Nr. 24/2009 vom 11.06.2009

Was ist das Leben?

Die erste Internetwissensmaschine ist da - man kann sie alles fragen. Sie spuckt sogar versteckte Witze aus. Bloss versteht die kaum jemand.

Von Niels Boeing

Es ist eine Paradoxie des sogenannten Informationszeitalters, dass auch zwanzig Jahre nach der Erfindung des World Wide Web sinnvolle Informationen häufig so schwer zu finden sind wie die Stecknadel im Heuhaufen. Wir wissen, dass sie im Prinzip irgendwo in den Datenmassen des Cyberspace stecken, aber wir wissen nicht wo. Also googeln wir. Mangels Alternative: Denn seit Jahren ist klar, dass auch die Computer des De-facto-Monopolisten Google nur endlose Verweise ausspucken und den Kontext einer Suchanfrage nicht verstehen können. Zudem lassen sich die Ergebnisse manipulieren, und wie sie ermittelt werden, ist alles andere als transparent.

Im Mai ist nun ein Dienst gestartet worden, der die Informationsbeschaffung im Netz aufmischen dürfte: Wolfram Alpha, eine «rechenbasierte Wissensmaschine». Als sie der britische Mathematiker Stephen Wolfram im März ankündigte, schlug die Nachricht wie eine Bombe in der hochnervösen Netzwelt ein. Denn Wolfram ist kein Leichtgewicht wie manch gescheiterter Google-Herausforderer der vergangenen Jahre. Seine Meriten - und die für Wolfram Alpha nötigen Dollars - hat er sich mit der Entwicklung der Software Mathematica verdient.

2002 brachte ihm sein 1200-Seiten-Wälzer «A New Kind of Science» gar den Ruf ein, die Welt anders und womöglich sogar intelligenter als der Mainstream zu interpretieren. Darin betrachtet er die Natur als Rechenprozesse: Die komplexen Erscheinungen der Welt sollen sich algorithmisch aus einfachen Grundregeln herleiten lassen. Diesen Ansatz hat die Scientific Community ebenso als Affront aufgefasst wie die Tatsache, dass Wolfram das Buch nicht in einem wissenschaftlichen Verlag, sondern in Eigenregie veröffentlichte.

Nun also der Affront Wolfram Alpha. Denn auch der Anspruch der Wissensmaschine ist gewaltig: Sie soll den NutzerInnen nicht nur Informationsbröckchen hinwerfen, sondern möglichst präzise Antworten auf Fragen geben. Anstatt sich durch Trefferlisten von Google oder Texte in Wikipedia oder Brockhaus zu wühlen, geben die NutzerInnen in das Eingabefeld eine Frage ein. Wolfram Alpha liefert dann Zahlen, Statistiken, Grafiken und Hinweise auf weiterführende Literatur - keine Werbelinks und keine Verweise auf irrelevante Dokumente. Weil die Website ebenso schlicht wie die von Google daherkommt, war denn auch postwendend vom potenziellen «Google-Killer» die Rede. Umso grösser ist nach dem Start vor vier Wochen die Häme, weil Wolfram Alpha bei manchen Fragen passen muss.

Wissen zerlegen

Der Vergleich mit Google läuft allerdings ins Leere, weil das Konzept anders ist. Die Suchmaschine durchsucht zuvor erfasste Webdokumente nach der Zeichenfolge eines eingegebenen Begriffs. Wird sie fündig, wird ein Verweis auf das entsprechende Dokument präsentiert. Wolfram Alpha hingegen operiert mit einer Wissensbasis, die von seinen MitarbeiterInnen aus diversen Quellen zusammengetragen, geprüft und für die Verarbeitung in eine Form aus mathematisch-logischen Symbolen gebracht worden ist. Ähnlich wie bei den Enzyklopädien Wikipedia oder Brockhaus stehen am Anfang also Menschen, die existierendes Wissen beurteilen können.

Die Wissensbasis von Wolfram Alpha umfasst bereits mehrere Billionen Datenelemente. Gibt man eine Frage ein, wird diese in Elemente zerlegt und in eine symbolische Form umgewandelt. Die dazu - hoffentlich passende - Antwort wird dann nicht einfach gesucht, sondern berechnet - mit Hilfe eigens entwickelter Rechenvorschriften aus den Datenelementen der Wissensbasis, wie Stephen Wolfram betont. Für den Nutzer wird sie dann in eine lesbare Form zurückverwandelt, die ihm auf der Website präsentiert wird.

Quizschlaumeiereien

Das Konzept ist schon in seiner jetzigen Anfangsversion ein neuer Meilenstein in der Geschichte des Internets. Und doch hinterlässt es einen zwiespältigen Eindruck. Dass Wolfram Alpha vorerst nur auf Englisch zu nutzen ist - geschenkt. Interessanter sind einige Probleme, die die Wissensmaschine aufwirft. Zum einen zeigt sich, dass die fünfzehn Jahre Internet als Massenmedium, in dem Geschwindigkeit zum Wert an sich geworden ist, an den Millionen NutzerInnen nicht spurlos vorbeigegangen sind. Wer die bisherigen Anfragen an Wolfram Alpha betrachtet, bemerkt an ihnen eine gewisse Atemlosigkeit. Wolframs Idee, eine ausformulierte Frage zu stellen, ficht viele NutzerInnen offenbar nicht an: Sie hacken weiterhin, wie bei Google und anderen gelernt, nur Begriffe in das Eingabefeld.

Dazu passt, dass Wolfram Alpha den NutzerInnen die geistige Auseinandersetzung mit einem Gegenstand, wie sie etwa beim Lesen eines Textes nötig ist, zu ersparen sucht. Die Antworten bestehen immer aus unverbundenen Fakten, die interessant sein können, manchmal aber auch nur eine Schlaumeierei für eine Quizshow à la «Wer wird Millionär?» sind.

Natürlich ist Wolfram Alpha zuerst eine neue Form der Enzyklopädie. Aber Stephen Wolfram bezieht sich auch auf eine Vorstellung von Gottfried Wilhelm Leibniz, den er als Ahnherr seiner Wissensmaschine sieht: «Er kam am Ende des 17. Jahrhunderts zu der Auffassung, dass es einen Weg geben muss, die Auflösung aller menschlichen Diskussionen zu mechanisieren. Er stellte sich vor, dass man den menschlichen Diskurs mittels Logik und Mathematik repräsentieren könnte.» Wolfram hofft, dass eines Tages sämtliches Wissen in Rechenprozessen abgebildet und damit Eindeutigkeit hergestellt werden kann.

Folgerichtig verarbeitet Wolfram Alpha nur Faktenwissen aus Wissenschaft, Technik, Wirtschaftsstatistiken und Geografie. Fragt man nach dem «2. Juni 1967», erfährt man, wie viele Tage, Wochen und Jahre das Datum zurückliegt, wann damals die Sonne auf- und wieder unterging. Ansonsten heisst es: «Kein offizieller Feiertag oder bedeutende Vorkommnisse.» Nun ist das System zwar auf den angelsächsischen Kulturkreis zugeschnitten, für den der Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 keine Bedeutung haben mag. Aber klar wird, dass das Team, das die Wissensbasis erstellt, eine erhebliche Deutungsmacht darüber hat, was überhaupt wissenswert ist. Je besser Wolfram Alpha in den kommenden Jahren wird, desto mehr werden die Antworten, die es liefert, zum relevanten Wissen für Millionen.

Allerdings: Eine Erhellung komplexerer Zusammenhänge ist von der Maschine nicht zu erwarten. Das liegt auch daran, dass Wolfram Alpha den Nutzer nicht «versteht», sondern nur Verständnis simuliert. Stephen Wolfram sieht die Wissensmaschine nicht als künstliche Intelligenz (KI) «im traditionellen Sinn». Auch wenn in seinem Bezug auf den Mathematiker und Philosophen Leibniz oder den Vordenker der Informatik, Alan Turing, eine ältere Strömung der KI-Forschung mitschwingt: die Erschaffung einer rationalen Denkmaschine. Tatsächlich fehlen Wolfram Alpha bislang zwei zentrale Voraussetzungen dazu: die Fähigkeit, als Maschine zu lernen, und der Versuch, die semantischen Feinheiten des Alltagswissens zu erfassen. An dieser Herkulesaufgabe arbeitet vor allem der KI-Forscher Douglas Lenat mit seinem Projekt Cyc - mit bescheidenem Erfolg.

«10 cm pro Jahr»

Lenat gibt in einer ersten Analyse von Wolfram Alpha ein hübsches Beispiel für dessen Beschränkungen. Auf die doch faktische Frage, wie schnell menschliche Haare wachsen, hat die Maschine keine Antwort. Gebe man aber «10 cm pro Jahr» ein, werde das als Geschwindigkeit interpretiert, mit der unter anderem Haare wachsen. Warum Wolfram Alpha (noch) nicht in beiden Richtungen zu einem Ergebnis kommt, ist unklar.

Hier knüpft das letzte Problem an: Wie Wolfram Alpha genau funktioniert, will Stephen Wolfram nicht enthüllen. Alle bisher abgegebenen Erklärungen bleiben vage. Das ist allerdings nicht verwunderlich, denn der Brite will mit seiner Wissensmaschine irgendwann doch viel Geld verdienen. Dazu hat er in den vergangenen Jahren diverse Elemente der Technologie mit Patenten schützen lassen. Das ist so lange unbedenklich, wie Wolfram Alpha eine praktische Nischenanwendung für naturwissenschaftlich-technisch interessierte Menschen bleibt. Doch Wolframs Ehrgeiz ist wohl gross genug, die Wissensmaschine zu einem Dienst für die Massen zu machen.

Dafür spricht nicht nur, dass um Wolfram Alpha eine Onlinecommunity aufgebaut wird, deren Feedback mithilft, das System kontinuierlich zu verbessern. Hier dockt Wolfram clever an das Web 2.0 mit seinen sozialen Netzen an. Auch die Reaktionen von Google und Microsoft zeigen, dass der Neuankömmling als Bedrohung wahrgenommen wird, auch wenn es sich nicht um eine klassische Suchmaschine handelt. Google stellte in den vergangenen Wochen mit Google Public Data und Google Square gleich zwei neue Dienste vor, die teilweise Ähnliches wie Wolfram Alpha leisten sollen. Und Microsoft präsentierte seine neue Suchmaschine Bing, die den NutzerInnen helfen soll, unter den Suchergebnissen schneller ein befriedigendes Ergebnis zu finden.

Trotz aller Haken dürfte Wolfram Alpha ein Erfolg werden - dank des mobilen Internets. Denn es macht das überaus populäre iPhone zur ersten Version jener tragbaren Antwortmaschine, die in Douglas Adams’ Science-Fiction-Serie «Per Anhalter durch die Galaxis» berühmt wurde. Das ist natürlich auch bei Wolfram Alpha niemandem entgangen. Gibt man auf der Seite «Leben» ein, lautet die Inputinterpretation: «Antwort auf das Leben, das Universum und alles». Und das Resultat: «42».

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