Nr. 18/2009 vom 30.04.2009

«Den blanken Nerv fühlen»

«Der Gott der kleine Dinge» machte sie weltberühmt, durch ihre Solidarität mit unterdrückten Minderheiten wurde die brillante Essayistin zur Feindin der indischen Eliten. Nun will Arundhati Roy endlich wieder einen Roman schreiben. Die WOZ war bei ihr in Delhi zu Besuch.

Von Gerhard Klas, Delhi

Arundhati Roy lebt in einer Mittelschichtsiedlung im Süden Delhis. Ihre Dachgeschosswohnung mit Terrasse und Blick über die Megacity hat die ehemalige Architektin selbst entworfen. Herausgekommen ist ein Stil, der indische und westliche Innenarchitektur vereint. Reich verzierte Sitzkissen liegen auf grossflächigen Terrakottafliesen, auf der Anrichte in der Wohnküche steht eine Espressomaschine und mitten im Arbeitszimmer ein gläserner Schreibtisch.

Gemessen an ihren Möglichkeiten lebt Roy in bescheidenen Verhältnissen. Eine halbe Million Britische Pfund hat sie Mitte der neunziger Jahre als Vorschuss für ihren Roman «Der Gott der kleinen Dinge» erhalten. In Indien ist das extrem viel Geld. Einen grossen Teil davon hat sie der Bewegung gegen den Bau des Narmada-Staudammes im Bundesstaat Gujarat gespendet, um den Kampf der Bevölkerung gegen Vertreibung zu unterstützen.

«Ich bin beschämt, wie viel Geld mein Roman eingebracht hat», sagt sie, «es ist, als wäre jedes Gefühl im ‹Gott der kleinen Dinge› für eine Silbermünze gehandelt worden, als hätte ich mich selbst in eine silberne Figur mit einem kalten, silbernen Herzen verwandelt.» Viel braucht sie nicht für sich selbst, sie lehnt den Luxus ab und spendet bis heute für politische Initiativen: «Eingeklemmt zu sein in einem engen Kokon von Erfolg, Ruhm und Wohlstand, ist für mich ein furchtbarer Albtraum.» Aber sie will auch von den in Indien starken sozialen Bewegungen nicht instrumentalisiert werden. «Es ist eine Art Tanz, bei dem ich versuche, meine Unabhängigkeit zu wahren und dennoch ihre politischen Anliegen zu verstehen und zu unterstützen. Als Schriftstellerin will ich nicht mit den überbordenden Erwartungen anderer Leute belastet sein. Ich will so frei sein, auch manchmal jemanden zu enttäuschen.»

Die Arbeit am «Geheimnis»

Arundhati Roy wurde 1959 in der nordostindischen Stadt Shillong geboren, wuchs aber im südindischen Bundesstaat Kerala auf, dem Staat, in dem 1957 weltweit zum ersten Mal eine kommunistische Partei demokratische Wahlen gewann. Sie war Hippie in Goa, Drehbuchautorin, Schauspielerin und studierte Architektur, unter anderem in Florenz. Sie protestierte gegen Staudammprojekte, war in Polizeigewahrsam und im Gefängnis. Auch für westliche Regierungen ist sie mittlerweile eine Persona non grata: Spätestens seit dem Krieg gegen Afghanistan hat Roy ihren Weltruhm genutzt, um auch die westliche Wirtschafts- und Militärpolitik zu kritisieren.

Für die indischen Eliten ist Arundhati Roy schon lange ein Enfant terrible. Dazu haben mehr noch als der autobiografisch geprägte Roman «Der Gott der kleinen Dinge», für den sie 1997 den Booker-Preis erhielt, ihre Essays beigetragen - ihren ersten politischen Essay schrieb sie 1998 aus Anlass der Atombombentests in Indien.

Im November wird Arundhati Roy fünfzig Jahre alt. Auch wenn sich in ihrem dunklen Haar die ersten grauen Strähnen zeigen, wirkt sie noch immer jung und quicklebendig. Anders als viele ehemals politisch engagierte SchriftstellerInnen in Westeuropa ist sie nicht zur Zynikerin oder gar zur Apologetin der Macht geworden. Sie ist mit einem ganz anderen Problem beschäftigt: Eigentlich, so hat sie 2007 angekündigt, will sie einen neuen Roman schreiben. Es ist mehr als zehn Jahre her, dass ihr bisher einziger Roman, der «Gott der kleinen Dinge», zum Welterfolg wurde. Ihre Erfahrungen, die sie im letzten Jahrzehnt gesammelt habe, setzten Gedanken frei, die den Rahmen eines Essays sprengten. «Manchmal muss man Romane schreiben, weil man gewisse Dinge nur in einer fiktiven Geschichte ausdrücken kann», meint sie. Über den Inhalt ihres neuen Romans schweigt sie. «Meine Essays entstehen aus Diskussionen mit vielen Menschen, sind gewissermassen ein Gemeinschaftsprodukt, aber Romane sind ein grosses Geheimnis.»

Doch die politischen Ereignisse lassen ihr kaum Zeit dazu, sich ihrer Fantasie zu widmen. An ihrem «Geheimnis» zu arbeiten, erscheint ihr manchmal als Luxus. Die Wirklichkeit holt sie immer wieder ein: aussergerichtliche Hinrichtungen durch die Polizei, der wachsende Einfluss der Hindu-Nationalisten und deren Gewalt gegen Minderheiten in Indien sind die Themen, zu denen sie in ihren Essays Stellung bezieht.

Salman Rushdies Kritik

Der terroristische Angriff in Bombay im November 2008 war Gegenstand ihres jüngsten Essays, das auch der britische «Guardian» unter dem Titel «The Monster in the Mirror» (das Monster im Spiegel) abdruckte. Darin kritisierte die Autorin einerseits die Destruktivität des Terrors, wies aber auch auf drei unbewältigte Ereignisse in der aktuellen Geschichte Indiens hin, die den Terrororganisationen junge Muslime regelrecht in die Arme treiben: die militärische Besetzung Kaschmirs, die Zerstörung der Babri-Moschee 1992 durch nationalistische Hindus und das ungesühnte Massaker von Gujarat im Jahre 2002, bei der mehr als tausend Muslime ums Leben kamen, darunter Frauen und Kinder. Den in Indien üblichen Vergleich des Angriffs auf Bombay mit den Anschlägen des 11. September 2001 in New York hält sie für keinen Zufall. «Der Vergleich war bewusst gewählt», ist Roy überzeugt, «man hoffte auf dieselbe internationale Unterstützung, zudem sollte dieser Angriff von jedem Kontext isoliert werden, als hätte er sich in einem historischen Vakuum zugetragen, als ginge es ganz einfach um den Kampf Gut gegen Böse.»

Salman Rushdie, ebenfalls Träger des Booker-Preises, kritisierte auf einer Literaturveranstaltung, Roy wecke mit ihrem Essay die Illusion, «der Terrorismus würde von der Welt verschwinden, wäre einmal die Ungerechtigkeit beseitigt». Ausserdem warf er ihr vor, die Opfer in den Luxushotels gering zu schätzen. Dabei hatte Roy nur die gegenüber vorherigen Anschlägen überproportionale Aufmerksamkeit der indischen und internationalen Medien kommentiert. Erstmals habe der Terror auch «vor den glitzernden Empfangshallen der Fünfsternehotels nicht haltgemacht», so die Autorin gegenüber der WOZ, «auf einmal bedeuteten die Toten etwas - normalerweise sind sie nur Ziffern».

Für ein unabhängiges Kaschmir

Besonders verhasst ist Roy den Hindu-Nationalisten der Indischen Volkspartei (BJP), der grössten indischen Oppositionspartei. Deren Spitzenkandidat Lal Krishna Advani fordert auf Wahlkampfveranstaltungen sogar das Verbot eines von Roys Büchern. Im vergangenen Sommer hat sie sich für ein Referendum zur Unabhängigkeit Kaschmirs ausgesprochen. Dort ist eine halbe Million indischer Soldaten und Paramilitärs stationiert, Gewalt gegen die Zivilbevölkerung ist an der Tagesordnung. Ein Grund für Roy, das Wort und die Schreibfeder zu ergreifen.

«Spätestens nachdem ich Kaschmir besucht hatte, musste ich meinen Gefühlen Ausdruck verleihen. Ich schäme mich dafür, was dort auch in meinem Namen der Bevölkerung angetan wird», sagt Roy. Sie war im August 2008 in Kaschmir, als dort ein Aufstand im vollen Gang war. «Alle waren auf den Strassen, auch Kinder und Frauen, und riefen im Sprechchor ‹Azadi›.» Der Begriff bedeutet Würde. Er ist der Ruf nach Unabhängigkeit in Kaschmir, nach Souveränität und Selbstbestimmung. «Ich fühlte, mein Schreiben bliebe lückenhaft, würde ich nicht meine Meinung dazu äussern.» Als sie es tat, waren die Reaktionen heftig. «In sämtlichen Fernsehprogrammen hiess es, jetzt hätte ich die Grenze endgültig überschritten, und alle Politiker - von BJP bis Kongress-Partei - forderten, mich ins Gefängnis zu stecken und den Schlüssel zur Zelle gleich wegzuwerfen, ich sei eine Verräterin», berichtet Roy. Sie lächelt. «Ich trage das als Ehrenauszeichnung. Es würde mich beunruhigen, wenn sie aufstehen und Beifall klatschen würden.»

Obwohl es in Indien einige MenschenrechtlerInnen gibt, die wegen ihres Engagements unter Polizeischutz stehen, verzichtet Roy auf Bodyguards. Der Zuneigung vieler InderInnen fühlt sie sich sicher. «Wenn ich irgendwo hinkomme und mich vorstelle, werde ich sofort willkommen geheissen», schildert sie. Schreiben ist für sie mehr als die Jagd nach Rezensionen, Auszeichnungen und Preisen. «Den Puls zu fühlen, den blanken Nerv, das ist für mich Schreiben. Das ist eine Art Kampf, und zwar ein sehr lebendiger.»

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