Nr. 32/2009 vom 06.08.2009

Schritte ins andere System

Achtzig Menschen experimentieren seit mehr als zwanzig Jahren in der Nähe von Kassel an einer alternativen Form des Zusammenlebens. Sie teilen sich Wohnung, Arbeit und Geld. Ein Besuch in der Kommune Niederkaufungen.

Von Daniel Stern

Die Strassenbahn Nummer 4 braucht eine knappe halbe Stunde, bis sie es vom Zentrum der nordhessischen Stadt Kassel ins ländliche Niederkaufungen geschafft hat. Hier finden sich neue Wohnquartiere und Discountgeschäfte, aber auch alte Bauernhäuser. Gleich neben der reformierten Kirche, mitten im alten Dorfkern, stehen an gepflasterten Strässchen mehrere Fachwerkhäuser, Schuppen und Gewerbebauten. Das ist die Kommune Niederkaufungen.

Über achtzig Menschen leben hier in verschiedenen Wohngemeinschaften zusammen. Die gut sechzig Erwachsenen unter ihnen betreiben eine staatlich anerkannte Kindertagesstätte, betreuen tagsüber demente Menschen, schreinern und schlossern in Werkstätten, bauen ihre eigenen wie auch fremde Häuser um, bekochen nicht nur sich, sondern auch Gäste in einem Tagungszentrum, geben Kurse in gewaltfreier Kommunikation und Obstbaumschnitt, melken Kühe und verarbeiten die Milch zu Käse, schlachten Schweine und Rinder, ziehen Gemüse und produzieren biologisches Saatgut. Alle Einnahmen wandern in die gemeinsame Kasse, woraus jeder nimmt, was er gerade braucht.

Weg vom vereinzelten Leben

Uli Barth hat die Kommune vor 22 Jahren mitbegründet. Zusammen mit seiner Partnerin zog der studierte Bauingenieur hier zwei Kinder gross, die inzwischen ausgezogen sind. Ziel der GründerInnen war es, «von einem beziehungsarmen, vereinzelten Leben zu einem kollektiven, menschlicheren Lebenszusammenhang zu kommen», wie es in einem Grundsatzpapier heisst. Man wollte «gemeinsam über Grund, Boden, Häuser und Produktionsmittel verfügen» als «Chance, unsere Utopien angehen zu können». Anstelle von Leistungsdenken und Ausbeutung in der kapitalistischen Arbeitswelt sollte ein «solidarischer Umgang miteinander» treten.

Barth führt uns durch die verschiedenen Einrichtungen der Kommune. Er verfügt in einer der Wohngemeinschaften über ein kleines Zimmer. Er benütze es vor allem als Ort, wo er seine Sachen aufbewahre, sagt er. Eine eigentliche Küche gibt es nicht in der WG. Der Platz reicht eben mal, um Kaffee zu brauen oder ein Brot zu schmieren. Die BewohnerInnen verköstigen sich fast ausschliesslich in der Gemeinschaftsküche.

Barth zeigt auf die Fotovoltaikanlage auf dem Dach. Den gewonnenen Strom speist die Kommune ins öffentliche Netz – sie produziert mehr, als sie selbst verbraucht. Ökologie ist den KommunardInnen wichtig. Auch der Regen von den Dächern wird gesammelt, gefiltert und dient sowohl für die Klospülung wie teilweise als Waschwasser.

Der grosse Gemeinschaftsraum wird derzeit umgebaut. Ein maskierter Trupp sägt Gipsplatten zurecht und verkleidet damit Wände und Decke. Hier ist die kommuneneigene Baufirma Komm-Bau an der Arbeit. «Um den Umbau von eigenen Gebäuden zu beschleunigen, geben wir manchmal auch Bauaufträge nach aussen», sagt Uli Barth. Nicht immer fänden sich innerhalb der Kommune genügend Leute, die Zeit und Lust für handwerkliche Arbeit hätten.

Niemand ist angestellt

Viele KommunardInnen arbeiten in Bereichen, in denen sie über eine entsprechende Ausbildung verfügen. Monotone Arbeit lehnen sie ab. Die Schlosserei könnte zwar etwa mit einer Eigenkreation von Fahrradständern gutes Geld machen, ist Uli Barth überzeugt. Die Beschäftigten wollten jedoch lieber immer wieder Neues anpacken. Der Arbeitsprozess in der Kommune ist geprägt vom Wunsch der Leute, auch Spass an der Arbeit zu haben.

Das eröffnet immer wieder neue Arbeitsfelder, bringt aber auch Probleme mit sich: So wirkt die grosse, modern eingerichtete Schreinerei ziemlich verlassen. Nur ein Schreiner werkelt derzeit vor sich hin. «Vor ein paar Jahren arbeiteten hier noch acht Leute», sagt Barth. Doch die sind teilweise aus der Kommune ausgezogen oder haben sich auf neue Arbeitsgebiete verlegt. «Wir haben nach neuen Schreinern gesucht – vergebens.» Es brauche eben nicht nur SchreinerInnen für eine vakante Arbeitsstelle, sondern solche, die bereit seien, in die Kommune einzusteigen. Ein Grundsatz der Kommune lautet, keine Angestellten zu beschäftigen.

Wir leihen uns zwei Fahrräder und begleiten Patricia Saif zu einem nahe gelegenen Gemüsefeld. Hier hat die Kommune Land gepachtet und zwei Treibhäuser aufgestellt. Auch im Gemüsesektor Rote Rübe fehlt es derzeit an Arbeitskräften. Die verbliebenen GemüsegärtnerInnen haben sich deshalb auf die Produktion von biologischem Saatgut verlegt. Dieses wird weiterverkauft. «Die Gemüseproduktion war zu zeitaufwendig und zu wenig lukrativ», sagt Saif. Sie selber kümmert sich inzwischen zusammen mit anderen KommunardInnen um den neuen Bereich Obst, die Kommune verfügt heute über rund 200 Bäume. Doch die Kommune versorgt nicht nur sich selbst, vermehrt bietet sie auch Dienstleistungen an, etwa Kurse im Baumschnitt, um in der Nachbarschaft die Bäume zu stutzen. Und es gibt Pläne für ein Baummuseum, in dem dann alte Obstsorten besichtigt werden können.

Die Kommune versteht sich zwar nicht als landwirtschaftliches Projekt. Dennoch hat sie einen Hof, den Birkengrund, in der Nähe des Dorfes gekauft. Als wir dort ankommen, ist Marion Hanekamp daran, auf Bestellung eines Restaurantbesitzers Frischkäse zu produzieren. Der auf dem Hof gefertigte Käse wird ausserdem im Kommuneladen verkauft und an Bioläden geliefert. Die Vielfalt der produzierten Sorten zeugt vom Spass an der Abwechslung: Im Keller lagert rötlicher Halbhartkäse (Birkengründer), der mit unterschiedlichen Gewürzen angereichert wurde, Blauschimmel (Blauer Kaufunger) und Hartkäse. In einem Kühlaggregat reift ein Weichkäse mit weissem Schimmel heran.

«... so wunderschön wie heute»

Auch Sylke Hallerberg gehört zum Hofkollektiv. Die 29-jährige Mutter eines fünfjährigen Kindes ist noch Kommunardin auf Probezeit. Sie hatte zuvor ein sogenanntes U-30-Seminar der Kommune besucht, bei dem speziell jüngere Leute auf gemeinschaftliche Lebensweisen angesprochen werden. Hallerberg ist gelernte Bäuerin und hat zusätzlich ein Studium in ökologischer Landwirtschaft abgeschlossen. «Hier zu leben, ist ein Schritt in ein anderes System. Ich will nicht mit einer Familie einsam und verlassen auf einem Hof leben.» Ihr Partner wohnt ausserhalb der Kommune. Er besucht sie am Wochenende. Das Kind geht in die kommuneneigene Kindertagesstätte. Hallerberg ist es wichtig, Biolandwirtschaft zu betreiben. Sie will aber auch ökologisches Wissen und internationale Zusammenhänge der Landwirtschaft an Jugendliche weitergeben. Sie plant, Schulklassen auf den Birkengrund-Hof einzuladen und entsprechende Workshops zu erteilen.

Zurück am Hauptsitz der Kommune. In einem der Gärten sitzen ältere Menschen im Kreis und singen: «So ein Tag, so wunderschön wie heute». Die Kommune betreibt seit mehreren Jahren eine Tagespflege für Demente. Bis zu fünfzehn Gäste kommen pro Tag hierher, wo sie in Gesellschaft sind, miteinander spielen, singen und spazieren gehen, wo sie aber auch gepflegt werden und ihr Gedächtnis trainiert wird. Die älteren Menschen wohnen zumeist bei Verwandten, die mit der ständigen Betreuung überfordert wären.

Anke Moka ist eine der Pflegerinnen. Die gelernte Krankenschwester sagt, sie sei vor vierzehn Jahren auch deshalb in die Kommune eingetreten, weil das Projekt des Pflegeheims bereits in den Köpfen einiger KommunardInnen herumgeisterte. Bis es so weit war, arbeitete sie ausserhalb der Kommune als ambulante Pflegerin. Das verdiente Geld floss in die Kommunenkasse. Doch die fremdbestimmte Arbeit gefiel ihr nicht. Hier in der Tagespflege, die sie selbst mit aufgebaut hat, fühlt sie sich wohl.

«Oma spricht wieder»

Es ist inzwischen später Nachmittag geworden, und die dementen Gäste sind alle wieder abgeholt oder nach Hause gefahren worden. Die Räume werden von einem Kollegen Mokas geputzt. «Wir machen das im Turnus», sagt sie. Wir sitzen draussen im Garten und essen Kirschkuchen. Moka erzählt, dass es ihren Gästen hier sehr gut gefalle. Auch deren Angehörige seien zufrieden, wenn sie etwa feststellten: «Oma spricht wieder.» Zu Hause sässen die alten Menschen meist nur vor dem Fernsehgerät. Die Tagespflege erhält von den Angehörigen oder der Pflegekasse einen festen Tagessatz pro Gast. Viel Profit mache die Kommune damit allerdings nicht.

Anke Moka stammt ursprünglich aus der DDR und hat nach der Wende in Ostberlin in besetzten Häusern gelebt. Ihr gefallen die vielen Gestaltungsmöglichkeiten, die es in der Kommune gibt. Das Arbeitskollektiv der Tagespflege achte darauf, dass immer genügend Leute von der Kommune im Pflegebereich ausgebildet seien, damit dieser auch Austritte verkraften könne. Moka geniesst die Stadtnähe der Kommune. Sie besucht gerne Kinos und Museen. Das soziale Leben spiele sich für sie aber vor allem dort ab, wo sie wohne und arbeite.

Fehlt es ihr nicht, über eigenes Geld zu verfügen? «Besitz ist Ballast und anstrengend», sagt Moka. «Ich habe hier alles, was ich brauche. Mit Geld aus der Kommunenkasse kann ich ja auch in den Urlaub fahren. Luxus brauche ich nicht. Aber vielleicht hat das auch damit zu tun, dass ich in der DDR sozialisiert wurde.» Und was, wenn sie mal alleine sein will? «Ich frühstücke zum Beispiel nie im Gemeinschaftsraum. Am Morgen brauche ich meine Ruhe. Und wenn ich mich mal zurückziehen will, so verfügt die Kommune über mehrere kleine Hütten in der Umgebung. Da kann man auch mal übers Wochenende hinfahren und alleine sein.»

Neben dem Pflegezentrum befinden sich die Büroräumlichkeiten der Kommune. Hier arbeitet auch Uli Barth. Er zeigt uns ein etwas altertümliches Journalbuch, wo alle Ausgaben und Einnahmen der Kommune eingetragen werden. Viele nehmen einen Betrag als Taschengeld heraus und schreiben im Nachhinein summarisch ein, wofür es ausgegeben wurde. Grössere Ausgaben wie Urlaubsreisen oder Velokauf werden auch auf einem Blatt notiert, das im Gemeinschaftsraum ausgehängt ist. Die soziale Kontrolle ist so institutionalisiert. Viele der schulpflichtigen Kinder besuchen eine Alternativschule in Kassel. Auch ihr monatliches Schulgeld in der Höhe von 200 Euro übernimmt die Kommune.

Das Büroteam kümmert sich um die Steuern der Einzelnen und begleicht Rechnungen. Niemand muss hier eigenes Geld ausgeben. Dafür geben alle, die neu in die Kommune eintreten, ihr ganzes Vermögen ab. Es fliesst in den Verein der Kommune, der die Gebäude besitzt und dafür Hypothekarzinsen bezahlt. Die Kommunenkasse zahlt dem Verein im Gegenzug monatlich eine Miete. Wer aus der Kommune austritt, erhält einen zu Beginn festgelegten Geldbetrag als Übergangsfinanzierung. Dieser Betrag hängt etwa von den beruflichen Aussichten und den Verpflichtungen gegenüber Kindern ab. Obwohl das nicht zur erklärten Absicht der Kommune gehöre, erhalte jemand, der zu Beginn viel Vermögen eingebracht habe, bei Austritt meist auch entsprechend mehr, sagt Barth.

Auch an die Altersvorsorge wird in der Kommune gedacht. Das älteste Kommunenmitglied ist 62 Jahre alt und schon bald rentenberechtigt. Weil die staatliche Rente für viele, die hier leben, zu klein ist, legt die Kommune Geld für eine Zusatzrente beiseite. Das Kapital wurde etwa in ein Windkraftwerk in Norddeutschland investiert und auf einem Ökofonds angelegt. «Auch wir haben die Finanzkrise zu spüren bekommen», sagt Barth. Der Ökofonds habe letztes Jahr vierzig Prozent Verlust eingefahren.

Die Kommune verändert ihre Leute

Inzwischen ist es Zeit für das Abendessen. Die KommunardInnen tröpfeln langsam in den provisorischen Gemeinschaftsraum. Sie bedienen sich von einem Buffet und setzen sich in Gruppen an einen der Holztische.

Nach dem Essen findet das wöchentliche Plenum statt. Fast vierzig KommunardInnen sitzen im Kreis. Das Plenum wird im Turnus von jeweils zwei der KommunardInnen geleitet. Entscheide fallen ausschliesslich nach dem Konsensprinzip. Einigt man sich nicht, wird in Kleingruppen weiterdiskutiert. Grössere Themen gelangen nur vorbereitet in die grosse Gruppe. Anträge sind an Aushängen im Gemeinschaftsraum angeschlagen. Dabei geht es beispielsweise um die Fragen, ob jemand nach seiner Probezeit in die Kommune aufgenommen werden soll oder ob alle mit einem bestimmten Ausstiegsvertrag einverstanden sind.

Das Plenum ist aber auch für Alltägliches zuständig, ein Ort des Informationsaustausches und der Fragen: Der kleine Jonas hat heute Geburtstag. Der Kommunenstand am Dorffest war ein Erfolg. Am Samstag ist Himbeerernte, wer hilft? Wer kümmert sich um die zehn japanischen LandwirtschaftspraktikantInnen, die nächstens für einen Tag zu Besuch kommen?

Das Plenum wird gegen Ende etwas laut: Beim Stichwort «soziales Plenum» gibt es Meinungsverschiedenheiten. Wann soll ein solches einberufen werden, und wie wird es vorbereitet? Die Diskussion wird von der Plenumsleitung schnell unterbrochen und an eine Kleingruppe delegiert. Soziale Plenen sind nicht öffentlich und dienen zur Diskussion des sozialen Umgangs miteinander. Auch auf diesem Feld versucht man, sich weiterzuentwickeln.

Am anderen Morgen sitzt Hartmut Schmidt im Schatten zwischen zwei Gebäuden der Kommune und rüstet einen grossen Topf schwarze Johannisbeeren. Der Platz ist gut gewählt. Er liegt zentral, immer wieder gehen KommunardInnen vorbei. Einige bleiben auch stehen und reden mit Schmidt oder helfen ihm einige Zeit beim Rüsten. Auch Schmidt ist ein Gründer der Kommune. Ist es als Veteran nicht mühsam, wenn ständig Leute aussteigen und immer wieder Neue dazukommen, denen alles von vorne vermittelt werden muss? «Wir können neue Leute nicht zurechtschnitzen», sagt Schmidt. «Die Jüngeren sind ganz anders geprägt als meine Generation. Es muss darum gehen, dass sie ihre Erfahrungen sinnvoll einbringen können.» Schmidt glaubt, dass das Leben in der Kommune jemanden über kurz oder lang sowieso verändert. «Man kann hier nicht fünf Jahre leben, ohne sich einmal zu fragen, was man an sich ändern muss. Hier kommt jeder an seine Grenzen.»

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