Nr. 32/2009 vom 06.08.2009

Was ist ein Hosenknopffilm?

Interview: Silvia Süess, Foto: Ursula Häne

Ilona Stamm: «Als ich an der Kasse arbeitete, kam es häufig vor, dass die Besucher einander fragten: ‹Luegemer de Film a oder nämemer Loge?›»

WOZ: Frau Stamm, Sie sind bald 
86 Jahre alt und arbeiten noch immer in Ihrem Filmverleih. Haben Sie noch nie daran gedacht, aufzuhören?
Ilona Stamm: Ich kann einfach nicht aufhören, solange es mir Spass macht. Ich glaube, in diesem Metier bist du einfach angefressen und lebst für die Arbeit.

Sie haben praktisch Ihr ganzes Leben im Filmverleih gearbeitet?
Ja, mein Vater hat den Stamm-Filmverleih 1935 gegründet, und ich begann mit vierzehn Jahren im Betrieb mitzuarbeiten. Nach der Sekundarschule hiess es damals noch «ran an die Säcke», nichts mit Studieren oder Die-Welt-Anschauen, wie die Jungen das heute können.

Und was haben Sie mit vierzehn für Arbeiten erledigt?
Ich begann als Päcklipackerin die Filme einzupacken. Die waren damals zwischen dreissig und vierzig Kilo schwer. Danach lernte ich, Filme zu kontrollieren und zu flicken. Jeden Film, der von einem Kino zurückkam, musste man durch die Spule gehen lassen, und wenn er gerissen war, musste man ihn flicken. Dann durfte ich Telefone abnehmen, die ich aber noch weiterleiten musste. «Ich verbinde mit Herrn Stamm», das ging noch nach alter Vätersitte zu und her. Anschliessend übernahm ich das Telefon ganz, und dann kam automatisch auch die Filmprogrammation dazu. Zu meinem sechzigsten Geburtstag bekam ich dann die Prokura, das heisst, ich wurde unterschriftsberechtigt wie mein Vater. Als er dann gestorben war, ging das Geschäft automatisch an mich weiter.

Wie war das für Sie als junge Frau, in einer männerdominierten Branche zu arbeiten?
Am Anfang haben mich die Männer nicht einmal gegrüsst. Die fragten sich wohl, wer ich denn sei. Früher gab es in Zürich einmal im Monat eine Börse in einem Restaurant, wo sich Kinobesitzer und Filmverleiher trafen. Als ich das erste Mal dort erschien, sagte einer: «Entschuldigung, aber das hier ist eine geschlossene Gesellschaft.» Ich antwortete: «Ich weiss, es ist die Filmbörse.» Er: «Aha, Sie wissen das.» Ich: «Ja, ich gehöre dazu.» Da hat er nur noch aha, aha gesagt und ist verstummt. Auch die Kinobesitzer staunten jeweils, wenn ich angemeldet hatte, dass der Vertreter käme, und dann kam ich kleine Frau. Aber ich muss sagen, mit der Zeit wurde ich voll und ganz akzeptiert.

Wie kam Ihr Vater 1935 überhaupt dazu, einen Filmverleih zu gründen?
Er hatte damals eine Konzertagentur und vermittelte Sänger und Orchester in die Schweiz. Doch dann haben sich die Künstler ihre eigenen Agenten zugetan, und das Geschäft meines Vaters lief immer weniger. Da sagte ihm ein Kinobesitzer, er soll doch statt Künstler Filme vermitteln, das sei das Neuste von der heutigen Unterhaltung. Aber damals gab es noch nicht so viele Filme, und so begannen wir mit Diavorträgen.

Diavorträge im Kino?
Ja, aber die Kinos hatten das nicht so gerne. Deshalb mieteten wir die Kinos, mein Vater organisierte das Ganze, und ich sass an der Kasse. Der erste Diavortrag, den wir brachten, war von einer Afrikareise. Auch unser erster Film war ein Kulturfilm aus Afrika. Da hatte es Negerfraueli drin. Sehr entblösste Negerfraueli. Und da sagten die Angestellten des Kinos zu mir: Sie, jetzt spielen wir wieder den Hosenknopffilm.

Den Hosenknopffilm?
Ja, weil es den Zuschauern die Hosen gesprengt hat. Dieser Film hat die total erregt, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Der Normalbürger hat ja damals ausser seiner Frau nie jemanden ohne Kleider gesehen. Und dann war das plötzlich möglich, und erst noch auf dieser grossen Leinwand. Der Film lief wochenlang! Und die Angestellten konnten jeweils nach der Vorstellung die Hosenknöpfe auf dem Boden sammeln.

Das ging ja zu und her damals ...
Ja, ins Kino kam man ja auch nicht nur, um den Film zu schauen. Als ich an der Kasse arbeitete, kam es häufig vor, dass die Besucher einander beim Ticketkaufen fragten: «Luegemer de Film a oder nämemer Loge?» Denn in der Loge war man nur zu zweit und konnte machen, was man wollte. Und da man oben sass, konnte niemand hineinschauen und beobachten, was man da tat. Ja, ja (lacht), das sind so herrliche Sachen, die einem einfach bleiben.

Ilona Stamm (85) ist die älteste aktive Schweizer Filmverleiherin. Sie lebt und arbeitet in Zürich. Seit 2006 leitet sie die Stamm Film AG, die ihr Vater 1935 gegründet hat, mit Andreas Bernatschek und Pascal Ulli.

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