Nr. 35/2009 vom 27.08.2009

Immer und ewig Chester Himes

Von Raphael Zehnder

Der US-Krimiautor Chester Himes (1909–1984) ist ein Meister der Spannung. Seine Biografie ist prall: Er brach sein Studium ab, weil er lieber ins Bordell und in die Kneipe ging als in den Hörsaal; wegen eines Raubüberfalls sass er acht Jahre im Gefängnis; er wurde kommunistischer Umtriebe verdächtigt; 1953 siedelte er nach Paris über; er wurde immer radikaler und glaubte nicht mehr, dass sich die Rassenungleichheit in den USA friedlich beseitigen liesse.

Schon in den ersten Romanen seines Harlem-Zyklus entwickelte er eine Szenerie afroamerikanischen Lebens, wie sie brutaler nicht sein könnte: «Die Geldmacher von Harlem» etwa, 1957 auf Englisch erschienen und mit zwei weiteren Romanen in einem neu herausgegebenen Sammelband enthalten, ist die Geschichte eines schwarzen Simpels namens Jackson, der sich in die schöne Imabelle verliebt. Über sie gerät er an eine Bande, die ihm Zehndollarscheine in Hunderter zu verwandeln verspricht. Jackson kratzt sein ganzes Geld zusammen und geht seinem Chef, dem Bestatter H. Exodus Clay, an den Tresor. Der gottesfürchtige Jackson verliert natürlich alles. Die schöne Imabelle besitzt eine Truhe voller Golderz, an deren Inhalt sich der Geprellte nun schadlos halten will. So versinkt er immer weiter in Harlems kriminellem Sumpf, dem bloss die Polizisten Coffin Ed Johnson und Grave Digger Jones mit ihren riesigen Kanonen die Stirn zu bieten vermögen.

In Chester Himes’ O-Ton: «Unter dieser Oberfläche [der Hausdächer], in den trüben Wassern stinkender Wohnungen, zuckt eine Stadt schwarzer Menschen in verzweifeltem Lebensdrang und schnappt wie Millionen hungriger kannibalischer Fische. Blinde Münder fressen an ihren eigenen Gedärmen. Steck eine Hand hinein, und du ziehst einen Stumpf heraus. Das ist Harlem.» Das Genre Krimi spricht ja in guten Momenten viel Wahres aus. Bei Chester Himes dauern diese guten Momente Hunderte von Seiten.

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