Nr. 50/2008 vom 11.12.2008

Der Pirat - ein Demokrat?

Was haben die somalischen Piraten mit den Seeräubern der frühen Neuzeit gemein? Mehr als man denkt, zeigt der Aachener Kulturhistoriker Rüdiger Haude.

Von Thomas Wagner

Sie entern Schiffe, machen Beute und erpressen Lösegeld. Erst sind es die schwimmenden Fabriken internationaler Fischfangflotten, dann Frachter und schliesslich sogar Öltanker. Schwer bewaffnete Männer aus dem somalischen Puntland am Horn von Afrika versetzen mit ihren Schnellbooten die Handelsschifffahrt im Golf von Aden in Angst und Schrecken. Die Weltöffentlichkeit nennt sie Piraten und ruft damit romantische Bilder einer ungebundenen Lebensweise in Erinnerung, die wir aus Abenteuerbüchern und Hollywoodfilmen kennen.

Vieles davon ist frei erfunden, anderes wird von der Forschung bestätigt: Das Leben karibischer Piraten im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts soll nahezu herrschaftsfrei gewesen sein. «Das Piratenschiff war demokratisch in einem undemokratischen Zeitalter», schreiben die US-Historiker Peter Linebaugh und Marcus Rediker in ihrem Buch «Die vielköpfige Hydra. Die verborgene Geschichte des revolutionären Atlantiks».

Für ihren deutschen Kollegen Rüdiger Haude war das Grund genug, das britische Nationalarchiv in Kew bei London aufzusuchen und die vorliegenden historischen Dokumente über die Piraten der Karibik selbst unter die Lupe zu nehmen. «Ganz wichtig sind hier die Gerichtsakten der Piratenprozesse, Briefe und Petitionen von Handelskapitänen oder von Gouverneuren sowie zeitgenössische Zeitungsberichte», beschreibt er die aussergewöhnlich günstige Quellenlage. Die Behauptung einer «piratischen Demokratie» fand er vor Ort empirisch bestätigt.

Kaum erbeutet, schon verprasst

«Wenn karibische Piraten sich zu einer Unternehmung zusammenschlossen», erläutert Haude, «handelten sie sogenannte ‹Artikel› aus.» Diese wurden von jedem Teilnehmer unterschrieben und regelten die Verteilung der Beute: Der Captain erhielt beispielsweise zwei Beuteanteile, bestimmte Handwerker oder Ärzte eineinhalb, alle anderen einen Anteil. Etwas wurde immer für eine Invalidenkasse abgezweigt. Aus dieser bezogen Piraten, die im Kampf versehrt worden waren, eine Art Rente. «Verbuddelte Piratenschätze sind dagegen eine Erfindung der Literatur», sagt Haude. «Was man erbeutet hatte, wurde bei nächster Gelegenheit verprasst.»

Alle wichtigen Beschlüsse fasste die Versammlung aller Mannschaftsmitglieder. Dieser «Rat» wählte den Captain - und wählte ihn auch wieder ab, wenn dieser feige war oder herumkommandieren wollte. Der Captain hatte Befehlsgewalt, wenn es hart auf hart kam: Wenn ein Beuteschiff verfolgt und geentert wurde oder wenn man selbst von der Navy gestellt wurde. Für seine Anordnungen musste er sich hinterher vor dem «Rat» verantworten. Im Normalfall hatte er eine Stimme wie jeder andere. Rüdiger Haude zählt auf: «Welcher Kurs wird gesteuert? Was passiert mit den Gefangenen? Soll ein Genosse, der heimlich Beute gehortet hat, auf einer unbewohnten Insel ausgesetzt werden? All das wurde per Mehrheitsvotum entschieden.»

Ordnung statt Faustrecht

Verklärt die sympathisch tönende Kunde von der «piratischen Demokratie» nicht tausendfachen Raub, Mord und Vergewaltigung? Der Kulturhistoriker weist diese Kritik entschieden zurück: «Ich leugne ja nicht die grausame Seite der Piraterie - auch wenn sie die Grausamkeiten in der ‹christlichen Seefahrt› keineswegs übertraf. Dass die Piraten unter schrecklichen Entbehrungen zu einer radikalen Demokratie, noch dazu an Bord eines Schiffes, imstande waren, finde ich genau deshalb doppelt faszinierend.» Es war immer klar, so Haude, ein Schiff, ein Kommandant. Viele Piraten hatten in ihrem Leben - zum Beispiel im Dienst der Royal Navy - nichts anderes als Brutalität kennengelernt. «Dennoch entschieden sie sich, als sie vor der Wahl standen, nicht fürs Faustrecht, sondern für die anarchistische Ordnung.»

Linebaugh und Rediker argumentieren in ihrer Untersuchung, dass die Entwicklung der piratischen Demokratie massgeblich beeinflusst war vom widerständigen Klassenbewusstsein eines transantlantischen Protoproletariats, das sich in der Kriegs- und Handelsschifffahrt des 17. und 18. Jahrhunderts herausgebildet hatte. Haude hält das für stichhaltig. «Wenn ein Handelsschiff von Piraten aufgebracht wurde, schlossen sich sehr viele Matrosen freiwillig den Piraten an. Das erwähnte egalitäre Klassenbewusstsein trug sicher zur Bereitwilligkeit bei, mit der das geschah.»

Demokratie und Gleichheit speisten sich bei den karibischen Piraten aber aus verschiedenen Quellen. Dazu gehören laut Haude ein europäischer, traditionell bäuerlicher Egalitarismus sowie die Tradition der radikalen religiösen Sekten in den europäischen Religionskriegen. Sie trat vor allem im englischen Bürgerkrieg Mitte des 17. Jahrhunderts deutlich hervor. Und auch das Erbe indigener herrschaftsfreier Gesellschaften in der Karibik und im angrenzenden nördlichen und südlichen Amerika spielten eine Rolle.

Schliesslich ist auch das Erbe der verschiedenen «Sklavengeber»-Gesellschaften Afrikas von Bedeutung, ist Haude überzeugt: «Karibische Piratenmannschaften bestanden oft zu einem Drittel, manchmal zur Mehrzahl aus Afrikanern.» Teils waren das befreite Sklaven von den Sklavenschiffen der Europäer. Teils waren es Sklaven, die von den Plantagen in der Karibik geflohen waren.

Selbstorganisation

Über die heutigen Piraten am Horn von Afrika wissen wir weniger als über ihre historischen Vorgänger. Teile der Medien stellen sie dennoch als raffgierige Verbrecher dar, die womöglich mit den Terroristen von al-Kaida unter einer Decke stecken. Dabei wird oft übersehen, dass die selbstorganisierte Küstenwache der Fischer aus der somalischen Region Puntland manchen ExpertInnen zunächst als vorbildliche Ordnungsinitiative von unten galt. Immerhin hat das Land siebzehn Jahre Bürgerkrieg hinter sich und kennt seitdem keine wirksamen staatlichen Strukturen mehr. Clanchefs haben die Region Puntland für autonom erklärt.

Beinahe alle Quellen sagen aus, die ersten Piraten an der Küste Puntlands seien Fischer gewesen. Illegal operierende Fangfabrikschiffe aus China und Korea, aber auch aus Spanien, Griechenland und Russland plünderten die thunfischreichen Gewässer und zerstörten damit die Lebensgrundlage der somalischen Fischer. Weil keine staatliche Küstenwache vorhanden war, hätten die Fischer, unterstützt von Exmilizionären und technischen Experten, im Auftrag ihrer Hafengemeinden und Clans den Weg der bewaffneten Selbsthilfe beschritten. Sie brachten schwimmende Fangfabriken auf und erpressten Wegzoll von Handelsschiffen, die illegal Giftmüll in den Küstengewässern verklappten.

Piratenforscher Haude weiss wenig Zuverlässiges aus Somalia. Aber er hält es für plausibel, dass die arbeitslos gewordenen somalischen Fischer ihre seemännischen Fähigkeiten im Seeraub anwenden: «Das ist eine von wenigen brauchbaren Existenzstrategien.» In Interviews mit der BBC oder der «New York Times» gaben einige Piraten an, aus sozialer Not zu handeln und die Beute untereinander und mit den Mitgliedern ihrer Clans zu teilen.

Die eigentlichen Banditen

Dessen ungeachtet wird eine Hightechkriegsflotte aus Schiffen der Nato und der EU mobilgemacht. Ausnahmsweise sitzen dabei auch der scheidende US-Präsident George Bush und der russische Regierungschef Dmitrij Medwedjew in einem Boot. In seltener Einmütigkeit scheint sich die internationale Staatengemeinschaft auf die Parole «Gegen Piraten helfen nur Soldaten!» geeinigt zu haben. Dabei gibt es durchaus Alternativen zur militärischen Bekämpfung der Piraten.

So sieht es jedenfalls Haude: «Die Alternative wäre natürlich, die Ursachen zu beseitigen. Dabei denke ich im somalischen Fall nicht so sehr an eine Restitution staatlicher Herrschaft, sondern an eine wirksame internationale Überwachung der Welthandelsschifffahrt und der globalen Fischerei.» Damit spricht der Historiker vor allem ökologische Probleme an, die auch unabhängig von der Frage der Piraterie dringend gelöst werden müssten. «Freilich würde dies eine fast revolutionäre Abkehr vom derzeitigen neoliberalen Welthandelsregime erfordern, dessen Banditentum weit grössere Schäden anrichtet als das der Piraten.»

Rüdiger Haude ist aber wenig zuversichtlich, dass eine friedliche Lösung verfolgt werden wird. Schliesslich wurden alle vorherigen piratischen Kulturen militärisch vernichtet, wie er betont: «Die Vitalienbrüder um Klaus Störtebeker Ende des 14. Jahrhunderts, die Barbareskenstaaten der Korsaren Anfang des 19. Jahrhunderts, aber auch die karibischen Piraten des ‹goldenen Zeitalters› in den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts gehören dazu.» Bestehen konnten Piratenkulturen immer nur in den Nischen der Herrschaft, wo die staatliche Autorität schwach oder in imperiale Auseinandersetzungen verstrickt war.

Die plötzliche Entschlossenheit der «Weltgemeinschaft», die somalischen Piraten zu bekämpfen, lässt Haude deshalb Böses ahnen für die Piraten. «Aber wir haben es ja mit einer Hydra zu tun: Schlägt man ihr einen somalischen Kopf ab, wachsen vielleicht zwei malakkische nach.»

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