Nr. 33/2009 vom 13.08.2009

Bei der Fliegerabwehr?

Interview: Silvia Süess, Foto: Ursula Häne

Ilona Stamm: «Bei ‹Hänsel und Gretel› standen die Leute bis zum Stauffacher an.»

WOZ: Frau Stamm, was ist für Sie ein guter Film?
Ilona Stamm: Hm, das ist schwierig zu sagen ...

Oder anders gefragt, wie entscheiden Sie sich, ob Sie einen Film in Ihren Verleih aufnehmen?
Da wir nun ein Dreierkollegium sind mit meinen beiden Partnern Andreas Bernatschek und Pascal Ulli, müssen mindestens zwei für den Film sein. Wenn ich begeistert bin von einem Film und die beiden Herren finden, der sei ein Quatsch, dann muss ich das akzeptieren. Ich mag gehaltvolle Filme, unser Filmverleih ist berüchtigt dafür, dass wir höchststehende Filme haben. Keine Massenware.

Sie haben auch viele Kinderfilme in Ihrem Verleih ...
Ja, wir waren die ersten, die Kinderfilme in die Schweiz brachten. Der erste Film war «Hänsel und Gretel», den zeigten wir im Kino Apollo. Das war damals beim Stauffacher in Zürich, der Saal hatte 1200 Plätze; ein wahnsinniger Palast. Der Kinobesitzer meinte, er riskiere es, aber er glaube nicht, dass da jemand käme. Ja, denkste! Als wir zum Kino kamen, standen die Leute schon bis zum Stauffacher an, und sobald wir öffneten, drängelten sie wie verrückt. Die an der Kasse sind fast gestorben. Es kamen viel mehr Leute, als es Plätze hatte.

Die mussten dann alle draussen bleiben?
Wir liessen so viele rein wie nur möglich, setzten die Kinder auf die Treppen ... Wenn die Feuerpolizei gekommen wäre, hätten wir eine riesige Busse bekommen. Eine Frau kam zu mir und sagte, sie müsse unbedingt noch einen Platz für sich und ihr Kind haben. Ich sagte, es gäbe keine Tickets mehr, aber ich hätte im Keller noch Klappstühle, die ich holen könnte. Da drückte sie mir zwei Fünfliber in die Hände, einen für sie und einen für ihr Kind. Der Eintritt des Kinos war damals 55 Rappen, und sie gab mir je einen Fünfliber!

Wann war das denn?
Das war in den fünfziger Jahren. Den Film könnte man so heute nicht mehr schauen: Ton und Bildspur waren verschoben. Aber das störte niemanden. Es war einfach herrlich.

Waren die fünfziger Jahre eine gute Zeit für Ihren Filmverleih?
Eigentlich ging es nach dem Zweiten Weltkrieg so richtig los. Da konnten wir anfangen, Kontakte zu knüpfen, und den Verleih so richtig aufbauen.

Und wie war es während des Zweiten Weltkriegs?
Da wir vor dem Krieg vor allem deutsche Filme hatten, hatten wir während des Kriegs natürlich nichts, das ist klar. So hatten wir auch nichts zu tun. Mir begann es aber zum Hals herauszuhängen, nur im Büro zu sitzen und nichts zu tun zu haben. Deswegen meldete ich mich 1943 beim Eidgenössischen Verteidigungsdienst und machte 560 Diensttage, bis der Krieg fertig war.

Was haben Sie denn dort gemacht?
Ich war bei der Fliegerabwehr, stationiert in Zürich und in St. Gallen. Und ich muss sagen, ich habe gleich doppelt von diesem Einsatz profitiert: Erstens habe ich meinen Vater wegen meines Lohnes nicht finanziell belastet, und zweitens habe ich mehr und besseres Essen bekommen als das, was die Privatleute wegen der Rationierung erhielten.

Was macht man genau bei der Fliegerabwehr?
Man beobachtet den Himmel, ob fremde Flugzeuge kommen, und wenn ja, meldet man es der Zentrale und löst Fliegeralarm aus. Wir mussten auch jeden Tag turnen und Läufe machen, manchmal bis zu zwanzig Kilometer.

Nahm der Stamm-Filmverleih nach dem Zweiten Weltkrieg auch Schweizer Filme in den Vertrieb?
Nicht erst dann. Unser erster Schweizer Film war «Der letzte Postillon vom Sankt Gotthard», der zweite «HD Läppli» von Alfred Rasser, und dann kam «Der Demokrat Läppli». Bei dem ist aber etwas Dummes passiert.

Was denn?
Am Tag, an dem wir die Premiere mit Herrn Rasser in Basel gehabt hätten, kam ein Verbot von Bern. Es hiess, wir dürfen den Film nicht zeigen, es sei denn, wir täten eine bestimmte Szene herausschneiden.

Was war das für eine Szene?
Es wurde ein Sesseltanz unter den Bundesräten dargestellt, also ein Tanz, wer den freien Sessel bekommt. Da fühlten sich die Herren in Bern angegriffen. Und dann machte mein Vater den grössten Fehler, das hat er später auch zugegeben: Er hat die Szene herausgeschnitten und verbrannt. Statt in Basel vor ausverkauftem Hause zu sagen: «Meine lieben Zuschauerinnen und Zuschauer, wir haben von Bern ein Verbot bekommen, den Film zu zeigen.» Was glauben Sie, was das für eine Sensation gegeben hätte! Aber davor hat er sich gefürchtet. Und wer weiss, vielleicht hätte es dem Film auch nur geschadet.

Ilona Stamm (85) arbeitet seit über siebzig Jahren in der Stamm Film AG, 
die sie heute auch leitet.

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