Nr. 29/2009 vom 16.07.2009

Helle Nacht, dunkles Sehnen

Dass Erde und Menschen unter dem Einfluss des Mondes stehen, stellt kaum jemand infrage. Doch wann und wie – darüber streiten sich bis heute nicht nur WissenschaftlerInnen. Ein somnambuler Streifzug.

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

«Alle achtundzwanzig Tage geschah von da ab das gleiche. Wenn der Mond sich rundete, überfiel das Kind eine rätselhafte Trauer: Es blickte hinauf zum Himmel und vergass die Welt.»
Hanns Maria Lux: «Das Mädchen aus dem Bambuswald», 1954

Die über tausend Jahre alte japanische Geschichte der kleinen Prinzessin, deren Heimat der Mond war, prägte meine Beziehung zum Himmelskörper früh. Obwohl eindeutig irdischer Herkunft, musste auch ich ihn immer anschauen, kaum stand er am Himmel, was mich im Leben einige Stunden Schlaf gekostet hat oder auch einen verrenkten Hals, wenn das Fenster falsch lag. Hatte ich als Kind Heimweh, tröstete mich der Mond, denn ich wusste, dass er auch dort schien, wo ich mich hinsehnte – so unerreichbar weit konnte es also nicht sein.

«Zwei Blondinen reden über den Mond. ‹Was ist weiter weg›, fragt die eine, ‹der Mond oder London?› ‹Natürlich London›, antwortet die andere, ‹den Mond seh ich schliesslich von hier aus.›»
Alter Blondinenwitz, undatiert

Weil einer meiner Brüder als Junge angetroffen wurde, wie er im Bett sitzend versuchte, einen Mondstrahl aufzuheben, galt er in der Familie als mondsüchtig, obwohl andere Beweise fehlten. Zum Glück stiess ihm nicht dasselbe zu wie jenem bedauernswerten Knaben, der durch die Jugendherberge wandelnd sich schliesslich auf einem fremden Bett erleichterte, weil er sich am zu diesem Zweck richtigen Ort wähnte. Ich selbst fand mich in einer riesigen Altbauwohnung viele Jahre später nächtens in einem weit von meinem Bett entfernten Raum wieder und wusste nicht, wie ich dort hingekommen war. Da weder Drogen noch die Liebe im Spiel waren, ängstigte und faszinierte mich der rätselhafte Ortswechsel, zeugte er doch in gleichem Masse von totalem Kontrollverlust wie von unbekannten Kräften.

«Wandelnd auf des Daches First, auf der Mauer schmalem Rande, schreitet sie, die Hohe, Milde, in des Mondes sanftem Licht. Wie Musik ertönt ihr Schweben, ihre Füsse gleiten gläsern. Ihre Hände klingen leise, ihre Augen sind geschlossen.»
Klabund: «Die Mondsüchtige», 1927

Doch mit Mondsucht hat Schlafwandeln ja eigentlich gar nichts zu tun. Denn während man früher glaubte, Somnambule erhöben sich vom Vollmond angezogen von ihrem Lager, weiss die moderne Medizin, dass es sich um eine Schlafstörung handelt, bei der sich die meist jugendlichen Wandelnden auf eine Lichtquelle zubewegen. Auch dass sich bei Vollmond die Geburten häufen, wurde von der schnöden Wissenschaft längst als Gerücht entlarvt, dabei hat die Vorstellung vom babylockenden Mond durchaus ihren Reiz.
Aber der Mond beeinflusst Erde und Menschen, nur wann und wie – darüber sind sich die WissenschaftlerInnen gar nicht einig. «Der Mond ist mir ziemlich egal», meint eine Kollegin, und eine andere sagt streng: «Der Mond ist nicht mein Freund!», was allerdings auch wieder für eine irgendwie geartete Beziehung spricht. Vom dreijährigen Jonas weiss ich, dass er bei Mondschein lange im Bettchen steht und zum Himmel schaut; und ein Lehrer im Ruhestand erzählte mir, dass er während seines letzten Berufsjahrs in stiller Vorfreude die Vollmonde bis zur Pensionierung gezählt habe.

«Willkommen, o silberner Mond, schöner, stiller Gefährt der Nacht! Du entfliehst? Eile nicht, bleib, Gedankenfreund! Sehet, er bleibt, das Gewölk wallte nur hin.»
Friedrich Gottlieb Klopstock: «Die frühen Gräber», 1764

Nun ist der Mond für eher dem Feinstofflichen Zugeneigte weniger Gedankenfreund als Lebenshilfe in allen Lagen. «Optimal zur Haarentfernung ist der abnehmende Mond im Steinbock», heisst es auf einer Website, während ein Mondkalender an einem Junitag unter dem Stichwort Schönheit empfahl: «Momentan unterstützt der Mond die Pflege der Brüste, die nun besonders dankbar auf eine Verwöhnkur mit einer reichhaltigen Pflegecreme reagieren werden. Haarewaschen ist heute aber nicht angesagt.» Ein Rat, den insbesondere Männer dankbar befolgt haben werden. Doch als eigentliches Geschöpf des Mondes gilt mit ihren Zyklen die Frau.

«Morgen ist ein Feuervollmond, und die Mondin bewegt sich schon zur Erde hin. Die Vollmondinenergien sind schon da und heftig, aggressiv und blutig und schmerzvoll.»
Internetforum für Hochsensibilität, Beitrag von FEE am 13. Oktober 2008

Und damit wollen wirs hinsichtlich lunarer Weiblichkeit bewenden lassen. – Aus irdischer Sicht war der Mond schon immer da. Eine leuchtende Kugel, die mit präziser Berechenbarkeit auftaucht und verschwindet, seit je neben der Sonne eine zuverlässige Grösse für alle Menschen an jedem Ort der Erde. So hat jede und jeder den eigenen Mond. Dass schon die Hominidin Lucy und unsere Altvorderen im Neandertal unter wulstigen Brauen emporschauten zu einem Mond, dessen Krater und Gebirge sich in der gleichen gesichtsähnlichen Anordnung darstellten, wie wir sie heute sehen, ist eine Vorstellung, die einem den Atem verschlagen kann. Ebenso wie die Tatsache, dass unser Blick ungehindert auf einen Körper trifft, der nachweislich fast 400 000 Kilometer weit entfernt ist – das verwirrt nicht nur Blondinen.

«Seltsam war es, dass dies unheimliche, klumpenhafte, tiefschwarze, vorrückende Ding, das langsam die Sonne wegfrass, unser Mond sein sollte, der schöne sanfte Mond, der sonst die Nächte so florig silbern beglänzte.»
Adalbert Stifter über die Sonnenfinsternis, 1842

Kaum ein Ereignis lässt den Menschen die unbegreifliche Dimension des Weltalls mit der sich irgendwo darin drehenden winzigen Erdkugel so stark empfinden wie eine Sonnenfinsternis. Die von Stifter beschriebenen Empfindungen können jene bestätigen, die das Glück hatten, 1999 einen wolkenfreien Blick auf die verdeckte Sonne zu erhaschen. Natürlich ist es einfach Physik. Doch dass der Mond einen Schatten wirft, der uns hier unten plötzlich von der Sonne abschneidet, so wie uns sonst harmlose Wolken- oder Baumschatten streifen, weckt auch im nüchternen Gemüt eine Art metaphysisches Erschrecken. Gebannt starren wir dem heranrasenden Dunkel entgegen, irgendwo lauert der Gedanke, was wäre, wenn diese Finsternis andauerte, und gleichzeitig sind die zwei Minuten, in denen der Mond die Sonne ganz verdeckt, so kurz und ergreifend, dass man sich wünscht, der Moment möge dauern – doch wie im Zeitraffer fliegt die Helligkeit heran. Und weil dem Menschen angst und bange werden kann, wenn der Mond nicht so ist, wie er sein soll, überrascht nicht, dass jede Sonnenfinsternis die Welt untergangsbeschwörerInnen auf den Plan ruft und auch an jenem 11. August rundum flehend die kosmischen Kräfte von Sonne und Mond angerufen wurden.
Um sich zu ängstigen, genügt es übrigens schon, wenn die gewohnten Verhältnisse verändert scheinen, weshalb manche sogar fürchten, den Mond durchs Fernglas anzuschauen, weil er dort zu bedrohlicher Grösse anschwillt. Ein junger Mann erzählte mir, wie er sich während einer Reise durch Neuseeland einen Platz am Meer zum Übernachten suchte, wo er sich auf sein Mättchen legte und in einen unruhigen Schlaf fiel. Mitten in der Nacht schreckte er auf, weil ihm der Vollmond ins Gesicht schien. Doch auf der Südhalbkugel stand die vertraute Erscheinung verkehrt herum über ihm, und er geriet in Panik. Als er schliesslich, ganz wach geworden, realisierte, dass er sein Lager auf einer dicken Schicht Schafsscheisse aufgeschlagen hatte, konnte ihn das nicht mehr im Geringsten schrecken.

«Wenn süss das Mondlicht auf den Hügeln schläft.»
Deutscher Titel eines Romans von Eric Malpass, 1967

Dass der Mond vor allem eine Erscheinung der Nacht ist, macht ihn ebenso zum intimen Begleiter verborgener Gefühle wie zur Projektionsfläche für Kitsch und Kommerz. Die bewährte Kombination Mond und Meer/See dürfte hinsichtlich Klischee im Kopf alle Rekorde schlagen. Mit gutem Grund: Wer je an einem dunklen Ufer überm Horizont den immer grösser werdenden Mond aufgehen sah, jeden Abend ein wenig verschoben, dann Nacht für Nacht gebannt verfolgte, wie er ein glänzendes Band übers Wasser legt, bis er auf der anderen Seite wieder verschwindet, weiss: Das gehört zum Betörendsten, was die Erde zu bieten hat. Und weil der Mond überall schön ist, hängt er auf ungezählten Fotos als teleobjektivisch vergrösserte Riesenscheibe über Manhattan, der Golden Gate Bridge und Millionen anderen Orten und weckt Sehnsüchte.

«Moonlight, die Nacht ist schön, uhuhuhu, Moonlight, unsagbar schön, uhuhuhu, alle sind verliebt, nur ich muss traurig sein, uhuhu, sag mir, warum.»
Deutscher Schlager, gesungen von Harald Schubring alias Ted Herold, 1961

Es ist hart, aber wahr: Während unterm Vollmond die Liebe erst richtig schön wird, tut Einsamkeit noch viel, viel mehr weh als sowieso schon. Zwar kann ein Spaziergang im bleichen Mondlicht dem wunden Herzen vorübergehend eine gewisse Erleichterung schenken, weil sich der Mond für all die verzweifelten inneren Monologe als geduldiger Gesprächspartner anbietet. Doch dann geht er einfach unter, und die einsame Seele muss wieder nach Hause.
Wie glücklich nehmen sich dagegen Verliebte aus: Die wandern eng umschlungen durch den Silberglanz und zeigen sich gegenseitig den Mann im Mond, wenn sie nicht gerade damit beschäftigt sind, am Strand übereinander herzufallen. Um sich näher zu kommen, eignet sich der Mond übrigens nur bedingt. Eine Freundin erzählte mir von einer Nachtwanderung, auf der sie mit dem damaligen Objekt ihrer Begierde erst auf Tuchfühlung kam, als der Mond unterging. Plötzlich war es dermassen stockfinster, dass sie sich aneinander festklammern mussten. Ob die Methode immer funktioniert, ist nicht bekannt.

«Füllest wieder Busch und Tal still mit Nebelglanz, lösest endlich auch einmal meine Seele ganz; breitest über mein Gefild lindernd deinen Blick, wie des Freundes Auge mild über mein Geschick.»
Johann Wolfgang Goethe: «An den Mond», 1789

Und mit des Mondes mildem Wirken rundet sich der Bogen: In einer Vollmondnacht bemerkte der Pfleger eines Zürcher Altersheims, dass eine sehr alte Dame unruhig und schlaflos war. Da nahm er die kleine alte Dame auf seine Arme, trug sie in den Garten und packte sie auf einem Sessel in warme Decken. Dort sass sie ganz ruhig und betrachtete den Mond, bis er hinter den Bäumen verschwunden war und der Morgen dämmerte.

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