Edouard Wahl : Der Bärtige aus Brissago

Nr.  34 –

Er war Rennfahrer und rasender Reporter in aller Welt. Mittlerweile bewegt sich der nun 86-Jährige etwas langsamer. Aber Edouard Wahl bewegt noch immer – Gemüter, Politiker und Boote.


Als wir ihn zum ersten Mal treffen, an der Landungsstelle in Cannobio, sieht er aus, wie ich mir Kapitän Ahab aus «Moby Dick» vorgestellt habe: weisses, langes Haar, eine schwarze Mütze und von Wind, Regen und Sonne gegerbte Haut. Edouard Wahl hatte von meiner Arbeit zum Thema «Sklaverei» gehört. In Brissago gebe es den Palazzo Branca, erbaut von einer norditalienischen Reederfamilie, dem müsse man nachgehen. Auch sei da die Tabakfabrik Dannemann angesiedelt, und ob ich wüsste, dass von den US-Südstaaten die Schweizer Flagge zum Sklavenhandel missbraucht worden sei?

Der sich da gemeldet hatte, ist 86 Jahre alt. Er verfasst pointierte und satirische Texte zum Zeitgeschehen, rund zweimal die Woche. Meist ist er bis morgens um drei Uhr an der Arbeit. Manchmal weckt er dann seine Frau Eveline, um ihr den neuen Text vorzulesen. Seine Webseite

www.sailport-brissago.ch ist eine Fundgrube kulturgeschichtlichen Wissens. Dass Mussolini 1925 in Brissago an Land ging, um an der Friedenskonferenz von Locarno teilzunehmen! Wie zwei Flüchtlinge in Hemingways «A Farewell to Arms» im Ruderboot in Brissago ankommen und sich auf die Schweizer Gipfeli freuen! Dass seine Frau Eveline an Weihnachten die «Rose von Jericho», jene seit den Kreuzzügen verklärte «Auferstehungsblume», aus dem Kleiderschrank hole. Sein «J’accuse!» gegen den Bürgermeister von Brissago, der dem Weiler Gadero einen Betonparkplatz beschert hat.

Der Metzgerlehrling wird Journalist

Unser zweites Treffen beinhaltet eine Segellektion, die an Land stattfinden muss. Der Nordföhn wühlt das Wasser des Lago Maggiore auf, und der vielleicht älteste Segellehrer der Schweiz erklärt die Knoten der christlichen Seefahrt: «Der Palstek ist etwas aufwendiger, bei Seglern seltener, bei Bergsteigern häufiger. Dort sagt man Bulin (englisch bowline), italienisch heisst er gassa d’amante.»

Beim dritten Treffen lerne ich seine Tradition der Bundesfeier in Gadero kennen, zu der er schon Persönlichkeiten wie die Historiker Jean-François Bergier und Werner Rings, Flüchtlingskaplan Cornelius Koch oder den muslimischen Gemeinderat Hassan El Araby aus Chiasso als Redner hatte gewinnen können. Beim vierten Treffen habe ich endlich einen Block dabei, um «einmal etwas systematisch» das Leben von Edouard Wahl aufzuschreiben. Oder es zumindest zu versuchen.

Edouard Wahl kommt 1923 in Basel zur Welt. Sein Vater hat im Spalenquartier eine Metzgerei, und so macht der Sohn eine Metzgerlehre. Die Fleischhauerei hat es ihm aber nicht angetan, man schickt ihn nach Neuenburg, wo er die Handelsmatura macht – und bilingue wird. In Europa herrscht derweil Krieg, und Edouard macht mit einem Leserbrief gegen Kriegsspielzeug eine erste Schreiberfahrung. Vorbild sind ihm Peter Surawa und die Zeitung «Die Nation». «Ich wäre gerne Jurist geworden», sagt Wahl, aber da habe ihm das Latein gefehlt. So versucht er sich in Nationalökonomie, fühlt sich aber an der Uni ziemlich fremd: «Ich hatte das Gefühl, die anderen schauen auf mich herab.»

Von der «Basler Arbeiterzeitung» bekommt er, der kaum Ahnung von Musik hat, seinen ersten Auftrag: eine Konzertbesprechung von Händels «Wassermusik». Offenbar erfüllt er diesen zur allgemeinen Zufriedenheit: Wahl wird freier Mitarbeiter, wöchentlicher Kolumnist und schreibt als «Kollege Wahl» Gerichtsreportagen, Berichte über die Verhandlungen des Kantonsparlaments und über die Hauptversammlungen der Arbeiterbewegung. Chefredaktor ist Max Wullschleger, eine profilierte Figur der Basler Linken.

Wahl geht zur «Horizonterweiterung» nach Genf und versucht es nochmals mit einem Studium (Geschichte, Französisch), kehrt aber alsbald nach Basel zurück. Seine Tante schenkt ihm eine Lambretta. Der 29-jährige «Aargauer Zeitung»-Journalist soll frühmorgens nicht mehr mit dem Velo zur Arbeit. Der hat aber andere Pläne: Nach Griechenland will er, mit einer Hermes-Baby-Schreibmaschine, einer Leica-Kamera – und einem Vertrag mit dem «Badener Tagblatt». Im August 1952 fährt «unser Reporter unterwegs» los, nach Süden – und hört in Schwyz von der Expedition des Höhlenforschers Bögli, der im Hölloch eingeschlossen sei. Wahl biegt ins Muotatal ab. Als die befreiten Forscher im «Höllgrotten» tafeln, bietet er sich kurzerhand als Kellner an und kommt beim Spaghetti-Servieren mit den Geretteten ins Gespräch. Er kann als erster Journalist exklusiv für die NZZ und die Agentur Reuters über das Drama berichten.

Weiter geht es dann über Triest nach Jugoslawien. Er ist in Belgrad, als im März 1953 die Nachricht vom Tod Stalins eintrifft, und schildert die Stimmung in der Stadt. In Griechenland schreibt er über die Athos-Mönchsklöster im Mondschein und den Eintrag eines Schutzstaffel-Offiziers im klösterlichen Gästebuch. Aus Nordgriechenland berichtet er über Nato-Manöver und erreicht dann mit der Lambretta Istanbul. Dort verkauft ihm ein Reporter von Radio Genf ein Tonbandgerät samt Kurbel. Wahl ist jetzt auch noch Radiojournalist fürs «Echo der Zeit».

Abessinien, Äthiopien, Eritrea

Aus der geplanten Griechenlandreise via Muotathal wird – von zwei Heimataufenthalten unterbrochen – eine siebenjährige Zeit als Reporter, der in die Welt geschickt wird, dahin, wo es brennt. Wahl berichtet vom Zypernkonflikt. Wahl schreibt im September 1955 über das antigriechische Pogrom in Istanbul, wo Hunderttausende durch die Strassen ziehen und es zu Morden, Vergewaltigungen und Verwüstungen kommt. Wahl reist nach Neapel und verfolgt die dort beschlossene Aufhebung der Bordelle. Wahl lernt in Athen die Basler Gouvernante der Königskinder kennen. Wahl wird in den Libanon geschickt. Wahl fotografiert Schnee in Istanbul. Wahl schreibt aus Damaskus. Er wohnt nun in billigen Hotels und nicht mehr im Zelt. Statt mit seiner Lambretta reist er mit dem Flugzeug, und wenn es eilt, gibt er Filme und Tonbänder auch mal einem Swissair-Piloten mit.

Dann kommt Ende 1955 der Auftrag, über den 25. Jahrestag der Thronbesteigung Haile Selassies zu berichten. Wahl kauft sich in Basel einen gebrauchten Frack und Lackschuhe, fliegt in die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba und kann ein persönliches Interview mit dem Negus führen. «Ich musste rückwärts aus dem Empfangszimmer gehen», erinnert er sich, «und die neuen Schuhe schmerzten fürchterlich!»

Er bleibt ein ganzes Jahr in Ostafrika, weil ihn die Region fasziniert und er sich an Berichte vom Abessinienkrieg erinnert, die er als Zwölfjähriger in der Zeitung las. Auch 54 Jahre später – heute – erinnert er sich wieder an diese Region, als er hört, dass es in Brissago Spannungen zwischen eritreischen Asylbewerbern und den Schweizern gebe. Zusammen mit Eveline organisiert er im Frühling kurzerhand einen Vortragsabend über die Geschichte Eritreas und bringt so zumindest einige Leute der beiden Seiten zusammen. Er habe die Eritreer auch an den 1. August eingeladen, erzählt er, und er sei gespannt, ob sie kommen. Schon am 2. August findet man die Antwort als Foto auf seiner Website: Der weisshaarige Wahl sitzt friedlich neben zwei dunkelhäutigen Bundesfeierbesuchern vor dem Kirchlein von Gadero und lauscht der Musik.

US-Vizepräsident Richard Nixon 1957 auf Staatsbesuch in Khartum (wo Wahl Autofahren lernt), der Versuch eines Interviews im Jahr 1974 mit dem inhaftierten Haile Selassie in Addis Abeba ein Jahr vor dessen Tod – Wahl macht kein grosses Aufhebens, wenn er über sein Reporterleben erzählt. Nur einmal wirkt er sehr bewegt, als er sich an die Berichterstattung über die Niederschlagung eines Aufstands gegen die britische Kolonialmacht im Jemen erinnert. Im Kontext der Suezkrise griffen die Freien Jemeniten eine britische Patrouille an, und die in Aden stationierten Reporter wurden eingeladen, die als Vergeltung beschlossene Zerstörung eines Dorfes vom Flugzeug aus zu beobachten. Wahl fragte die Briten, was mit den Alten und Kranken sei, ob man denen genügend Zeit gegeben habe, das Dorf zu verlassen. «Als ich dann den Rauch über dem Dorf aufsteigen sah, da musste ich weinen», sagt er.

Fünfzehn Jahre «Blick»

Beim Schreiben über Edouard Wahl geht es einem wie beim Zuhören: Hätte man tagelang Zeit, würde man nachfragen und ins Detail gehen. Und hätte man viele Seiten, könnte man Klammern aufmachen und weitere Geschichten erzählen über den Mann, der in einem Moment so alt aussieht, wie er ist, und dann plötzlich wieder so jugendlich-verschmitzt dreinschaut. So aber heisst es Abkürzen, beim Zuhören und beim Schreiben: Wahl schreibt ein Buch über den Assuan-Konflikt, hält Vorträge, wird an einer Demo in Basel als vermeintlicher Organisator verhaftet. «Da wollte die NZZ plötzlich nichts mehr von mir drucken», stellt er ohne besondere Bitterkeit fest.

Für den «Nebelspalter» schreibt er noch satirische Gedichte und bekommt 1959 vom neu gegründeten «Blick» als Leiter der Redaktion Basel die erste Festanstellung seines Lebens. Fünfzehn Jahre schreibt er für den «Blick», zuerst aus Basel, dann aus der Bundesstadtredaktion, dann wieder aus Basel. Schliesslich soll er die Tessin-Redaktion aufbauen.

Inzwischen ist der weit über Vierzigjährige auch Formel-III-Autorennfahrer. Er habe damit nach einem Kurs «Be a Gentleman Driver» angefangen. Ihn interessiert das Risiko, die Kollegialität, das «Rittertum». Er fährt am liebsten Bergrennen und merkt bald, dass die künftigen Grand-Prix-Asse nicht wie Gentlemen fahren. «Deren Namen musst du nicht schreiben», lautet der für ihn typische Nachsatz. Nach vier Jahren und zwei glimpflichen Unfällen will Edouard Wahl in Novarra seinen Motor frisieren lassen. Als er in der Werkstätte warten muss, weil Rennstar Clay Regazzoni zuerst bedient wird, erinnert er sich an ein Inserat, das er in Ascona gelesen hat: «Haus in Gadero zu verkaufen». Er entscheidet sich für ein neues Risiko und kauft es. Den Berufsjournalismus gibt er auf, fängt an zu segeln und überquert mit seinem Boot den Atlantik, von den Kanarischen Inseln nach Barbados. Aber das wäre schon wieder eine andere Geschichte.

Wer auf ein derart reiches Leben zurückblickt, möchte vielleicht auch einmal zur Ruhe kommen. Nicht aber Edouard Wahl. Für die freie Liste «Farsi Coraggio», die die Jakobinermütze als Emblem hat, sitzt er seit dreizehn Jahren im Gemeinderat von Brissago, ein Stachel im Fleisch des gleichzeitig behäbigen und krämerhaft-umtriebigen Bürgertums. Und auf die Strasse geht er immer noch: Am vergangenen 6. August stand Wahl wie jedes Jahr mit Bewilligung der Behörden auf der Piazza Municipio und erinnerte mit einem Plakat an die Atombombenabwürfe auf Japan. Ausserdem geht es darum, zu verhindern, dass die Durchgangsstrasse durch Brissago für Vierzigtönner geöffnet wird – auch dafür setzt er sich ein. Ach ja, und dann gilt es auch für nächstes Jahr wieder einen 1.-August-Redner zu finden. Edouard Wahl ist bereits mitten in der Organisation.