Nr. 19/2009 vom 07.05.2009

Offene Märkte? Lieber nicht!

Von Bettina Dyttrich

Freihandel vergrössert den Wohlstand, Zölle oder Handelsbeschränkungen hemmen ihn. Das lernen ÖkonomInnen in der Grundausbildung. Aber stimmt das überhaupt?

Nein, sagt Mathias Binswanger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten. Jedenfalls nicht, wenn es um landwirtschaftliche Güter geht. Im Büchlein «Globalisierung und Landwirtschaft» erklärt er anschaulich die Theorie der komparativen Vorteile, ihre Entstehung und ihre Schwächen. Dann zeigt er, warum diese Theorie insbesondere dann versagt, wenn es um die Landwirtschaft geht. Die grosse Mehrheit der BäuerInnen profitiert nicht vom Freihandel - weder im Norden noch im Süden. Die Weltmarktpreise richten sich nach jenen, die am billigsten produzieren können. Doch auch diese gefährden sich ständig selbst: Technische Fortschritte führen zu höherer Produktion - wenn aber die Nachfrage nicht gleichermassen steigt, sinken die Preise. Da die Landwirtschaft trotz aller Modernisierung immer noch von Boden, Sonnenenergie und Lebewesen abhängig ist, kann sie nie im gleichen Tempo wachsen wie die Industrie.

«Will man den Bauernstand als Ganzes erhalten, dann funktioniert das bei vollständig liberalisierten Agrarmärkten nur mit immer höheren Zahlungen an die Bauern.» Wäre Grenzschutz vielleicht doch die bessere Idee? Binswanger plädiert dafür, nach Modellen zu suchen, mit denen die BäuerInnen stärker an der Wertschöpfung der Lebensmittelproduktion teilnehmen können. Und er ruft die BäuerInnen dazu auf, sich politisch zu organisieren, um eine bessere Position in Preisverhandlungen zu haben.

Das Büchlein basiert auf einer Vorlesung, die Binswanger bereits im November 2007 in Wien gehalten hat. Inzwischen haben wir eine Wirtschaftskrise, und das liberale Dogma ist ins Wanken geraten. In der Landwirtschaftspolitik ist davon aber bisher wenig zu spüren. Bundesrätin Doris Leuthard und viele ParlamentarierInnen von FDP bis SP setzen weiterhin auf Agrarfreihandel. Sie sollten dringend Binswanger lesen.

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