Nr. 18/2009 vom 30.04.2009

Als die Propaganda laufen lernte

«Heraus zum 1. Mai!» hiess es in den frühen dreissiger Jahren auf der Leinwand. Da Schweizer Arbeiterfilme im Dienste der Tagespolitik standen, gings später bloss noch um «Ferien im Verbandsheim».

Von Thomas Schärer und Stefan Länzlinger

Das bewegte Bild erlebt eine Renaissance in der politischen Propaganda. Was heute der online verbreitete Clip oder Videoblog ist, war früher der Film. In seiner Blütezeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat der Propagandafilm vor allem in Deutschland und Russland cineastische Meisterwerke hervorgebracht. Auch in der Schweiz hat sich die Linke das Medium für politische Zwecke angeeignet: Zwischen 1928 und 1953 sind weit über fünfzig Filme produziert worden.

Filmisch aktiv waren in erster Linie der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) und die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS). SGB und SPS waren damals die wichtigsten Pfeiler der schweizerischen Arbeiterbewegung. Noch bis 1943 blieb die parlamentarische Linke von der Landesregierung ausgeschlossen. Die politische Lage in der Schweiz der dreissiger Jahre war geprägt von einem bürgerlich-konservativen Parlament. Diese Situation zwang die Linke zu einem propagandistischen Effort - und der Film galt damals als innovatives Medium. Immer wieder brachten SGB und SPS die nötigen Finanzen auf, um Filme über linke Anliegen und Organisationen produzieren zu können.

Bei einer Reihe von Filmen sind die Autoren nicht bekannt. In der Regel gehörten die Filmschaffenden zu den professionellen Auftragsfilmern. Mehrere Produktionen realisiert haben etwa Richard Schweizer für die Praesens Film oder Valérien Schmidely für die Pro Film. Von Kurt Früh stammt der Film «Hände wollen Arbeit» (1939). Amateurfilmer gab es nur wenige - nicht zuletzt, weil Film für ArbeiterInnen ein unerschwingliches Medium war.

Interessanterweise machten dem SGB und der SPS kaum andere Gruppierungen aus der Arbeiterbewegung das Feld der filmischen Propaganda streitig. Bei der Kommunistischen Partei der Schweiz (KPS) oder der Roten Gewerkschaftsorganisation (RGO) etwa regte sich überhaupt kein cineastischer Eifer. Diese Gruppen waren klein, verfügten über wenige Mittel und setzten diese bevorzugt für gedruckte Propaganda ein. Und die christlich orientierten Gewerkschaften sahen ebenso wenig wie die bürgerlichen Parteien Bedarf, mit filmischen Mitteln für ihre Anliegen zu werben - von wenigen Ausnahmen wie Franz Riedwegs antikommunistischem «Die Rote Pest» (1938) abgesehen.

Im Auftrag von SGB und SPS

Die Schweizerische Arbeiterbildungszentrale, die als zentrale Verleihstelle waltete, vertrieb die Filme unter dem Schlagwort «soziale Filme». Denn inhaltlich spiegelten sie meist soziale Realitäten wider und sollten den Kampf um bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen der lohnabhängigen Bevölkerung vorantreiben. Formal und stilistisch lassen sich die Filme der schweizerischen Arbeiterorganisationen nicht auf einen Nenner bringen. Was in den dreissiger und vierziger Jahren in der Schweiz entstanden ist, unterscheidet sich deutlich vom «proletarischen Film» der Weimarer Republik oder vom «Russenfilm» der noch jungen Sowjetunion (vgl. Text «Film als Waffe» weiter unten). Weder standen vergleichbare Produktionsmittel zur Verfügung, noch gab es eine einheitliche, über Jahre konstant bleibende ideologische Stossrichtung, der sich die Arbeiterorganisationen verpflichtet gefühlt hätten.

Die Filme hierzulande waren zeitlich und thematisch auf die nächste Volksabstimmung, anstehende Wahlen oder schlicht auf Mitgliederwerbung ausgerichtet. Dieser Horizont förderte revolutionäre Tendenzen ebenso wenig wie künstlerische Höhenflüge. In der monate- oder im Extremfall jahrelang dauernden Phase der öffentlichen Debatte über Gesetzesvorlagen benutzte die Schweizer Arbeiterbewegung das Medium Film vielmehr dazu, ihre Argumente zu popularisieren. Neben solchen Kampagnenfilmen verfügten fast alle wichtigen Organisationen der Arbeiterschaft über Selbstdarstellungsfilme, welche die eigenen Errungenschaften und Leistungen im besten Licht darstellten. Sie dienten primär der Mitgliederwerbung. Schliesslich gab es einen kleinen Kreis von Amateuren, die 1.-Mai-Demonstrationen, Lager der Jugendorganisation Rote Falken, Arbeiterturnfeste und Solidaritätsaktionen mit der Kamera festhielten.

«Linkes Kino» war meist ein materiell armes. Der bevorzugte Träger war deshalb Sechzehn-Millimeter-Schmalfilm: Leichte Kameras und Projektoren sorgten für eine schnelle Verbreitung der Filme, die aus Kostengründen bis weit in die vierziger Jahre stumm realisiert wurden. Vielen kleineren Produktionen blieben die regulären Kinos verschlossen. Lediglich Kampagnenfilme oder Selbstdarstellungsfilme grosser Gewerkschaften liefen als sogenanntes Beiprogramm in Kinos. Die meisten «sozialen Filme» wurden vor allem ausserhalb der Kinosäle gezeigt: anlässlich von Gewerkschafts- und Vereinsversammlungen, Vorträgen oder Wahlkampagnen in Gemeindehäusern, Wirtschaften oder unter freiem Himmel.

Vom Kampf ...

Betrachtet man die Filme heute, fasziniert vor allem die ausgeprägte Übereinstimmung von Rhetorik und Gestaltung mit der jeweiligen politischen Grosswetterlage. Die vergleichsweise kämpferischsten Filme entstanden in den frühen dreissiger Jahren: Sie forderten nicht nur eine Verbesserung der Lage der arbeitenden Bevölkerung, sondern ein neues, gerechteres Gesellschaftssystem. Die grosse Wirtschaftskrise verlieh diesen Anliegen nicht nur Dringlichkeit, sondern auch eine existenzielle Dimension. Formal herausragend ist der mittellange Spielfilm «Ein Werktag», produziert von der SPS vor den Nationalratswahlen 1931. Der Film zeigt am Beispiel von fünf Einzelschicksalen das schwere Los der arbeitenden Bevölkerung und endet mit einer furiosen Demonstration und dem Aufruf, sozialdemokratisch zu wählen.

Spannend sind auch die Produktionen des Amateurfilmers Robert Risler, der zum Teil sogar vom Zürcher Stadtpräsidenten Emil Klöti persönlich unterstützt worden ist. 1934 hielt Risler einen grossen Aufmarsch zum 1. Mai - «Der rote Tag» - filmisch fest. Ins gleiche Jahr fällt sein Film «Solidarität»: Er dokumentiert die Abgabe von Sauerkraut, Würsten und Kleidern an Arbeitslose. Mit dem Film «Arbeit und Wohlstand für alle» warben SPS und SGB 1935 für die sogenannte Kriseninitiative. Wie effektiv diese und generell filmische Abstimmungspropaganda war, lässt sich aber selbst da kaum abschätzen, wo sich die ungefähre Grösse des Publikums rekonstruieren lässt.

... zum Konsens

1937 vereinbarte die grösste Einzelgewerkschaft, der Schweizerische Metall- und Uhrenarbeiterverband Smuv, mit den Unternehmern ein Stillhalteabkommen. Spätestens nach diesem sogenannten Arbeitsfrieden erlahmte die Konfrontationslust der Filmemacher. Das lässt sich bis in die Montage hinein nachweisen. Vor 1935 wurde die Welt der Reichen und Müssigen des Öftern der Welt der tätigen, Mehrwert schaffenden ArbeiterInnen entgegengestellt - eine Technik zur Betonung der Klassengegensätze, die auf russische Revolutionsfilme zurückgeht und sich in Schweizer Produktionen wie «Arbeit und Wohlstand für alle», «Freiheit oder Diktatur» oder «Tag des Arbeiters» findet.

Diese Form der Montage verschwand, nachdem die SPS 1935 ein konsensorientiertes Planwirtschaftsprogramm lanciert hatte. Angesichts der drohenden Kriegsgefahr schwenkten die Sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften auf die Linie der geistigen Landesverteidigung ein und zählten bald zu den konsequentesten Verfechtern der schweizerischen Demokratie. Das fand auch in den Gewerkschaftsfilmen seinen Niederschlag: Sie beschworen wie in «Uns der Wehr, dem Land zur Ehr» das «Volksganze».

Insbesondere nach dem Krieg ging es dann fast nur noch um Besitzstandwahrung: Selbstdarstellungsfilme einzelner Gewerkschaften rückten Errungenschaften wie den Acht-Stunden-Tag, bezahlte Ferien, Weiterbildung und gewerkschaftseigene Ferienheime in den Mittelpunkt. Diese Mentalität trieb der Smuv mit einer 1962 realisierten Produktion auf die Spitze. Der Film trug nicht nur einen altbekannten Titel - «Uns der Wehr, dem Land zur Ehr» -, sondern war auch strukturell weitgehend identisch mit seinem Vorgänger von 1943. Er ist Ausdruck einer trägen, selbstzufriedenen Gewerkschaft, die noch nicht mit einer erodierenden Basis zu kämpfen hatte, mit dem drastischen Rückgang der in der Industrie Beschäftigten ab den achtziger Jahren.

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