Nr. 15/2012 vom 12.04.2012

Die Kraft wirkt weiter

Selbstbestimmt und gemeinschaftlich wohnen: Seit elf Jahren funktioniert KraftWerk1 in der früheren Zürcher Industriezone erfolgreich als Wohn- und Baugenossenschaft. Vermehrt auch mit Kindern.

Von Stefan Howald (Text) und Ursula Häne (Foto)

Die Perspektive geht ins Weite: Blick vom Balkon des KraftWerk-Hauptgebäudes Richtung Höngg.

Cornelia Jacomet wohnt seit fünf Jahren in der Siedlung KraftWerk1 in Zürich. Und zwar im Hauptgebäude an der Hardturmstrasse 269, in der grössten Wohngemeinschaft: Elf Erwachsene und zwei, bald drei Kinder teilen sich fünfzehn Zimmer.

Betritt man die Wohnung, ist gleich vis-à-vis die offene Küche. Hier gibt es wenig Türen. Die Küche geht in einen Essplatz über, der sich auf einer Halbetage in einem hellen Aufenthaltsraum fortsetzt, eine weitere Halbetage höher liegt nochmals ein Aufenthaltsraum. Auf jeder Etage gibt es jeweils drei Einzelzimmer, mit Türen.

Auf der anderen Seite des Treppenhauses liegt die zweite Wohnung der Grosswohngemeinschaft, auf drei Etagen. Zwei Räume werden gemeinschaftlich als Büros genutzt. In der Küche der grösseren Wohnung finden die gemeinsamen Abendessen statt; die Küche der kleineren Wohnung ist für Frühstück und Mittagessen vorgesehen.

Ihre Wohngemeinschaft, betont Jacomet, ist «nicht ausschliessend». Es gibt Fleischessende und VegetarierInnen, es gibt Heterosexuelle und Homosexuelle, und es gibt sogar RaucherInnen. Die Individualitäten verbinden sich gemeinschaftlich. «Es wird erwartet, dass alle mehr oder weniger regelmässig an den gemeinsamen Abendessen teilnehmen, und dreimal pro Monat ist jede Mitbewohnerin und jeder Mitbewohner verpflichtet zu kochen.»

Im KraftWerk1 lässt sich aber auch herkömmlicher hausen. Insgesamt besteht die Überbauung aus 80 Wohnungen. Davon sind 9 Grosswohngemeinschaften und 35 Familienwohnungen. 190 Erwachsene und 70 Kinder belegen sie. Katarina Aerni Bachmann und Martin Bachmann zum Beispiel leben mit ihren zwei Kindern in einer Vier-Zimmer-Familienwohnung. Sie sind Ende 2006 eingezogen. Martin Bachmann war in der «Wohnungsnot»-Bewegung aktiv, und aktiv ist er bis heute geblieben. Seit achtzehn Monaten leitet er das Konsumdepot, den siedlungseigenen Laden.

Notorische Utopie

1993 propagierte der notorische Realutopist P. M. zusammen mit dem Architekten Andreas Hofer und dem Künstler Martin Blum KraftWerk1 als Projekt für das Zürcher Sulzer-Escher-Wyss-Areal. Letzteres wird mittlerweile kommerziell genutzt, aber der 1994 gegründete Verein KraftWerk1 fand ein Areal auf einer Industriebrache in der Nähe des Hardturmstadions im damals noch nicht so hippen Zürich West. 1999 begannen die Bauarbeiten, und im Sommer 2001 wurden die ersten Wohnungen bezogen.

Der Anspruch des KraftWerk1 war und ist weit gesteckt: Land soll der Spekulation entzogen werden, um selbstbestimmtes und gemeinschaftliches Wohnen und Arbeiten zu ermöglichen, ökologisch und wirtschaftlich nachhaltig, zugleich als städtebauliche Alternative.

Elf Jahre später ist das KraftWerk1 zweifellos ein Erfolg. Pro Jahr wird durchschnittlich eine einzige Wohnung frei, dazu ein paar Plätze in Wohngemeinschaften. Und die Genossenschaft wächst, mit der Siedlung KraftWerk2 in Höngg sowie mit dem KraftWerk4, womit sich die Genossenschaft in die Zürcher Agglomeration hinauswagt (vgl. «KraftWerk expandiert» im Anschluss an diesen Text).

Von der Hauptstrasse her tritt einem das KraftWerk1 als vierstöckiger lachsfarbener Riegel entgegen. Links ein Coiffeursalon und ein Blumenladen, rechts die Brasserie Bernoulli. Dahinter, im rechten Winkel, das langgestreckte siebenstöckige Hauptgebäude sowie ein kleinerer Wohnblock. Der grosse Terrakottaklinkerbau sähe in südlicherem Klima wohl etwas freundlicher aus. Vor dem Haus Dutzende von Fahrrädern, etliche davon mit Kinderanhänger.

Tja, die Kinder

Nachhaltig bedeutet auch, sich bezüglich Wohnraum zu beschränken. Im Durchschnitt lebt hier jede Person auf 38 Quadratmetern Wohnfläche – der Stadtzürcher Durchschnitt beträgt 54 Quadratmeter. In der Grosswohngemeinschaft sind die einzelnen Zimmer zwischen 13 und 17 Quadratmeter gross. Offenbar genügt das den BewohnerInnen, und es genügt auch ein Badezimmer für drei Personen.

Cornelia Jacomet, längere Zeit Leiterin eines Stadtzürcher soziokulturellen Zentrums, ist Mitglied der AG Info, des gewählten Siedlungskomitees. Ihre Begeisterung ist auch nach fünf Jahren ungebrochen. Positiv empfindet sie das gemeinsame Wohnen dreier Generationen. «Das gilt nicht nur fürs ganze Haus, sondern bei uns auch in der WG. Die Kinder sind eine ungemeine Bereicherung», sagt sie. Tja, die Kinder. Als das KraftWerk1 bezogen wurde, hatten die BewohnerInnen noch kaum oder sehr kleine Kinder. Mittlerweile haben sie eine neue soziale Aufgabe oder ihre biologische Uhr entdeckt, und der Anteil der Kinder nimmt zu. Hans Widmer, pensionierter Englischlehrer, spricht, halbwegs ironisch, von einem «kleinen Kulturkampf». Für den nötig gewordenen Spielplatz habe die Genossenschaft 110 000 Franken bewilligt; dafür hätten sich die Kinderlosen ein wenig Geld für die Raucherbar ausbedungen.

KraftWerk1 wird von der gleichnamigen Genossenschaft getragen. Diese verantwortet und verwaltet das Projekt. Parallel dazu gibt es die BewohnerInnen-Organisationen (BO). Diese verstehen sich als Selbstorganisationen der Siedlungen. Der Genossenschaft gehören mittlerweile über 600 Mitglieder an. Sie wird durch einen Vorstand als strategisches Organ geführt und von der operativ tätigen Geschäftsstelle verwaltet. Im siebenköpfigen Vorstand führt Sebastian Hefti als «Vorstandsmanager» den Vorstand und steht dem Geschäftsführer vor. «Zuweilen ergeben sich Reibungen zwischen dem Vorstand und der BO KraftWerk1. Vor allem engagierte Mitglieder verstehen sich entschieden basisdemokratisch. Obwohl an der Basis nicht mehr so viele mitmachen wie früher», erklärt Hefti. Tatsächlich beklagt Martin Bachmann vom Konsumladen einen teilweise mangelhaften Informationsfluss. Da bricht zuweilen der Gegensatz zwischen Pragmatik und ursprünglicher Realutopie auf. «Gelegentlich werden wir als abgehobene Bürokraten gescholten», bestätigt Hefti, «aber grundsätzlich ist die professionalisierte Arbeitsteilung unbestritten.»

Alternatives Milieu

Und wer wohnt im KraftWerk1? Cornelia Jacomet gibt sich keinerlei Illusionen hin. «Wir rekrutieren uns aus dem urbanen linken Lager.» Ärzte, Kulturmanagerinnen, Töpfer, Medienschaffende, Architektinnen. Der grün-rote Mittelstand eben. Allerdings leben hier auch überdurchschnittlich viele MigrantInnenfamilien. Und es wird mit zwei gemeinnützigen Stiftungen zusammengearbeitet, die im KraftWerk1 günstigen Wohnraum für sozial Minderprivilegierte vermitteln.

Das selbstbestimmte und gemeinschaftliche Wohnen äussert sich in einigen kollektiven Einrichtungen. Das Konsumdepot zum Beispiel bietet im Haus einen eigenen Lebensmittelladen. Sieben Tage in der Woche zwei Stunden lang können hier Güter des täglichen Bedarfs eingekauft werden, von Rüben über Reis bis zu WC-Papier. Der Mietzins für den Raum wird von der Genossenschaft übernommen. Martin Bachmann ist als Geschäftsführer mit einer Zwanzig-Prozent-Stelle angestellt, im Verkauf arbeiten interessierte BewohnerInnen gratis mit. Beim Frischgemüse wird mit Ortoloco zusammengearbeitet, einer selbstverwalteten lokalen Gemüsekooperative. So kann, wie Hans Widmer erläutert, lokales Biogemüse billiger angeboten werden als beim Grossverteiler. Und auf der Stadionbrache nebenan bäckt der aus derselben Szene entstandene Verein brotoloco im Lehmofen Brot und Zopf, die im Abonnement bestellt werden können.

Rechts vom Haupteingang fällt der Blick in ein grosses Zimmer im Parterre. Die Vorhänge stehen offen, Betten sind zu sehen und eine sachlich-nüchterne Einrichtung. Es ist das Gästezimmer des KraftWerk1, in dem BesucherInnen übernachten können. Keine Sorge, die Vorhänge können zugezogen werden. Das Zimmer ist zu sechzig Prozent ausgelastet, es ist nach dem Konsumdepot das erfolgreichste kollektive Angebot der Siedlung. Dann gibt es noch die riesige Dachterrasse. Bei deren Benützung ergeben sich nicht ganz unbekannte Probleme. Den Grill gebrauchen, sicher. Den Grill putzen, ziemlich unsicher. Eine AG Dachterrasse nimmt sich des Problems an und kümmert sich auch um die Bepflanzung. Die Brasserie Bernoulli ist verpachtet an eine Beizengenossenschaft. Fürs KraftWerk1 bleibt sie ein wichtiger Treffpunkt und Versammlungsraum.

Ursprünglich sollte im KraftWerk1 neben Wohnen und Essen auch das Arbeiten integriert werden. Geplant waren Handwerksbetriebe, Ateliers. Das hat nur halbwegs geklappt. Einige Gewerberäume sind an BewohnerInnen vermietet, aber für die meisten mussten aussenstehende Gewerbetreibende gesucht werden. «Die sind unterschiedlich ins Siedlungsleben integriert», meint Sebastian Hefti.

Expansion

Aktiv war die Genossenschaft immer städtebaulich. KraftWerk1 stand ab 2005 an vorderster Front gegen den Bau des gescheiterten Shoppingstadiums Hardturm, unterstützt aber die aktuellen Pläne fürs Stadion und die benachbarte städtische Siedlung. Und mit den zwei neuen eigenen Bauprojekten wird KraftWerk endgültig von der Wohn- zur Baugenossenschaft.

Hans Widmer, der zuweilen die Theorie mit der Poesie verbindet, meint, die Idee KraftWerk breite sich so als autonomes Wurzelgeflecht aus. Dagegen beklagt Martin Bachmann, dass durch die neuen Projekte die bestehende Siedlung etwas vernachlässigt werde.

Was liesse sich im KraftWerk1 verbessern? Im Lift von Cornelia Jacomet darauf angesprochen, sagt eine Nachbarin, es könnte in der Eingangshalle ein wenig sauberer sein. «Natürlich, es könnte vieles noch ein wenig mehr sein», kommentiert Cornelia später. «Es könnte mehr Mitbeteiligung geben, mehr Sauberkeit, mehr Engagement, mehr Freude. Aber ich bin pragmatisch. Ich gehe nicht von Idealvorstellungen aus. Alle sollen hier machen, was sie können und wollen.»

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