Spotify : Der Markt bin ich

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Weltweit protestieren Zehntausende Musiker:innen gegen Spotify, weil die Plattform angeblich zu wenig bezahlt. Wie gerechtfertigt ist die Wut auf den Streamingkonzern? Die WOZ ist der Spur des Geldes gefolgt.

Hungert Spotify die Musiker:innen aus? Und helfen wir dem Konzern auch noch dabei, indem wir, statt CDs zu kaufen, lieber billig streamen? Das ist, was immer mehr Musiker:innen kritisieren. Wenn Neil Young kürzlich Schlagzeilen machte, als er seine Musik von der Plattform nahm, weil dort auch der Podcaster Joe Rogan seine zweifelhaften Coronatheorien verbreitet, so ist das nur der lauteste Knall, den Spotify gerade auszuhalten hat.

In der Schweiz ist bisher nur vereinzelte Kritik von Musiker:innen wie Sophie Hunger, Tommy Vercetti oder Büne Huber zu hören. Weltweit hat sich jedoch während der Coronapandemie, in der den Musiker:innen die Konzertgagen entgingen, breiter Protest formiert. In Grossbritannien hat Paul McCartney mit 150 weiteren Musiker:innen Boris Johnsons Regierung zum Handeln aufgefordert – flankiert von einem Parlamentsausschuss, der die Spotify-Entlöhnungen als «armselig» kritisiert. In Frankreich haben über 10 000 Künstler:innen einen Appell an die Regierung unterstützt; genau wie in den USA, wo die Gewerkschaft Union of Musicians and Allied Workers (UMAW) die Kampagne «Justice at Spotify» führt: Mit 28 000 Unterschriften in der Hand demonstrierten letzten März Tausende vor den internationalen Spotify-Büros in Chicago, Paris, Berlin und anderen Städten.

«Wir haben die Kritik an Spotify zum Mainstream gemacht», freut sich Katie Stelmanis von der Elektro-Gruppe Austra aus Toronto, die die UMAW-Kampagne «Justice at Spotify» mitorganisiert. Das sei ihr grösster Erfolg. «Spotify setzt alles auf den Shareholder Value statt auf faire Löhne für die Musikerinnen», sagt sie. Ihre Musik vom Streamingdienst zu nehmen, ist für Stelmanis trotzdem keine Option: «Ich würde mich von einem grossen Teil meiner Zuhörer:innen abschneiden.»

Hier liegt Spotifys Macht: In einigen Ländern hat die Plattform fast ein Monopol. Wer als Musiker:in nicht dabei ist, existiert nicht.

«Get big fast»

Begonnen hat der Aufstieg des Streamingriesen in Stockholm, wo Martin Lorentzon und Daniel Ek die Firma 2006 gründeten. Frontmann Ek kam von «Stardoll», einem Onlinegame für Teenies. Die Musikindustrie befand sich damals wegen der verbreiteten Piraterie im Sinkflug. Die grossen Labels, denen die Musik ihrer Künstler:innen gehört, waren entsprechend gesprächsbereit: Nach zweijährigen Verhandlungen ging Spotify 2008 in mehreren europäischen Ländern online.

In den folgenden Jahren eroberte der Konzern die halbe Welt: Heute besitzt er laut dem Marktforscher Midia einen Marktanteil von 31 Prozent am globalen Musikstreaming. Der grösste Konkurrent Apple, der 2015 in dieses Geschäftsfeld einstieg, ist mit 15 Prozent nicht halb so gross. Danach kommen Amazon und der chinesische Konzern Tencent (je 13 Prozent) sowie Youtube (8 Prozent).

Spotifys Erfolgsrezept: Den Dienst gibt es kostenlos. Zwar füttert er die 236 Millionen Gratiskund:innen mit Werbung, die jedoch laut Geschäftsbericht monatlich gerade einmal vierzig Cent pro Nutzer:in einbringt. Und die zusätzlichen 180 Millionen Bezahlkund:innen, die ein paar Zusatzleistungen geniessen, zahlen in der Schweiz monatlich nur dreizehn Franken, im weltweiten Schnitt sind es umgerechnet vier Franken.

Allerdings ist Spotify wie Uber oder Amazon nicht lediglich ein Monopolist, der auf einem Markt etwas verkauft.* Spotify ist der Markt. Es ist, als hätte das Unternehmen den Grossteil der weltweiten Plattenläden aufgekauft. «Spotify kontrolliert damit den Zugang der Musikerinnen zu den Hörern», sagt Philipp Staab, Soziologieprofessor an der Berliner Humboldt-Universität, der ein Standardbuch zum digitalen Kapitalismus geschrieben hat. Mit dieser Kontrolle, so Staab, verdiene Spotify sein Geld.

Zwar schreibt der Konzern mit den rund 30 Prozent, die er von den jährlich 10 Milliarden Euro Einnahmen für sich behält, bis heute keinen Profit. Das ist für den Konzern jedoch nicht weiter schlimm – eben erst liess er etwa für rund 300 Millionen Euro das Stadion des FC Barcelona in «Spotify Camp Nou» umbenennen. Eks Strategie ist eine andere: «Get big fast!» Wie andere Techkonzerne geht es Spotify darum, möglichst schnell gross zu werden, um sich das Monopol zu sichern. Ein Monopol, das – wie Ek 2010 im britischen «Telegraph» verkündete – irgendwann «mehrere Dutzend Milliarden wert» sein wird.

Heute ist Spotify – nach einer Spitze von 70 Milliarden Anfang der Pandemie – 30 Milliarden US-Dollar wert. So haben Ek, Lorentzon und Aktionäre wie die grossen Investmentfirmen Morgan Stanley und Blackrock trotz fehlendem Profit Milliarden kassiert. Allein Ek besitzt laut dem US-Magazin «Forbes» 2,9 Milliarden US-Dollar. Damit hat er seine eigene Investmentfirma Prima Materia gegründet, die die Welt «neu designen» will. Konkret steckte Ek kürzlich 100 Millionen Euro in die deutsche Firma Helsing, die künstliche Intelligenz für Waffen entwickelt. So landet Geld, das für Musik ausgegeben wird, im Krieg.

Die Majors profitieren mit

Dass Spotify nicht noch mehr als 30 Prozent für sich behält, liegt daran, dass der Konzern von Anfang an drei riesigen Majorlabels gegenüberstand: Sony, Universal und Warner, die laut der Newsplattform «Music & Copyright» mit ihren Sublabels 69 Prozent am Labelmarkt besitzen. «Das unterscheidet Spotify von Amazon oder Uber», sagt Staab. Die Grösse der Majors verleihe diesen die Macht, einen guten Teil des Kuchens für sich zu verlangen.

Hinter dem Skandal um Neil Young steckt Spotifys Versuch, die Majors zu umgehen: Im Geschäft mit Podcasts wie jenem von Joe Rogan sollen die Labels aussen vor gelassen werden. Damit wird der Konzern allerdings zur Medienplattform und sieht sich plötzlich wegen Inhalten mit Shitstorms konfrontiert.

Daniel Ek, Spotify-CEO

Ihre Marktmacht erlaubt den Majors auch, einen Grossteil der 70 Prozent, die Spotify weiterreicht, für sich zu nehmen. Sie waren die Ersten, die 2006 mit Ek am Verhandlungstisch sassen. Dabei sicherten sie sich 18 Prozent der Spotify-Aktien, mit denen sie seither Milliarden verdient haben. Von ihren 70 Prozent gehen zudem grob 58 Prozent an die Labels und nur 12 an Urheber:innen wie Komponisten oder Songwriterinnen. Spotify sei erst nach dem Start 2008 mit den Urheber:innen an den Verhandlungstisch gesessen, sagt Fabian Niggemeier, CEO der Firma Mint, die weltweit für Urheberrechtsgesellschaften wie die Schweizer Suisa Gelder bei Streamingkonzernen einsammelt. «Wir haben die Brosamen erhalten.» Allerdings sei man seit Jahren daran, den Anteil schrittweise zu erhöhen, sagt Niggemeier, der aktuell mit Spotify in Verhandlungen über eine Vertragsänderung steckt.

Sony, Warner und Universal verdienen allerdings auch hier: Sie besitzen eigene Musikverlage für Urheberrechte, mit denen sie auch hier einen Marktanteil von rund drei Vierteln halten.

Es ist jedoch vor allem der Streamingdienst Spotify, der den drei Majors hilft, damit sie sich den Grossteil jener 70 Prozent nehmen können: Auf den nationalen Märkten stellten Musikshops auch lokale Musiker:innen ins Schaufenster, auf dem globalen Markt, den Spotify geschaffen hat, erhalten die Superstars der Majors fast die alleinige Aufmerksamkeit. Universal Music hat mit The Weeknd und dessen Album «After Hours» (2020) auf Spotify rund 20 Millionen US-Dollar kassiert. Zwar hat Spotify in einigen Ländern Teams, die lokale Musik kuratieren. Für die Schweiz sei das jedoch nicht der Fall, bemängelt Lorenz Haas, Geschäftsführer der International Federation of Phonographic Industry (IFPI) Schweiz, die neben den Majors in der Schweiz auch rund vierzig kleinere Labels vertritt. Die Schweiz werde von einem Team aus Deutschland betreut, das die hiesige Musik zu wenig im Blick habe. «Wir fordern schon lange, dass Spotify in der Schweiz ein Editorial Team einsetzt.»

Spotify hilft den Majors jedoch nicht nur durch die Schaffung eines globalen Marktes, sondern auch mit dem Modell der Lizenzgebühr, das die Musiker:innen pro Anzahl Streams entlöhnt. Zwar haben es die Indielabels durch ihren Verbund in der Agentur Merlin geschafft, dass sie pro Stream etwa gleich viel erhalten wie die grossen. Spotifys Modell bevorzugt jedoch die Hits der Majors, die die Leute im Loop durch den Tag begleiten. Dies auf Kosten speziellerer Musik, die die Abonnent:innen ein-, zweimal im Jahr hören und die so kaum Geld einbringt – obwohl die Hörer:innen früher dafür ebenso dreissig Franken für die CD bezahlt hätten.

Die Zahlen sind eindeutig: Im CD-Verkauf erhalten gemäss Datenanalyst Alpha Data das eine Prozent der Stars 54 Prozent der Einnahmen. Bei Spotify kassieren sie 90 Prozent.

Spotifys Streamingmodell führt dazu, dass zudem ein Grossteil des Geldes an einstige Stars geht, die vor allem Majors in ihren sogenannten Backkatalogen haben. Stars, die teilweise lange vor Spotify mit CDs bereits Millionen verdient haben. Mariah Careys Hit «All I Want for Christmas Is You», der jede Weihnacht erneut rotiert, hat Sony und der R’n’B-Diva auf Spotify grob drei Millionen Euro eingebracht – obwohl die Single von 1994 bereits sechzehn Millionen Mal verkauft wurde.

Musik sei für einige auch eine Finanzanlage, bestätigt Florian Drücke, Vorsitzender des Bundesverbands Musikindustrie, der neben kleinen auch die grossen Labels in Deutschland vertritt. Drücke – der gleichzeitig betont, dass Labels in erster Linie «kreative und strategische Partner» für Künstler:innen und deren Karrieren sind – weist darauf hin, dass auch Labels jüngst für Hunderte Millionen US-Dollar Musikkataloge von Tina Turner oder Bob Dylan gekauft haben. 2019 verglich der damals abtretende Sony-Verlags-CEO Martin Bandier Musik gar mit Immobilien: «Investmentbanker, Hedgefonds, Private Equity», alle wollten hier investieren.

Der abgehängte «Mittelstand»

Dank Spotify und anderen Streamingfirmen geht es den Majors heute blendend. Universal Music hat den Umsatz in den vergangenen sieben Jahren auf über zehn Milliarden US-Dollar verdoppelt – ein neuer Allzeitrekord. Dass sie zu den grossen Profiteuren gehören, zeigt sich auch daran, dass sie es nicht für nötig halten, sich zu ihrem Geschäft zu äussern: Gesprächsanfragen bei Warner und Universal bleiben unbeantwortet. Sony fragte seinerseits unzählige Male nach, mit wem die WOZ alles rede – um den Kontakt irgendwann kommentarlos abzubrechen. Bitte keine kritischen Fragen.

Entsprechend wenig Geld bleibt kleineren Labels und weniger bekannten Künstler:innen. Zwar haben Spotify und andere es tatsächlich geschafft, nach den Jahren der Piraterie die Umsätze der Labels in den USA und Europa seit 2014 wieder zum Klettern zu bringen. Doch erstens fehlt ein Teil davon den Urheber:innen, die heute weniger erhalten. Zweitens sind die inflationsbereinigten Umsätze nur halb bis zwei Drittel so hoch wie auf dem Peak um die Jahrtausendwende; und dies nicht zuletzt deshalb, weil Spotify die Musik gratis anbietet und mit 30 Prozent mehr Einnahmen behält als Dienste wie Bandcamp (15 Prozent). Drittens spült Spotify das Geld hinauf zu den Majors, womit weiter unten kaum etwas landet.

Andreas Ryser, Gründer des Labels Mouthwatering Records und Präsident des Indieverbands «IndieSuisse», sieht auch Vorteile. «Ein Album in New York zu verkaufen, war früher unglaublich schwierig – heute ist unsere Musik mit einem Klick weltweit zu hören.» Zudem wisse er so, wo die Musik gestreamt werde, womit er sie gezielt vermarkten könne. Doch auch Ryser sagt: «Das grosse Geld machen ein paar wenige, entsprechend wenig bleibt für den Mittelstand.» Sein Rezept: «Tax the rich.» Er verweist auf einen Vorschlag des britischen Indieverbands, der Geld von den Topstars nach unten verteilen will.

Wie viel Geld Spotify dem «Mittelstand» übrig lässt, rechnete die US-Gewerkschafterin und Musikerin Katie Stelmanis von «Justice at Spotify» vergangenen Sommer in einem Tweet vor, der sich viral verbreitete: Für die vier Millionen Streams ihres Albums «Hirudin» habe sie nach den Auslagen ihres Labels noch 2662,38 US-Dollar erhalten. «Früher konnte ich von meiner Musik leben», sagt Stelmanis. Vier Millionen Streams sind etwas mehr, als Sophie Hunger, die zu den bekanntesten Musiker:innen der Schweiz gehört, mit ihrem letzten Album «Halluzinationen» (2020) bis heute erzielt hat.

Die erfolgreiche Musikerin Jaël hat mit ihrem Album «Nothing to Hide» (2019) mit 290 000 Streams (à rund 0,4 Rappen**) bis jetzt rund 1200 Franken auf Spotify verdient – dazu kommen knapp 5000 Franken von anderen Streamingdiensten und Urheberrechtsgelder, die sie als Songwriterin erhält. Das Album, sagt Jaël, habe mit Produzent, Musikerinnen, Studiomiete und vielem mehr jedoch fast 70 000 Franken gekostet. Und da sei noch kein Lohn für sie mit eingerechnet. «Die Kosten sind die gleichen wie früher, aber die Einkünfte sind durch weniger physische Verkäufe noch ein Bruchteil davon.» Trotz der zusätzlichen 30 000 Franken, die sie mit CDs verdient habe, sowie 26 000 Franken aus einem Crowdfunding und Fördergeldern sei es schwierig, aus den roten Zahlen zu kommen, sagt die Musikerin, die ohne Label arbeitet. Früher habe sie Werbung für ihre CD gemacht. Heute sei die CD die Werbung, um Konzertengagements zu erhalten.

Was sagt Spotify dazu, dass es den Markt monopolisiert, um für sich, grosse Labels, Stars und Inverstoren möglichst viel aus dem Musikgeschäft zu ziehen? Eine Interviewanfrage landet bei der «Lifestyle-PR-Agentur» Schröder + Schömbs in Berlin Mitte, die eine Absage erteilt. Auf ein nachfolgendes E-Mail mit Fragen weigert sich Spotify schlicht zu antworten.

* Korrigenda vom 14. September 2022: In der Printversion sowie in der alten Onlineversion steht fälschlicherweise, dass Uber und Amazon anders als Spotify normale Monopolisten sind. Das Gegenteil ist der Fall: Wie Spotify versuchen auch sie sich als Markt zu positionieren.

** Korrigenda vom 11. April 2022: In der Printversion sowie in der alten Onlineversion steht fälschlicherweise, pro Stream habe die Musikerin Jaël 0,004 Rappen erhalten. Richtig sind 0,004 Franken oder 0,4 Rappen.

Siehe auch weiteren Artikel zum Thema: «Nach Spotify: Braucht der Pop einen Blockchain-Sozialismus?»

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