Nr. 49/2011 vom 08.12.2011

Vom Bahnhof Wiedikon nach Kingston

Ladies and Gentlemen, zurück aus Jamaika: Phenomden! Der Zürcher Mundart-Reggae-Sänger veröffentlicht mit «Eiland» seine vierte CD – sie ist ein Bijou geworden.

Von Raphael Zehnder

Phenomdens Laufbahn zu verfolgen, macht Freude. Rückblende: Mit seinem Debütalbum «Fang Ah» von 2005 wurde ein 25-Jähriger aus der Adliswiler Agglo, der die Stadtgrenze überschritten und sein Herz ans Stadtzürcher Quartier Wiedikon verloren hatte, in der ganzen Deutschschweiz bekannt. «Wiedike», ein elastisches Reggaestück mit geschmeidigem Sprechgesang, ist ein gelungener Versuch, die gemischte Bevölkerung des Kreises 3 und eine Szenerie zwischen «Bäum und Laschtwäge» zu beschreiben. Neu war, dass da einer die Liebe zum eigenen Biotop ausdrückte, ohne feindlich gegenüber anderen zu sein. Neu war auch die Sprache: Reggae auf Zürichdeutsch.

Zeitsprung: 2008, das dritte Album, «Gangdalang». Mit «Gold» zertifiziert für über 15 000  verkaufte Exemplare. Selten bei einem Schweizer Independentkünstler. Zeitsprung: Oktober 2011, kurz vor den Wahlen: «Wozue die ganz Stigmatisierig, wäge Religion oder Pigmentierig?», fragt Phenomden auf der Single «Wölf im Schafpelz». Und er fährt fort: «Sie gänd sich gärn als Verträter, als Retter vom chline Ma us, aber in Tat und Wahrheit bauet si iri Macht us.» Es kam dann etwas anders.

Zu Gast bei Lady Saw

Jetzt: Die vierte CD, «Eiland». Er habe mehr ausprobiert, «auch mit dem Risiko zu scheitern», sagt Phenomden. Manch ein Song sei im Studio und mit der Band anders herausgekommen, als er es sich vorgestellt habe. Das darf er getrost positiv werten, denn die Band, mit der er das ganze Album erarbeitet hat, The Scrucialists aus Basel, ist eine ausgefuchste Equipe. «Eiland» ist eine gehaltvolle und präzise Platte, tanzbarer und geradliniger Reggae; mehr Strasse als Kifferlokal; Gegenwart, nicht retro.

Der CD-Titel «Eiland» bezieht sich natürlich auf Jamaika. Phenomden konnte dank eines Werkjahrs der Stadt Zürich zwölf Monate im Mutterland des Reggae leben. Er nahm Gesangs- und Gitarrestunden, verbrachte viel Zeit in Studios und trat als Gast der Dancehall-Sängerin Lady Saw auf. Über seinen zweiten Aufenthalt auf der Insel sagt er: «Es war extrem bereichernd. Ich konnte all die Orte und Zustände sehen, von denen die Reggae-Songtexte berichten, und auch musikalisch viel lernen. Die meisten Musiker ziehen nach Kingston. Dort sind die Studios, dort passierts. Ich war bei vielen Sessions dabei, konnte sehen, wie aufgenommen und getextet wurde. Das war so intensiv, dass ich abends völlig müde nach Hause kam.»

Auch von den sozialen Realitäten Jamaikas hat Phenomden einiges mitbekommen: «Es gibt viele Waffen im Land, viele Drogen, viele Gewalttaten. Zum Teil kommt das nah an einen heran, sprich: Man ist irgendwo, geht nach Hause, weil die Kollegen sagen: ‹Komm, wir gehen, es liegt etwas in der Luft›. Am nächsten Tag erfährt man, dass etwas Schlimmes passiert ist. Es ist nicht einfach, ständig mit diesem Gefühl im Nacken zu leben.»

Die Erlebnisse des Jamaika-Jahres hat Phenomden direkt ins Album eingearbeitet. Im Titelsong etwa beschreibt er das Land, seine Geschichte, seine Probleme und seine Trümpfe. In «Fearless» berichtet er vom Tod eines Freundes. Impressionen von Reisen machen einen Teil der Texte dieses Albums aus. Der zweite Teil ist geprägt von autobiografischen Geschichten, von Herzensdingen («Zögere nöd») und Phenomdens Rolle als Sänger. Das ist schön beobachtet und in eigener Handschrift umgesetzt, fein, präzis, mündlich.

Wenn die Pasta kocht

Phenomdens dritter Strang, das Politische, fehlt auch auf «Eiland» nicht: Die Macht des Geldes, die Lieblosigkeit einer durchoptimierten Gesellschaft. Das Glanzstück heisst «Bandite und Gängschter». Tenor: «Die Kleinen hängt man, die Grossen lässt man laufen.» Um Wall Street und Paradeplatz geht es, und Phenomden ist mitten in der Aktualität. «Natürlich kommt da eine politische Haltung durch», erklärt er, «ich vertrete einfach gewisse Werte, die ich für wichtig halte. In der Schweiz wird man mit einer solchen Meinung schnell als linksaussen betrachtet. In Deutschland wird viel weniger Lärm gemacht um so etwas. Ich singe über das, was mich beschäftigt.» Seine Werte beschreibt er so: «Ich störe mich daran, wenn Menschenrechte oder das Völkerrecht verletzt werden. Nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gab es gute Gründe, diese Rechte einzuführen. Ich wende mich gegen jede Art von Diskriminierung. Ich bin nach einem längeren Auslandsaufenthalt heimgekommen und habe die ganzen Plakate gesehen … Da will ich ein Zeichen setzen für Respekt und Toleranz.»

Auch wenn er die Welt nicht selten als geldfixiertes Jammertal wahrnimmt, findet Phenomden optimistische Töne: Im grammatikalisch gewagten Lied «Gib Danke» dankt er dem Leben, der Zeit, die er mit seinen FreundInnen verbringen darf, ja sogar dem Moment, wenn die Pasta im Topf kocht. Da sind wir im postmateriellen Bereich angekommen, im «Age of less», das sich bewusst mit weniger zufrieden gibt. Das alles äussert Phenomden nicht mit missionarischem Eifer, sondern in einem sehr persönlichen Ton – freundlich, aber bestimmt.

Phenomden & The Scrucialists in: Zürich, Rote Fabrik,
Fr, 9. Dezember, 21 Uhr, Plattentaufe. Luzern, Schüür,
Fr, 16. Dezember, 20 Uhr. Davos, Bolgenschanze, 
Sa,17. Dezember, 20.30 Uhr. St. Gallen, Grabenhalle, 
Fr, 23. Dezember, 22 Uhr. Thun, CafeBar Mokka, 
Do, 29. Dezember, 21 Uhr. 
Weitere Termine: www.phenomden.ch

Phenomden: «Eiland». 
One Ton / Nation Music.

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