Nr. 26/2016 vom 30.06.2016

Hat Sie die Nati als Fan zurückgewonnen?

Mämä Sykora blickt zuversichtlich in die Zukunft der Schweizer Fussballnationalmannschaft, gerade auch wegen ihres Trainers. Ausserdem zeigt ihm die laufende Europameisterschaft, dass die teuerste Liga der Welt keineswegs die beste ist.

Von Jan Jirát und Adrian Riklin (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Mämä Sykora – hier im Blacky-Trikot der Schweizer Nationalmannschaft (frühe neunziger Jahre): «Das Team funktioniert als Mannschaft und verlässt sich nicht auf die Klasse einzelner Spieler.»

WOZ: Mämä Sykora, die Schweizer Nationalmannschaft war nahe dran an der Viertelfinalqualifikation. Am Ende reichte es nicht. Was hat gefehlt?
Mämä Sykora: Glück. Allenfalls könnte man kritisieren, dass die Mannschaft die erste Halbzeit etwas verpennt hat. Ansonsten kann ich ihr keinen Vorwurf machen. Im Gegenteil: Sie hat ganz vieles richtig gemacht und selbst in der Verlängerung offensiv nach vorne gespielt und den Sieg gegen die Polen gesucht. Am Ende hatte sie ganz einfach Pech.

Hat das Team Sie als Fan zurückgewonnen?
Auf jeden Fall. Das war der mit Abstand beste Auftritt seit langem. Es war erfrischend, mit wie viel Ideen, Willen und Vorwärtsdrang das Team gespielt hat.

Um die Zukunft der Nati machen Sie sich keine Sorgen?
Nein, gar nicht. Der Stamm dieser Mannschaft um Spielmacher Granit Xhaka ist sehr jung. Er wird weiter zusammenwachsen und dabei immer erfahrener. Mich überzeugt vor allem das Kollektiv. Das Team funktioniert als Mannschaft und verlässt sich nicht auf die Klasse einzelner Spieler, wie das bei England oder Belgien der Fall ist.

Spricht das für Trainer Vladimir Petkovic?
Petkovic macht einen hervorragenden Job. Das hat diese EM deutlich gezeigt. Erst bei einem grossen Turnier zeigt sich, ob ein Trainer seine Mannschaft prägen kann. Während der Qualifikation sowie bei Freundschaftsspielen sind der Trainer und die Spieler ja jeweils nur wenige Tage zusammen. Das ist viel zu knapp, um eine Handschrift zu erkennen. Diese EM hat verdeutlicht, wie gross der Unterschied zum Fussball unter Petkovics Vorgänger, dem Startrainer Ottmar Hitzfeld, ist: Die Mannschaft wollte selber das Spiel gestalten, statt nur zu reagieren. Und sie verfügte über eine grosse Variabilität. Als die Polen Spielmacher Xhaka weitgehend aus dem Spiel nahmen, schlüpfte teilweise gar der Aussenverteidiger Ricardo Rodriguez in diese Rolle. Petkovic hat die Nati taktisch ausgezeichnet eingestellt.

Reden wir über Island – wo weniger Menschen leben als in der Stadt Zürich. Wie kann es sein, dass Island im Viertelfinal steht?
Da muss ich zunächst mal festhalten, dass sich noch selten eine Mannschaft derart blöd angestellt hat wie der isländische Achtelfinalgegner England. Die Spieler dachten offensichtlich, allein ihre unbestritten höhere individuelle Klasse würde zum Weiterkommen reichen. Einen wirklichen Plan hatten sie aber nicht. Im Gegensatz zu Island, wo jeder Spieler genau wusste, was für eine Rolle er im Kollektiv hatte. Sie haben aus ihren verfügbaren Mitteln das Maximum herausgeholt. Grossartig!

Taktik als Schlüssel zum Erfolg?
Das zeigt dieses Turnier sehr gut, besonders beim Triumph von Italien über Spanien. Spanien hat die individuell besseren Spieler, doch Italiens Coach Antonio Conte hat seine Spieler sehr genau auf den Gegner eingestellt. Er hatte eine klare Vorstellung, wie man die Schwächen des Gegners ausnutzen kann. Cleverness und taktische Reife sind an dieser EM wichtiger als die individuelle Klasse. Und ein Nationaltrainer ist eben doch weitaus mehr als nur ein Aushängeschild, das die besten Spieler des Landes auswählt. Augenfällig war auch, dass die englische Premier League, die teuerste Liga der Welt, keine besonders gute Taktikschule ist. England ist kläglich gescheitert, und auch Belgien, das auf sehr viele Premier-League-Profis setzt, vermochte bislang nicht zu überzeugen und hatte gegen die taktisch überlegenen Italiener keine Chance. Viel herumzurennen und viel Wirbel zu verursachen, das reicht nicht.

Ist mittlerweile Italien – und nicht mehr Frankreich – Ihr Favorit für den Titelgewinn?
Nein. Mittlerweile tendiere ich zu Deutschland, die treffen nun ja im Viertelfinal auf Italien. Die Deutschen sind taktisch variabler als die Spanier, die werden sich von den Italienern nicht derart den Schneid abkaufen lassen.

Wird Frankreich die Isländer stoppen?
Vermutlich. Das hängt auch vom Nervenkostüm der Franzosen ab, die ja im eigenen Land spielen, was zusätzlichen Druck bedeutet. Es war an dieser EM schon mehrmals zu beobachten, dass die besser besetzten Teams sehr gehemmt auftreten gegen konterstarke Teams, die ein schnelles Umschaltspiel pflegen. Die Achtelfinalpartie zwischen Kroatien und Portugal – das schlimmste Fussballspiel seit Jahren – war das Paradebeispiel dafür. Statt auf die eigenen Stärken zu setzen, wollte Kroatien unter allen Umständen das portugiesische Konterspiel unterdrücken. Mit fatalem Ende: Ein einziger erfolgreicher Konter besiegelte das Aus der Kroaten. Das könnte den Franzosen durchaus auch passieren. 2004 ist Griechenland genau aus dem Grund Europameister geworden, weil plötzlich alle Gegner Hemmungen hatten, konsequent auf ihre offensiven Stärken zu setzen.

Mit der EM geht die Fussballsaison zu Ende. Worauf freuen Sie sich am meisten in der neuen Saison?
Ganz klar auf die Challenge League. Ich habe mir schon ein Saisonabo für die Winterthurer Schützenwiese gesichert.

Mämä Sykora (40) freut sich auf die baldige Sommerpause im Fussball. Bereits Mitte Juli beginnt in der Schweiz dann wieder der Ligabetrieb. Die Challenge-League-Saison beginnt übrigens am Montag, dem 25. Juli 2016, um 19.45 Uhr mit dem Schlagerspiel zwischen dem FC Zürich und dem FC Winterthur – leider im Letzigrund.

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