Studentenproteste : «Verwertet mich!», steht auf ihrem Schild

Nr.  21 –

Lange schien Politik an den Universitäten niemanden mehr zu interessieren. «Career Days» und Partys, die «Wallstreet» hiessen, dominierten die Szenerie. Nun scheint die Kritik eine Renaissance zu feiern. Dabei geht es nicht nur um unwillkommene Gastredner aus der Privatwirtschaft.


«Wissen wird zur Ware, was keinen Gewinn bringt, wird nicht gemacht; und so entscheidet der Markt und nicht die Wissenschaft.»

Alex Demirovic, Berliner Soziologe

«Glauben Sie das?», fragt Georg Kohler, Professor für Politische Philosophie an der Universität Zürich. Und hält das, was er gerade sieht und hört, für «ideologische Übertreibungen». Er steht am Dienstag der letzten Woche inmitten von gegen zweihundert Studierenden und einzelnen DozentInnen vor dem Uni-Haupteingang und lauscht den Reden der AktivistInnen der «Uni von unten», die anlässlich des Vortrages von Nestlé-Chef Peter Brabeck gegen die zunehmende Präsenz der Privatwirtschaft an den Universitäten und die zunehmende Ökonomisierung der akademischen Lehre und Forschung protestieren.

Eingeladen wurde Brabeck vom Schweizerischen Institut für Auslandforschung (SIAF). Seine Rede war der Abschluss einer Vortragsreihe, in deren Verlauf schon Novartis-CEO Daniel Vasella und Nationalbank-Präsident Jean-Pierre Roth vom SIAF an die Uni geholt worden waren (siehe WOZ Nr. 14/09 und 20/09). Unterstützt wird das SIAF «finanziell und ideell», wie es auf dessen Website heisst, von der Credit Suisse, der UBS, der Bank Vontobel, der Swiss Re, Swiss Life, Ernst&Young und - Nestlé. Auf der Website steht aber auch: Das SIAF «ist ein politisch und wirtschaftlich unabhängiges Kompetenzzentrum für Wissensvermittlung und Hintergrund». Interessant.

Filz an der Uni

Delegierter des Vorstandes des SIAF ist Martin Meyer, Feuilleton-Chef der NZZ. Er ist auch ein guter Freund von Philosophieprofessor Kohler, an lauen Sommerabenden sieht man sie manchmal in der Zürcher Altstadt zusammen einen schöngeistigen Grappa trinken. Und beide sind Mitglied in Zürichs Rotary Club, wo auch die Zürcher Wirtschaftselite ein und aus geht. Mit von der Partie ist dort auch Hans-Ulrich Doerig, frischgebackener Credit-Suisse-Verwaltungsratspräsident, Präsident der Vereinigung Zürcher Kunstfreunde und Mitglied des Zürcher Universitätsrates. Dieser hat Macht: Jede Professorenberufung beispielsweise braucht die Zustimmung des höchsten Gremiums der Uni. Die Mitglieder werden vom Kantonsrat gewählt. Zurzeit sind das die SP-Regierungsrätin und Bildungsdirektorin Regine Aeppli, Economiesuisse-Vertreter Andreas Steiner (Motto seines Verbandes in Sachen Hochschulpolitik: «You get what you pay for»), Hubert E. Blum, Direktor der Universitätsklinik Freiburg, CVP-Nationalrätin Kathy Riklin, Myrtha Welti, Consulterin und Ex-SVP-Generalsekretärin des Kantons Zürich, sowie NZZ-Inlandredaktor Christoph Wehrli. Im stockbürgerlichen, wirtschaftsnahen Unirat ist Wehrli gewissermassen der ungefährliche, weil äusserst konsensorientierte Quotenvertreter der Zürcher Medien- und Kulturschaffenden. Der bekennende Liberale Georg Kohler sagt vor dem Uni-Haupteingang auch: «Die akademische Unabhängigkeit der Uni steht doch nicht zur Debatte, gerade die Sozial- und Geisteswissenschaften werden zu einem überwiegenden Teil durch die öffentliche Hand finanziert.» Neben ihm trägt eine Studentin ein Schild mit der Aufschrift «Verwertet mich!» um den Hals.

Für den Zürcher Soziologiestudenten René Birrer (28), aktiv bei der «Uni von unten», ist die akademische Ökonomisierung allgegenwärtig: Sie schlage sich nicht nur in der Bologna-Reform und der entsprechenden studentischen Punktejagd oder im exzessiven Standortmarketing ganzer Unis und einzelner Institute nieder. Und sie gehe über die wachsende Pflicht der Unis und Institute hinaus, Drittmittel aus der Privatwirtschaft zu akquirieren: «Ökonomische Werte bestimmen zusehends das sozialwissenschaftliche Denken selbst.» Zum Beispiel beim Vorsteher des Soziologischen Seminars der Uni Zürich, Professor Marc Szydlik: «Er redet in einem rein ökonomischen Jargon, der Studierende zu Kunden oder Trägern eines Produkts macht.» Das Institut sei dementsprechend ein Standort mit einem bestimmten Angebot für den Studi-Kunden. «In der Vorstellung unserer Institutsleitung besitzt er die Eigenschaften des idealisierten Akteurs auf dem freien Markt. Wer unzufrieden ist, soll gehen und woanders ein Produkt finden, das ihm besser gefällt.»

Das Gleiche gelte auch für DozentInnen, denen die Schwerpunktsetzung in der Forschung, gewissermassen die «Unique Selling Proposition» des Instituts, nicht behagt.

Verwertung versus Kritik

Die Spezialisierung der Soziologie in Zürich basiere dabei nicht etwa auf der Setzung gewisser thematischer Schwerpunkte - früher war das am Zürcher Institut die Migrationsforschung -, sondern auf einigen wenigen angewandten Methoden. Sie gehören zur empirischen Sozialforschung, in der mit quantitativen Umfragen, viel Statistik, strengen Verfahren und Begriffen gearbeitet wird. Ihre Methoden und Begriffe werden vorgängig im Büro und nicht draussen während der Feldforschung, aus dem Forschungsgegenstand selbst erstellt. Und sie laufen der qualitativen Forschung, die mit weniger Zahlen, dafür mit mehr Sprache, die aus dem Forschungsobjekt heraus entwickelt wird und diesem so gerecht werden will, den Rang ab: «Quantitative Forschung ist sehr spezifisch, scheinbar greifbar, man kann mit ihr schöne Diagramme erstellen. So lässt sie sich auf dem Wissensmarkt leichter verwerten als qualitative Forschung», sagt Birrer. Gleichzeitig neige quantitatives Denken zur Pauschalisierung und produziere gesellschaftliche Stereotypen, Nonkonformes falle schnell einmal durchs Erkenntnisraster: «Es entstehen Rundumschläge, weil diese Soziologie abstrakten, generalisierten Begriffen folgt, die der Komplexität der gesellschaftlichen Realität nicht gerecht werden.» Auch die methodische Vielfalt werde auf dem Altar der ökonomischen Verwertbarkeit geopfert. «Darunter leidet die innerfachliche Selbstreflexion, die eigentlich die natürliche Garantin einer unkomplizierten internen Qualitätskontrolle sein könnte», sagt Birrer.

Ähnliche Tendenzen der ökonomischen Rationalisierungen beobachten Birrers MistreiterInnen bei der «Uni von unten» auch in der Politikwissenschaft, der Psychologie oder der Philosophie. Kati Pfrunder etwa studiert Politikwissenschaften im Nebenfach. Dort seien Begriffe aus der Wirtschaftswissenschaft mittlerweile allgegenwärtig: «Das Konzept des Homo oeconomicus, des Menschen als eines rein rationalen Nutzenmaximierers, wird auch von der Politikwissenschaft vorausgesetzt und kaum mehr in Frage gestellt.»

Bern ohne Soziologie?

An der Uni Bern sehen sich die StudentInnen der Soziologie bereits mit konkreten Folgen dieses Denkens konfrontiert: Seit 2005 sind zwei von drei Lehrstühlen ihres Faches unbesetzt, vor zwei Jahren wollte die Unileitung die Soziologie in Bern komplett abschaffen und nach Freiburg auslagern. Dieses Vorhaben musste wieder aufgegeben werden, nun plant man dafür die Zusammenlegung der Soziologie mit der Politikwissenschaft zu einem Bachelor-Studiengang Sozialwissenschaften. Die SoziologInnen befürchten dabei eine völlige Marginalisierung und eine methodische Angleichung ihres Faches an die Politikwissenschaft. Die qualitative, gesellschaftskritische Soziologie mit ihrer grossen Tradition um DenkerInnen wie Max Weber, Theodor W. Adorno, Pierre Bourdieu oder Judith Butler droht in Lehre und Forschung auf der Strecke zu bleiben. Und mit ihnen die kritische Theorie oder die theoretisch reflektierte Geschlechterforschung. Der einzigen verbleibenden Berner Soziologieprofessorin und helvetischen Instanz kritischer Soziologie, Claudia Honegger, reicht es jetzt: Sie hat aus Protest gegen die Um- und Abbaupläne ihren vorzeitigen Rücktritt eingereicht.

Der Rücktritt Honeggers bewog die Fachschaft der SoziologiestudentInnen und weitere engagierte Studierende vergangene Woche zu umfassenden Aktionen: An die dreihundert StudentInnen spazierten am Mittwoch vom Soziologischen Institut in der Uni Tobler zum Hauptgebäude und präsentierten ihre Forderungen und ihre Vorstellungen von einer reichen kritischen Soziologie: «Diese sucht nach Ursachen und Zusammenhängen des sozialen Lebens und deckt Missstände auf, zeigt Ungleichheiten auf und leistet damit einen unabdingbar wichtigen Beitrag für Gesellschaft und Wissenschaft», schrieb die Soziologiefachschaft auf einem Flugblatt. Eine Uni ohne Soziologie, ohne kritische Wissenschaften überhaupt, sei wie eine Demokratie ohne oppositionelle Stimmen: «Solch eine Demokratie würde alles als gegeben, unveränderbar und wünschenswert ansehen.» Deshalb müsse die Uni Bern eine Volluniversität bleiben und die Soziologie ein eigenständiges Fach.

Am Donnerstag dann sorgten dreissig AktivistInnen der Aktion ungehorsamer Studierender (AuS) mit einem Sitzstreik dafür, dass an der Fakultätsversammlung das Traktandum «Bachelor Sozialwissenschaften» gestrichen wurde und der Entscheid über die Zusammenlegung von Soziologie und Politikwissenschaft zumindest aufgeschoben wurde.

So zeigten die Studierenden der Uni Bern mithilfe zivilen Ungehorsams - den Rektor Urs Würgler mittlerweile als «primitive Aktion» bezeichnet hat - wenigstens symbolisch, was ihnen gemäss Leitfaden der Bologna-Reform schon seit Jahren zugestanden hätte - volles Mitspracherecht in der Unipolitik. Dort heisst es nämlich: «Students are full partners in higher education governance.»



WOZ-Mitarbeiter Dominik Gross studiert an der Uni Zürich Philosophie und Geschichte und ist Mitglied der Kommission der Philosophiestudierenden und -doktorierenden (StuDoKo BV).