Nr. 18/2009 vom 30.04.2009

Lasst mir eine Bratwurst

Ein nostalgisches Schauspiel, das Jahr für Jahr neu demonstriert wird? Das täuschend echte Double des Ausnahmezustands? Warum es den Tag der ArbeiterInnen immer noch gibt - und warum wir ihn weiterhin brauchen.

Von Milo Rau

Meine revolutionäre Laufbahn begann, als ich Karl Marx’ Büchlein «Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte» las. Es stand im Regal meiner Eltern und war mir wegen seines hübschen roten Kunstledereinbands aufgefallen. Obwohl ich kaum etwas davon verstand  - Marx liefert darin unter anderem eine komplexe Analyse der Revolution von 1848 -, zog ich die nötigen Konsequenzen. An einer jener primitiven, fast subversiven Druckmaschinen, die es damals noch in jedem Bahnhof gab, besorgte ich mir Visitenkarten. Unter «Hobbys» füllte ich «Revolution» ein.

Als ich die Karten meinem Vater zeigte, bat er mich, sie schleunigst wieder verschwinden zu lassen. Revolution sei kein Hobby, jedenfalls nichts, was ein Schüler sich auf die Visitenkarte schreibt. Das Ganze muss ihm vorgekommen sein wie eine Farce. Immerhin war er damals Mitglied der Revolutionären Marxistischen Liga (RML).

Bakunin und Würstchen

Während ich das schreibe, in Bukarest und auf den Spuren einer anderen Revolution, überlege ich mir, wo ich dieses Jahr den 1. Mai feiern soll. Wenn nichts dazwischenkommt, werde ich ans Schwarze Meer fahren. Für Bukarest sind Demonstrationen angekündigt, und wie in allen europäischen Grossstädten wird der 1. Mai auch hier als eine Art Coupe Dänemark gereicht werden. Zuerst wird sich das Häufchen Aufrechter unter einer roten Fahne versammeln und brav das ikonografische Programm abspulen; es wird Spielburgen, die Schriften Bakunins und Würstchen geben - das Vanilleeis. Und nach Einbruch der Dunkelheit wird die Happy Hour der Anarchie schlagen, zwei, drei Supermärkte werden zu Bruch gehen, die Polizei wird die Sache mit ein paar Showeffekten abrunden - die Schokoladensauce. Von einigen Altstalinisten und den weniger ausgefeilten Deeskalationsstrategien der rumänischen Ordnungskräfte abgesehen, hat sich auch in Bukarest das globalisierte Programm durchgesetzt. Das alles wird gut ohne mich funktionieren. Wenn ich zurückkehre, werden die Scherben zur Seite geräumt sein.

Doch ich will hier nicht den Zyniker spielen - warum auch? Ich bin nicht immer ans Schwarze Meer gefahren am Kampftag der Arbeiterklasse. Nein, ich habe zwei Jahrzehnte lang feurige Würstchen und Nasi-Goreng-Pfannen gegessen in Zürich und Berlin, mit der Polizei Catch-me-if-you-can gespielt, Flyer verteilt, über die zapatistische Revolution diskutiert und kurzzeitig sogar zu einer Partei mit einem lustigen Kürzel gehört. Und vielleicht werde ich es ja dieses Jahr wieder tun.

Weltumarmung am Nachmittag

Dass der 1. Mai «nichts bringt», dass er Maskerade ist wie meine Visitenkarten damals, weiss jedes Kind - auch Marx wusste es, der seinen «Achtzehnten Brumaire» mit der Bemerkung eröffnet, dass jedes historische Ereignis sich wiederholt, «das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce». Man muss nicht zur RML gehören, um zu ahnen, dass der internationale Kapitalismus wegen ein paar Vermummter, die sich ein etwas exzentrisches Hobby ausgesucht haben, nicht zusammenbrechen wird. Nicht nur hat der Neoliberalismus das klassische revolutionäre Subjekt vollständig entsorgt. Auch als symbolische Währung ist der 1. Mai seit den späten achtziger Jahren seltsam konservativ geblieben, ein skurriler Film, der aus Nostalgiegründen jedes Jahr von neuem gezeigt wird. Der durchschnittliche Theaterzettel gebärdet sich heutzutage revolutionärer als die Flyer des Schwarzen Blocks, die mit ihren Palästinensertüchern und Skimasken letztlich nur die Bilder aus «Züri brännt» nachstellen, einem Film übrigens, der sich seinerseits an den Revolutionsfilmen Sergej Eisensteins orientiert hat.

Kurzum: Einst ein zorniger Baal, der durchaus den gesellschaftlichen Umsturz im Sinn hatte, hat der 1. Mai in den letzten hundert Jahren einige Reproduktionsschleifen durchlaufen und ist zu einer Art Hamlet geworden - ein zorniger, aber völlig konzeptionsloser Idealist. An diesem Tag geht wirklich alles, und alles geht wirr durcheinander: die Reden und die Barrikaden, Nasi-Goreng-Pfannen und Molotowcocktails, die familientaugliche «Multitude», das Weltumarmungs-Nachmittagsprogramm und das abendliche Partisanentum mit seiner hermetischen Zweiweltenteilung. Ein postmodernes Spektakel - Battle-Reenactment im grossen Stil.

Tiefe utopische Quellen

Und doch hat der 1. Mai ein unwiderlegbares Argument für sich: Es gibt ihn noch. Er hat die nationalsozialistische und die staatskommunistische Vergewaltigung genauso überlebt wie das Ende des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaats, dessen schnuckeliges Jubelchörchen er so lange zu sein schien. Während andere Feiertage einen offensichtlichen Mehrwert mit sich bringen und Gebirge an Kitsch vernichten, hält sich der Konsumtaumel des 1. Mai in Grenzen. Eigentlich sollte er längst an Geldnot oder Altersschwäche gestorben sein - oder doch immerhin an emotionaler Auszehrung, wie die Berliner Street Parade. Die utopischen Quellen dieses Tags müssen tief sein, sonst hätte ihn die Popkultur längst zu Boden gestreichelt.

Es gibt den 1. Mai noch, weil wir ihn brauchen. Es ist die - wenn auch nur für einen Tag - realisierte Darstellung, das täuschend echte Double des Ausnahmezustands. Auch wenn immer wieder versucht wird, aus dem Apfel des 1. Mai die Birne der Revolution zu machen, um sich dann zu beklagen, dass sie nicht «richtig» schmeckt: Der 1. Mai ist ein Tableau vivant der Revolution, nicht die Revolution selbst. Kein Kind ist enttäuscht, wenn das Jesuskind in der Krippe bloss aus Holz ist, und natürlich weiss es, dass hinter dem Samichlausbart der Onkel steckt und hinter der Skimaske der ängstliche Student. Aber das Imaginäre, das wusste schon Freud, ist realer als die Wirklichkeit - und nichts ergreift uns so, als wenn es mit ihr zur Deckung kommt, wenn auch nur für einen Tag.

Ja, der 1. Mai ist, so absurd, repetitiv und von pubertären Zwängen er besessen sein mag, ein Visitenkartenapparat der Revolution, der Jahr für Jahr über den grossen Städten ausgeschüttet wird, damit jeder seine Rolle spielt. Der 1. Mai ist eine Art Grundnahrungsmittel der sozialen Fantasie - und natürlich ist es gesättigt mit einigen eher deprimierenden Zusatzstoffen: der Klage über das liegen gelassene Tier der Arbeiterbewegung, den üblichen gut gemeinten Liebhabergesten in Richtung der Dritten Welt und so fort. Es bedarf vieler Versuche, eine revolutionäre Sprache zu erlernen, wie Marx im «Achtzehnten Brumaire» schreibt. Vor allem braucht es Übung, sie nicht ganz zu verlernen.

Aber lassen wir es hier gut sein. Ich werde also ans Schwarze Meer fahren, während die Revolution - nein: ihr Double - Bukarest und andere Städte verwüsten wird. Ich wünsche viel Vergnügen und bitte darum, die Scherben rechtzeitig wegzuräumen und mir eine Bratwurst übrig zu lassen.

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