Nr. 34/2009 vom 20.08.2009

Einfacher, als im Büro zu sitzen

Der neunzehnjährige Mittelfeldspieler war einer der Leistungsträger der Schweizer U19-Nationalmannschaft, die diesen Sommer an den Europameisterschaften für Aufsehen sorgte. Eine Begegnung mit einem jungen Mann, der wenig Zeit hat.

Von Etrit Hasler

Sport wird viel zu häufig und leichtfertig mit Krieg verglichen. Doch wer an diesem Freitagnachmittag dem gemeinsamen Training des U21-Teams und der ersten Mannschaft des FC Winterthur zusieht, denkt unweigerlich an Kindersoldaten. Schon letzte Saison war es so, dass der Challenge-League-Klub mit der jüngsten Mannschaft aufgelaufen war – ein Resultat der Vereinspolitik, die sich seit einigen Jahren hauptsächlich auf die Ausbildung von jungen Fussballern und weniger auf den wirtschaftlich riskanten Aufstieg konzentriert. In diesem Jahr läuft ein einziger Spieler auf, der mehr als 25 Jahre zusammenbringt: Ex-Aarau-Stürmer und Challenge-League-Legende Rainer Bieli, der schon seit dem ersten Spiel von den Winterthurer Fans nur noch «Fussballgott» gerufen wird.

Doch die WOZ ist nicht für ihn gekommen, sondern für einen, der erst auf dem Weg zum «Gott» ist, und vielleicht darüber hinaus: den thurgauisch-kosovarischen Mittelfeldspieler und U19-Star Amir Abrashi. Vielleicht war es eine Folge des Sommerlochs, dass darüber geschrieben wurde, doch bemerkenswert waren die Resultate allemal: Erstmals seit 2004 qualifizierte sich die Schweizer U19-Nati für die Europameisterschaft, mit einem 2:0-Sieg im letzten Spiel ausgerechnet gegen Spanien – Abrashi gab den Pass zum 1:0. Am Turnier startete die Mannschaft ideal, mit einem Unentschieden gegen England und einem Sieg über Slowenien, die Qualifikation fürs Halbfinal verpasste sie so knapp wie möglich: mit einem 0:1 gegen die Ukraine; das Tor fiel fünf Minuten vor Spielende.

Amir Abrashi stand als einziger Vertreter eines Challenge-League-Klubs im Aufgebot und spielte alle drei Spiele durch. Er sei ein unverzichtbarer Bestandteil der Mannschaft, betont Trainer Claude Ryf; so unverzichtbar, dass derselbe Trainer ihn nur gerade eine Woche später für die U20-Nationalmannschaft und ein Freundschaftsspiel gegen Österreich aufbieten will. Dumm nur, dass auf das Datum des Zusammenzugs auch ein Spiel des FC Winterthur fällt. Da es für die Nati nur um ein Freundschaftsspiel geht und für den Heimverein um die Meisterschaft, reicht ein freundlicher Bittbrief: Abrashi darf in Winterthur aufs Feld.

Aus der Talentschule

Amir Abrashi wuchs in Bischofszell auf und besuchte im ersten Jahrgang 2002 die erste integrierte Talentschule der Schweiz, die Thurgauer Sport-Tagesschule TST in Bürglen. Er ist einer der ersten Schweizer Nachwuchsfussballer, die aus den überall aufspriessenden Talentschulen kommen – einem Versuch, den gestiegenen Anforderungen an zukünftige Profisportler gerecht zu werden. Als Abrashis Familie aus beruflichen Gründen nach Winterthur umzog, wechselte Abrashi in die frisch eröffnete Talentschule in Winterthur-Veltheim.

Während die TST Bürglen als eine der wenigen Talentschulen auf einem integrierten Modell basiert – Pflichtfächer wie Deutsch und Physik morgens, am Nachmittag, wenn die Talente ins Training müssen, verpassen sie «nur» die musischen Fächer –, musste er in Winterthur selbstverantwortlich den verpassten Schulstoff nachholen. Was nicht nur angenehm war: «Sicher war das streng, aber es ging», meint er schmunzelnd. Mit Druck umgehen zu können, ist eine Voraussetzung für diesen Beruf: Derzeit ist Abrashi noch im letzten Jahr seiner Berufslehre als Konstruktionsschlosser bei Chemtech, einer der Firmen, die bei der Aufsplittung des Sulzer-Konzerns entstand. Davor, dass die Belastung, neben der Lehre noch in einer Profimannschaft und in der Nationalmannschaft zu spielen, zu gross wird, hat er keine Angst: «Die Arbeit ist ja körperlich. Wenn ich am Abend noch ins Training muss, bin ich schon warm. Das ist einfacher, als wenn ich den ganzen Tag im Büro sitzen müsste.»

Ein Leben für den Fussball

Viel Zeit für ein Leben abseits des Fussballs bleibt da nicht mehr: Wenn Abrashi einmal frei hat, bleibt er zu Hause. Manchmal schaut er auch da noch Fussball, zum Beispiel ein Spiel mit Arsenal London, seinem Lieblingsverein. Früher sei das noch der FC Barcelona gewesen, doch der englische Fussball entspreche eher dem Stil, den er selber auch spiele: körperbetont, willensstark. Und ja, wie die meisten Fussballer spielt er manchmal auch Playstation, auch wenn es ihn natürlich wurmt, dass der FC Winterthur (und damit er selber) in den Fifa-Spielen nicht auftaucht. Sein bester Freund, wie könnte es anders sein, ist ein Teamkollege – Ermir Lenjani, gleich alt und wie Amir Schweizer mit kosovarischen Wurzeln.

Seine Heimat sei hier, betont er. Damit spielt er auf die Frage an, die seit der Unabhängigkeit des Landes allen kosovarischen Fussballern gestellt wird: ob sie für den Kosovo spielen würden. «Das ist für mich keine Frage. Ich bin hier aufgewachsen und fühle mich als Schweizer.» In Gjakove, von wo seine Eltern stammen, ist er seit fast fünf Jahren nicht mehr gewesen. «Nicht, weil ich da nicht mehr hinwill. Das Land werde ich nicht vergessen», betont er. Nur zeitlich sei das eben schwierig.

Am Montag nach dem Gespräch läuft Abrashi im Winterthur-Dress gegen Kriens auf. Abrashi rennt neunzig Minuten lang, und auch wenn er am Siegestor nicht beteiligt war, freut er sich über den ersten Saisonsieg der Mannschaft. Dann muss er gleich wieder weiter. Er muss am Dienstagmorgen früh losfliegen. Nach Österreich. Der U20-Trainer hat ihn doch noch aufgeboten.

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