Nr. 36/2009 vom 03.09.2009

Voralpenbummler

Von Armin Köhli

Die Schwägalp müsste nicht sein. Denn scheint auch nur halbwegs die Sonne, dröhnen und röhren und heulen dort die Verbrennungsmotoren von Zwei- und Vierrädern aller Art, dass es keine Freude mehr ist. Es gibt wahrlich eine schönere Route vom Appenzell ins obere Toggenburg: von Urnäsch via Bächli–Hemberg–Bendel nach Nesslau. Ausser der kurzen Steigung zum Hemberg ist diese Strecke weitgehend verkehrsfrei, und die Fahrt über Scherb und Bendel ist schlicht bezaubernd.

Sonst aber ist Dres Balmers’ Route «mit dem Velo vom Bodensee zum Genfersee» gut gewählt. Richtige Gümmeler allerdings dürften oft einen anderen, verkehrsreicheren Weg wählen, um den Abschnitten mit Naturstrassen auszuweichen. Ein Tourenrad oder mindestens entsprechende Pneus sind also Voraussetzung für diese Tour – aber das ist ja auch Sinn der Sache: auf weitgehend unbekannten Pässen und Strässchen die Schweiz zu queren und diese meist abgelegenen Gebiete kennenzulernen. Wofür richtige Gümmeler einfach keine Zeit haben.

Die Tipps für Besichtigungen sowie die dörflichen und gesamteidgenössischen Geschichten in «querpass» frischen das Verständnis der helvetischen Geschichte auf. Halb Erinnertes, ungefähr Gewusstes, ganz Vergessenes: Dres Balmer hilft und erzählt von Schweizer Militärflugzeugen wie den zwei im Bodensee versunkenen Düsenjägern P-16 und den abgebrannten Pilatus-Portern in Stans; von Flüeli-Ranft und Rütli; von Winkelried, Suworow und Napoleon.

Da zeigt sich, wie prägend Krieg und Militär bis in die jüngste Zeit für dieses Land waren. Die «querpass»-Route streift Etappe um Etappe die nördlichen Ausläufer des Réduit, Festungsbauten und immer noch nicht ausgemusterte Waffenplätze. Überhaupt, wie dankbar dürfen wir VelofahrerInnen den Militärs sein! Von den im Buch beschriebenen kleinen und mittleren Pässen wurden mindestens fünf für die Armee gebaut: Vorder Höhi, Pragelpass, Ächerlipass, Jaunpass und die Strasse durch das Hongrintal zum Übergang ins Rhonetal.

Doch keine Angst: «querpass» ist kein militärhistorischer Veloführer. Das Buch berichtet auch von der Berner Bäderkultur und ihren Ausschweifungen, von Holzhäusern, Überschwemmungen, Käsereien und Tourismus. Manchmal scheint die Auswahl etwas zufällig, und Balmers Märchenonkelstil mag man, oder man mag ihn nicht. Jedenfalls finden auch VelofahrerInnen, die die Schweiz gut kennen, neue Ideen für schräge Routen durch die Voralpen. Und dafür, dass immer wieder das Militär auftaucht, dafür kann Balmer wirklich nichts. So ist sie halt immer noch, die Schweiz.

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