Nr. 23/2009 vom 04.06.2009

Ein Platz des Sprechens

Was genau geschah vor zwanzig Jahren, auf dem Tiananmen, dem Platz des Himmlischen Friedens in Beijing? Zu Besuch bei AugenzeugInnen der damaligen Ereignisse.

Von Wolf Kantelhardt, Beijing

«Die StudentInnen haben den Platz des Himmlischen Friedens zu einem Ort des Sprechens gemacht», beginnt Meng Weina. Doch kaum hat sie sich gesetzt, klingelt es. Eine junge Frau mit glitzerndem weissem Haarreif und goldfarbenen Turnschuhen steht vor der Tür. «Ich habe Jiang Chao eingeladen, damit sie das auch hört», sagt die 54-Jährige. «Seit 1919 erhalten die Chinesen keine richtigen Informationen mehr - wer hat zum Beispiel 1921 die Kommunistische Partei Chinas gegründet? Das war Chen Duxiu und nicht Mao Zedong, wie alle glauben», ereifert sich die bekannte Aktivistin und fuchtelt - für Chinesen untypisch - wild mit den Armen umher. «Das Gefährlichste sind Kinder, die nichts wissen - Jiang Chao soll das ruhig hören.» Ihre Meinung sagt Meng Weina deshalb klar und deutlich. In China ist dies selten.

«Wann war das auf dem Platz des Himmlischen Friedens genau?», fragt Jiang Chao und zückt einen Stift, um gleich mitzuschreiben. «Wir haben in der Schule nur gelernt, dass es 1989 politische Unruhen gab - nur das.» Die junge Frau weiss von nichts. Denn die Ereignisse, die man im Westen als «Massaker auf dem Tiananmen-Platz» bezeichnet, heissen in China: «Bewegung des 4. 6.».

Meng Weina ist bereits mitten in ihrer Erzählung. Es habe sich um eine «Studentenbewegung» gehandelt, sagt sie - womit sie meint, dass es keine «konterrevolutionäre» Bewegung war. «Die StudentInnen waren unschuldig.» Meng Weina nimmt die StudentInnen in Schutz, obwohl sie in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre von ihnen bei Diskussionen als Reformistin beschimpft wurde. Als eine, die keinen Systemwechsel, sondern nur Verbesserungen innerhalb des Systems anstrebte. Revolutionär müsse man sein, wurde damals von den StudentInnen gefordert. «Aber sie hatten keine klare Vorstellung davon, was das bedeutete», sagt Meng Weina.

«Sie schossen auf Menschen»

1988 erhielt Meng Weina einen Brief eines uigurischen Schülers namens Wuerkaixi, der sie im Fernsehen sprechen gehört hatte. «Er schrieb, die Sendung über mich hätte ihn aufgerüttelt - danach habe ich nichts mehr von ihm gehört», erinnert sich Meng Weina. Bis sie ihn eines Tages im Fernsehen gesehen hat: «Er war einer der vier Studentenführer, die am 18. Mai 1989 in der Grossen Halle des Volkes mit Premierminister Li Peng verhandelten.» Fünf Tage zuvor hatten die StudentInnen damit begonnen, den Platz des Himmlischen Friedens zu besetzen und politische Reformen zu fordern.

Das Gespräch sei gescheitert, erzählt Meng Weina. «Obwohl die StudentInnen nur offen gesagt haben, was alle dachten: Sie kritisierten vor allem die Korruption.» Li Peng sei sehr unhöflich gewesen - er habe den StudentInnen nicht zugehört. «Doch mit dem, was dann passierte, hatte niemand gerechnet» - davon könne ihr Nachbar Hei Shifu erzählen, sagt Meng Weina.

Hei Shifu sitzt draussen auf der Gasse gleich vor seiner Haustür. 1989 arbeitete er beim Platz des Himmlischen Friedens. «Es war nur gesagt worden, dass man den Platz räumen müsse - wenn nicht, habe man die Konsequenzen zu tragen», erzählt Hei Shifu, während er durch seine dicken Brillengläser blinzelt. «Als ich Schüsse hörte, bin ich zum Platz des Himmlischen Friedens gelaufen - nie hätte ich gedacht, dass auf Menschen geschossen würde.» Erst als er die Panzer gesehen habe, sei er weggelaufen - in Richtung Süden, zur Fabrik, in der er arbeitete. Die StudentInnen seien ihrerseits nach Norden, in Richtung Universität gelaufen - an der Verbotenen Stadt vorbei, durch die engen Gässchen, durch die keine Panzer passen.

Das Schweigen

In einer dieser Gassen wohnte schon damals Zong Ayi - sie kommt gerade vom Markt zurück. «Die ganze Gasse hier war rot vom Blut», erinnert sie sich. Alle hätten den StudentInnen geholfen: Wunden verbunden, Essen gekocht, Betten zur Verfügung gestellt. Und Angst, den «Konterrevolutionären» zu helfen, hatte sie nicht? Nein, die StudentInnen seien doch am nächsten Morgen alle wieder gegangen, sagt Zong Ayi. Sie habe auch einen gerettet, sagt Zong Ayi und schüttelt langsam den Kopf - «keine Ahnung, was aus dem geworden ist».

«Früher hätten die nie darüber gesprochen», sagt Meng Weina, nach dem Treffen mit Hei Shifu und Zong Ayi - wir sind wieder bei ihr zu Hause. Doch seit gut drei Jahren sei das anders. «Und je mehr sie davon sprechen, desto stolzer werden sie darauf.» Doch bevor Li Peng und Jiang Zemin sterben würden, werde es zu keiner Neubewertung der damaligen Ereignisse auf dem Tiananmen-Platz kommen - «bis dahin wird offiziell zu diesem Thema geschwiegen».

Von den jetzigen StudentInnen erwartet Meng Weina nichts: «Ach, die StudentInnen! Es stand in der Zeitung, dass wieder zwei von einem Dach runtergesprungen sind - aus Liebeskummer.» Auch auf die Welle von Eintritten in die nichtkommunistischen Parteien Chinas - vor allem die Guomindang - setzt sie keine Hoffnung: Die Regierung selbst habe die Parteieintritte gefördert. «Die Mitglieder dieser Parteien wurden alle zu alt und taugten deshalb nicht mehr als Alibi.» Und nun würden manche auf den Zug aufspringen, weil man in kleinen Parteien viel schneller zu hohen Positionen kommt - «da geht es nur um persönliche Vorteile». Und: Für Meng Weina sind auch die neuen zivilgesellschaftlichen Organisationen und Stiftungen nicht besser: «In jeder Provinzhauptstadt eröffnen die ein Büro und wollen dann bloss Geld von der Regierung.»

«Was habe ich falsch gemacht?»

Doch dann erinnert sich Meng Weina an ein Erlebnis, von letztem Sommer: An einem Abend während der Olympischen Spiele, als die spanische Fussballmannschaft einen Match gewonnen hatte, da habe sie einen jungen Chinesen beobachtet, wie er den Platz des Himmlischen Friedens überquerte. Vierzehn Jahre alt - höchstens fünfzehn. «Er hatte sich eine spanische Flagge um die Schultern gehängt», habe den Sieg gefeiert. «Doch die spanische Flagge gleicht der tibetischen - und zack: Er wurde sofort geschnappt.» Mindestens zehn Polizisten und Sicherheitskräfte in Zivil seien um ihn herumgestanden. «Alles haben sie ihn gefragt: wie er heisst, woher er kommt, wo er hinwill, wo er wohnt - und er hat alles ohne zu zögern beantwortet. Selbstbewusst!» Nur zum Schluss habe er nicht mehr mitgemacht, als die Polizisten verlangten, dass er sich von seinen Eltern abholen lässt. Was er Falsches gemacht habe, habe der Junge wissen wollen - «immer wieder hat er das gefragt, mit lauter, klarer Stimme. Wir standen abseits, aber das war deutlich zu hören: ‹Was habe ich denn falsch gemacht?›»

Die Stimme eines Jungen, der uneingeschüchtert Rechenschaft verlangt und sich gegen die Willkür wehrt: Für Meng Weina verkörperte der Junge die Hoffnung, dass der Platz des Himmlischen Friedens wieder zu einem Ort des Sprechens wird.

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