Nr. 23/2009 vom 04.06.2009

Evi Allemann: «Ich bin tot?»

Die SP-Nationalrätin Evi Allemann will Killergames verbieten. Aber kennt sie solche Videospiele überhaupt? Mit der WOZ wagte sie einen Versuch auf dem Schlachtfeld.

Von Dinu GautierMail an AutorIn

Ein Internetcafé unweit des Bundeshauses: Wer sitzt da an einem Computer und schiesst mit einem Maschinengewehr auf Soldaten? Es ist Evi Allemann, die Berner SP-Nationalrätin, die im Nationalrat ein Verbot von Killergames fordert.

Bisher hat sie nach eigenen Angaben noch nie einen sogenannten Ego-Shooter gespielt, also ein Computerspiel, in welchem aus der Ichperspektive scharf geschossen wird: «Ich muss auch nicht einen Offroader fahren, um überzeugt zu sein, dass der zu viel CO2 ausstösst.»

Dennoch kann die WOZ Evi Allemann zu einem Testspiel wenige Tage vor der Killerspieldebatte im Nationalrat überreden. Die Einführung ins digitale Schiessen gibt ihr Manuel Bachmann. Der 25-jährige Maschinenbaustudent spielt seit zehn Jahren Counter-Strike. Ihm gleich tun es zu jedem beliebigen Zeitpunkt weltweit zwischen 50 000 und 200 000 Menschen, womit Counter-Strike das beliebteste Online-Shootingspiel ist. Es wird an Turnieren gespielt, und es existieren sogar internationale Profiligen. Bachmann hat im Jahr 2005 als einer von fünf Teammitgliedern die Schweiz an der Counter-Strike-Weltmeisterschaft in Singapur vertreten (wo die Schweiz nach einem Sieg über Österreich und einer Niederlage gegen Kasachstan ausgeschieden ist).

Manuel Bachmann demonstriert Nationalrätin Allemann, wie er zusammen mit vier weiteren «Terroristen» eine Bombe an einer von zwei dafür vorgesehenen Stellen innerhalb der «map» (des Spielfelds) zu «planten» (platzieren) versucht. «Dafür hast du drei Minuten Zeit. Wenn die Bombe dann nach dreissig Sekunden nicht entschärft ist, hast du gewonnen - oder wenn alle fünf Gegner tot sind.» Auf dem Bildschirm geht derweil alles sehr schnell. Bachmann ballert auf «Antiterroristen», es spritzt ein bisschen pixeliges Blut, die Gegner gehen schnell zu Boden. Zu schockieren vermag das niemanden, der schon einmal einen Krimi gesehen hat. Über Mikrofon spricht Bachmann mit seinen Teammitgliedern. «Strategie, Taktik und Kommunikation sind das A und O», so der Gamer. Schon ist die Runde gewonnen, auf Bachmanns virtuelles Konto fliesst Geld, damit kann er für die nächste Runde Waffen und eine kugelsichere Weste kaufen.

Toter König, toter Bauer

Evi Allemann analysiert: «Wenn du gewinnst, dann kannst du aufrüsten. Du hast also einen Anreiz zu töten, weil du dadurch stärker wirst.» Auch Counter-Strike würde unter ein Killergameverbot fallen, sagt Allemann. «Das gilt nämlich für alle Spiele, wo der Spielerfolg dadurch erreicht wird, dass man andere tötet.»

Erst jetzt wird Bachmann, der sich sonst nicht sonderlich für Politik interessiert, klar, dass sein Hobby verboten werden könnte: «Nach dieser Definition müsste man auch Schach verbieten, weil du Bauern, Läufer und den König tötest. Schach ist genauso ein Gemetzel - nur mit einer schlechteren Grafik», sagt er mit lauter Stimme. Evi Allemann: «Aber du hast nicht das Gefühl, es sei eine andere Welt. Das Problem ist die extrem ausgearbeitete Grafik neuer Computerspiele, die im Hirn die Grenzen zwischen virtuell und real verschwimmen lässt.»

Die Politikerin spricht jetzt von Amokläufern, die an deutschen Schulen zugeschlagen haben. Die hätten allesamt zuvor Killergames gespielt. Deswegen auch ihre Verbotsmotion im Nationalrat. Denn: «Wenn es ums Töten von Menschen geht, dann stellt sich die Frage der Verhältnismässigkeit nicht mehr.» Zumal die Spiele im Gegensatz zu Kriegsfilmen keinen kulturellen Wert hätten. Wobei Allemann betont, dass das Spielen von Killergames an sich noch keine Amokläufer produziere, dass es immer ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren brauche, etwa die Verfügbarkeit von Waffen oder gravierende soziale Probleme.

Tatsächlich gibt es Studien, wonach bei jungen Männern, die täglich mehrere Stunden Ego-Shooter spielen, ein erhöhtes Aggressionspotenzial festgestellt werden kann. Es gibt aber auch Studien, die zum Schluss kommen, mit Ego-Shootern liessen sich Aggressionen abbauen. Ein vom Bundesrat in Auftrag gegebener und kürzlich publizierter Bericht zum Thema «Jugend und Gewalt» sieht keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Gewaltkonsum und -ausübung. In Kombination mit anderen negativen Faktoren könne aber gerade bei sehr jungen Menschen das Konsumieren von Gewaltspielen ein verstärkender Faktor in einer Ursachenkette hin zu realer Gewalt werden.

Dass die Täter bei den Schulamokläufen der letzten Jahre in Deutschland allesamt Ballerspiele auf ihren Computern installiert hatten, ist jedenfalls nicht wirklich erstaunlich: Bis zu achtzig Prozent der jungen Männer spielen Ego-Shooter. Dazu Tanja Walliser, die Zentralsekretärin der Juso Schweiz: «Man könnte Amokläufe statistisch genauso gut mit dem Verzehr von Brot in Verbindung bringen» (unter Männern, denn Frauen mögen Killergames und Amokläufe weniger). Überhaupt wehren sich die Jusos gegen Verbotsbestrebungen: «Das ist Symptombekämpfung, die von den wahren Ursachen von Jugendgewalt ablenkt», sagt Tanja Walliser. Sie würde das Problem lieber an den Wurzeln packen, die Perspektivlosigkeit und die schlechte soziale Integration vieler Jugendlicher verbessern: «Das Geld, das es für die Durchsetzung der Gamezensur braucht, würde man besser in Jugendarbeit an den Schulen investieren», so die 23-Jährige. Auch von Alterbeschränkungen hält Walliser wenig: «Der Jugendschutz liegt in der Verantwortung der Eltern.»

«Du hast die Bombe, Evi!»

Macht ein Verbot die Games in den Augen der Jungen nicht noch attraktiver? «Die heutigen Jugendlichen funktionieren nicht mehr nach dem Revolutionsprinzip. Sie probieren nicht absichtlich alles aus, was verboten ist», sagt Allemann. Derweil ist für Manuel Bachmann klar, dass solche Spiele auch bei einem Verbot weiterhin gespielt würden: «Sie sind im Umlauf. Du kannst sie problemlos runterladen. Der einzige Unterschied wird sein, dass wir zu Kriminellen werden, dass wir Turniere nur noch im Ausland organisieren können - und dass sich ein Schwarzmarkt entwickelt.»

Zurück zu Evi Allemann in Counter-Strike: Die Steuerung erweist sich für eine Anfängerin als schwierig. Endlich erscheint ein Pixelmensch im Blickfeld. Allemann schiesst. Bachmann: «Das ist einer deiner Mitspieler. Du hast die Bombe.» Allemann: «Was muss ich mit der machen?» Bachmann: «Du bist schon tot.» Allemann: «Ich bin tot?»

Zweiter Versuch mit einem anderen Spiel: Farcry 2. Es läuft offline, die Grafik ist viel realistischer als bei Counter-Strike. Die «rote Evi» («Blick») navigiert sich aus einer Hütte im afrikanischen Dschungel raus, biegt um eine Ecke. Rebellen eröffnen das Feuer. Sie ballert zurück, ihre Schüsse sind zu ungenau, der Bildschirm verfärbt sich rot. Evi ist schon wieder tot.

Die real noch immer lebendige Evi Allemann resümiert: «Ich bin in dieser virtuellen Welt nach so kurzem Üben natürlich noch etwas hilflos. Dennoch hat das sofort Emotionen ausgelöst, keine Angst, eher ein Kribbeln. Du denkst sofort: Den muss ich abknallen.» Was Evi Allemann ausserdem stört: «In diesem Spiel kannst du einen Konflikt überhaupt nicht verbal lösen. Dabei gibt es ja selbst in realen Kriegen Diplomatie.»

Am Mittwoch dieser Woche hat sich der Nationalrat im Grundsatz und verbal mit 139 zu 39 Stimmen für ein Verbot von Games mit «grausamen Gewalttätigkeiten gegen Menschen und menschenähnliche Wesen» entschieden. Ob unter diese Definition dereinst auch Counter-Strike fallen wird, werden erst künftige Debatten zeigen.

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