Nr. 37/2014 vom 11.09.2014

Jenseits von Addis

Als die Hauptstadt von Äthiopien zu swingen begann, hätte niemand gedacht, dass sich Ethio-Jazz zu einem globalen Trend ausweiten würde. Mit der Gruppe Kazanchis hat der transkulturelle Stilmix auch einen Ableger in Zürich.

Von Christoph Wagner

Ethio-Jazz aus Zürich: Kazanchis mit dem Krarmeister Mèssèlè Asmamaw (Zweiter von rechts).

Er ist fast achtzigjährig, aber bis heute tritt er regelmässig in der Sunset Bar des Sheraton Hotels von Addis Abeba auf: Der Saxofonist Gétatchèw Mèkurya ist ein Veteran der Swingin’-Addis-Szene der siebziger Jahre, die damals in den Nachtclubs der äthiopischen Hauptstadt für Furore sorgte. Musiker wie Mèkurya oder der Vibrafonist Mulatu Astatke vermengten Jazz und Funk mit traditionellen Melodien zu einem afropsychedelischen Mix, der als «Sahara Swing» oder «Ethio-Jazz» bezeichnet wurde.

Seit der Jahrtausendwende lässt das französische Label Buda mit einer Reissue-Reihe namens «Éthiopiques» die Erinnerung an das «Goldene Zeitalter der äthiopischen Musik» wieder aufleben. Dort ist auch «Negus of Ethiopian Sax» (König des äthiopischen Saxofons) erschienen: eine Wiederveröffentlichung von Gétatchèw Mèkuryas gleichnamigem Album von 1970, das heute als Meilenstein des Genres gilt. Abgeschnitten von westlichen Einflüssen und ohne Kenntnis des Freejazz von Ornette Coleman oder Albert Ayler, hatte der Saxofonist zu einer ganz eigenen modernen Jazzspielweise gefunden – mit rauem Ton und expressiver Kraft.

Grosser Hunger nach Neuem

Die «Éthiopiques»-Reissues machten den Jazzveteranen Mèkurya über sein Heimatland hinaus bekannt und stiessen gerade bei einem jungen Publikum auf offene Ohren. So auch bei der Post-Punk-Band The Ex aus Amsterdam, die den Saxofonisten bald zu gemeinsamen Auftritten nach Europa und in die USA einlud. Auf diese Weise trug Mèkurya zum Comeback des «Addis Sounds» bei, ein Revival, das zusätzlich befeuert wurde, als Mulatu Astatke ein paar Stücke zum Soundtrack von Jim Jarmuschs Film «Broken Flowers» (2005) beisteuerte.

Bei den Tourneen von The Ex mit Gétatchèw Mèkurya sass der Wahlzürcher Jeroen Visser am Mischpult, und der Toningenieur und Musiker geriet mehr und mehr in den Bann der äthiopischen Klänge. Nicht lange, und der Holländer, der seit Mitte der neunziger Jahre in Zürich lebt, sass im Flugzeug nach Addis Abeba. «Die Energie, die die Musik dort ausstrahlt, hat mich sofort begeistert», erzählt Visser. «Sie erinnerte mich an die Punkszene der achtziger Jahre in Holland.»

Der Keyboarder und Baritonsaxofonist tauchte in die fremde Klangwelt ein und vertiefte sich in die pentatonischen Tonleitern. «Die traditionelle Musik klingt beim ersten Hören recht einfach», bemerkt er. «Aber um sie spielen zu können, muss man ihre Mehrschichtigkeit verstehen.» Bei einer Jamsession traf Visser auf Mèssèlè Asmamaw, einen Meister der Krar, der äthiopischen Leier. Das Zusammenspiel klappte auf Anhieb so gut, dass man beschloss, gemeinsam unter dem Bandnamen Kazanchis weiterzumachen – eine Reverenz an das Viertel, in dem die Musikszene in Addis Abeba zu Hause ist. «Es gibt unter den Musikern hier einen grossen Hunger nach Neuem», erzählt Visser. «Inspiration von aussen wird als Bereicherung empfunden.»

Kazanchis blieb kein Einzelfall. Weltweit liessen sich Musiker vom Ethio-Jazz anstecken: In London richtete die Gruppe Heliocentrics um den Drummer Malcolm Catto ihren Kompass Richtung Äthiopien aus und lud Mulatu Astatke zur Zusammenarbeit ein. In Genf verfiel das Imperial Tiger Orchestra dem Zauber der exotischen Klänge, in Paris die Formationen Akalé Wubé sowie Les Frères Smith und in New York die Band Zafari. Selbst im australischen Adelaide liess sich das Ensemble The Shaolin Afronauts vom Abyssinie Swing begeistern.

Während Kazanchis traditionelle Klänge mit wilden Improvisationen mischen, sind für Karl Hector & The Malcouns die fremdartigen Sounds nur eine weitere Zutat in einem Mix aus Funk, Krautrock, Jazz und Afrobeat. «Wir leben in einer globalen Zivilisation, wo im Internet die Kultur des gesamten Planeten zusammenfliesst», erklärt Jan Weissenfeldt, Gitarrist und Bandleader der Münchner Formation. «Diese Situation spiegelt sich in unserer Musik wider, die sich aus vielerlei Quellen speist. Sie ist ein Querschnitt durch die Sounds der ganzen Welt!»

Comeback der alten Orgeln

Unter dem Pseudonym J. J. Whitefield ist Weissenfeldt auch im Woima Collective aktiv, der Zweigstelle des Ethio-Jazz in Berlin. Die Band, die schon mal knapp ein Dutzend Musiker umfassen kann, wird von Johannes Schleiermacher geleitet. Der Jazzsaxofonist gründete das Ensemble, um die Töne hörbar zu machen, die ihm auf einer Reise durch Marokko, Guinea, Mali und den Senegal zugeflogen waren. «Immer wenn ich Zeit hatte, setzte ich mich irgendwo in den Schatten und schrieb Melodien und Klänge auf, um die Stimmung und Geräusche der Umgebung einzufangen», erzählt Schleiermacher. 2010 erschien das Debütalbum des Woima Collectives, an das die aktuelle Platte «Frou Frou Rokko» nahtlos anschliesst.

Und plötzlich steht das alte Instrumentarium wieder hoch im Kurs. Billige Farfisa-Orgeln, wie sie in den siebziger Jahren in Addis Abeba zu haben waren, erleben in der Ethio-Szene eine Renaissance, ebenso das Clavinet der Firma Hohner aus dem Schwarzwald, ein elektrisches Keyboard, das über amerikanischen Funk und Soul à la Stevie Wonder seinen Weg nach Ostafrika fand.

Die Welt des Ethio-Jazz ist in Vinyl gepresst. Die originalen Scheiben aus den siebziger Jahren haben sich mittlerweile zu heiss begehrten Sammlerobjekten entwickelt, die zu horrenden Preisen die BesitzerInnen wechseln. Wer weniger puristisch ist, kann sie allerdings auch als Neupressungen erwerben. Auch Kazanchis, Karl Hector & The Malcouns und das Woima Collective bringen ihre Platten auf Vinyl heraus, die Grenzen zur DJ-Kultur sind fliessend. Oft treten die Gruppen bei gemeinsamen Clubnächten mit DJs auf, wo Afrobeats und Rare Grooves auf dem Programm stehen.

Die Vielfalt an Einflüssen macht den Ethio-Jazz zu einer aufregenden transkulturellen Hybridform, die wie Reggae, Ska oder Salsa das Zeug hat, eine eigenständige Gattung mit weltweitem Appeal zu werden. Jazz, Funk und psychedelische Sounds der siebziger Jahre verleihen der Addis-Musik eine vertraute Komponente, die durch die exotische Melodik an neuer Frische gewinnt – und an Aktualität.

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