab 1936 hatte sich Ambler noch dezidierter mit der faschistischen Gefahr auseinandergesetzt. «Nachruf auf einen Spion» (1938) stellt einen Staatenlosen in den Mittelpunkt, dessen prekäre Lage ihn für Anrufungen verschiedenster Loyalitäten erpressbar macht.

Mit seinen Büchern galt Ambler bis Mitte der sechziger Jahre als «der beste aller literarischen Thrillerautoren» (Graham Greene), von vielen Kollegen und Nachfolgern als «Quelle, aus der wir alle schöpfen» (John le Carré) anerkannt. Dann wurde er allmählich von Ian Flemings Cartoonfigur James Bond und von John le Carrés bedeutungsschweren Moralstücken aus dem Kalten Krieg zur Seite gedrängt.

Gesellschaftskritischer Blick

Ambler hat Thriller geschrieben, nicht Spionageromane. Nur in einem Roman setzt er sich mit dem klassischen Muster des Kalten Kriegs auseinander. Aber dieser ist auch wieder ein bisschen anders. In «Das Intercom-Komplott» (1969) geht es um Informationen und Desinformationen, und die Schweiz dient dabei als Drehscheibe. Ambler selbst hat übrigens von 1969 bis 1982 in Clarens im Waadtland gelebt. Unter anderem aus Steuergründen – Autoren befolgen zuweilen die Einsichten ihrer eigenen Bücher nicht.

Mehr als Verfolgungsjagden haben Ambler gesellschaftliche Umbruchsituationen interessiert. Zum Beispiel stalinistische Schauprozesse («Der Fall Deltschev», 1951), Waffenschmuggel und Neokolonialismus in Afrika («Waffenschmuggel», 1959, «Schmutzige Geschichte», 1969), die Kurdenfrage («Eine Art von Zorn», 1964) und der palästinensisch-israelische Konflikt («Der Levantiner», 1972). Und noch ein weiterer Putsch, diesmal in der Karibik («Doktor Frigo», 1974).

Dabei ist Ambler ein durch und durch historisch-materialistischer Autor, wenn man einen solchen Ausdruck noch verwenden kann. Ihn beschäftigen die Mechanismen geschichtlicher Abläufe und gesellschaftlicher Machtausübung, und zwar in ihren Auswirkungen auf die Menschen. In seinen Geschichten geht er zumeist vom Durchschnittsbürger aus (zeitbedingt kaum je von einer Frau), der in ungewohnte Situationen gerät: in fremde Kulturen, unter Verdacht, in Gefahr, in moralische Zwickmühlen. Was darauf folgt, beschreibt er dann aber mit Blick auf grössere gesellschaftliche Zusammenhänge.

Sein scharfer Blick nahm immer wieder Entwicklungen voraus. Im Erstling «Der dunkle Grenzbezirk» (1936) beschrieb er die Entwicklung einer Atombombe – drei Jahre bevor die USA beschlossen, den Bau einer solchen zu forcieren. Nachträglich meinte er, der eine technische Ausbildung genoss hatte, habe bloss einschlägige wissenschaftliche Zeitschriften gelesen und daraus Schlussfolgerungen gezogen. Einer seiner stärksten Romane, «Schirmers Erbschaft» (1953), veranschaulicht die ethnischen und politischen Wirren auf dem Balkan, die sich in den neunziger Jahren in blutigen Kriegen zuspitzten. Sein letztes Buch, «Mit der Zeit» (1981), thematisiert neben Giftgasen auch die Philosophie und Psychologie des Terrorismus.

Verleger Daniel Keel hatte Ambler für den deutschsprachigen Raum entdeckt, der Diogenes-Verlag pflegte ihn jahrelang profitabel. Um die Jahrtausendwende wurden alle Bücher in leicht modifizierten Übersetzungen neu herausgegeben – und trafen auf lähmendes Desinteresse. Kürzlich – still und unheimlich – hat Diogenes seinen ehemaligen Starautor aufgegeben. Der Verlag Hoffmann und Campe hat jetzt mit einer Neuauflage begonnen. Wenn sich aus der Vergangenheit lernen lässt, dann ist das in Amblers Romanen besonders unterhaltsam und eindringlich möglich.

Stefan Howald hat 2002 die bislang umfassendste Ambler-Biografie veröffentlicht. Stefan Howald: «Eric Ambler. Eine Biographie». Diogenes Verlag. Zürich 2002. 600 Seiten. 42 Franken.

2016 sind bisher bei Hoffmann und Campe in Hamburg erschienen: «Die Maske des Dimitrios», «Nachruf auf einen Spion» und «Ungewöhnliche Gefahr».
Für Januar 2017 sind «Doktor Frigo» und «Der dunkle Grenzbezirk» angekündigt.

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