Nr. 37/2009 vom 10.09.2009

«Binz bleibt Binz»

An der Üetlibergstrasse 113 in Zürich haben HausbesetzerInnen in den letzten drei Jahren aus alten Fabrikhallen eine farbenprächtige Oase geschaffen. Im Herbst hätte sie der Kanton Zürich abbrechen wollen. Doch jetzt dürfen die BesetzerInnen wohl bleiben – vorläufig.

Von Sina Bühler

Jetzt atmen sie schon etwas auf. Das Pling einer neuen E-Mail klingt aus dem Laptop, mit einer Information des kantonalen Immobilienamtes. Von dem hatten die BesetzerInnen der Zürcher Binz in den letzten Monaten nicht viel Gutes für ihre Zukunft in den zwei Fabrikhallen gehört. Diesmal ist es anders: «Binz bleibt Binz», so, wie es der Slogan der BesetzerInnen verlangt.
Die Fabrikgebäude an der Üetlibergstrasse hätten am 1. November abgerissen werden sollen. Das geschieht voraussichtlich erst mal nicht. Die BesetzerInnen dürfen bleiben, zumindest bis zum Juli 2010. Allerdings ist die vorläufige Frist an Bedingungen geknüpft, auf die die BesetzerInnen jetzt reagieren müssen: Es geht um eine Kaution und um die Zusicherung, das Areal per Ende Juli 2010 zu verlassen. «Was natürlich nicht unseren Forderungen entspricht», sagt Andrea, eine der Binz-BewohnerInnen. Sie hätten das Areal bis Baubeginn eines neuen Projekts nutzen wollen.
Aber zuerst hatte es viel weniger gut ausgesehen: Am 9. April dieses Jahres stand es einfach so im Amtsblatt, ohne dass die BewohnerInnen der Binz informiert worden waren: Unter dem Titel «Submission, Fabrikgebäude Üetliberstrasse bei 113, 8045 Zürich, Abbruch» verlangte der Kanton Zürich, der Arealbesitzer, eine Bewilligung für den Abriss der Binz.

Bohren durch die Hallen

Die über hundertjährigen Fabrikgebäude an der Üetlibergstrasse sind heute eine farbenprächtige Oase: Hier proben Theatergruppen, dort wird ein Auto poliert, da Velos geflickt, es gibt einen Boxklub, und vor allem gibt es viele Menschen, die hier gemeinsam leben: In selbst gebauten Zimmern, die über wackelige Holzstege erreichbar sind, und in ausrangierten Bau- und Zirkuswagen.
Vor drei Jahren hatte die Stadt Zürich das Gelände leihweise vom Kanton übernommen. Am 1. Juli dieses Jahres ging es an den Kanton zurück – und der will schnell vorwärtsmachen, plant, den Boden im Baurecht zu verkaufen. Um KäuferInnen zu finden, sagen die Behörden aber, müsse der Boden zuerst von Schwermetallen befreit werden – das Gelände ist im Altlastenkataster verzeichnet. Das könnten zwar zukünftige Baurechtsnehmende tun, doch der Kanton will das selbst vornehmen.
Das ist für die BesetzerInnen bedeutsam: Ein vom Kanton beauftragter Geologe urteilt nämlich, die notwendigen Bodenproben könnten erst nach dem Abriss aller Gebäude entnommen werden. Die BesetzerInnen zweifeln das an, beauftragen einen eigenen Geologen mit der Abklärung, ob nicht auch sondiert werden könne, solange die Häuser noch stehen, was dieser bestätigt.
Nach einigen Wochen hat sich auch das Immobilienamt davon überzeugen lassen. Dessen Leiter, Thomas Maurer, sagt: «Nach einem Gespräch mit dem Geologen der Besetzer ist nun auch unser geotechnisches Büro der Auffassung, dass die abfallrechtliche Untersuchung des Bodens ohne Abbruch der Halle gemacht werden kann.» Deshalb habe die Baudirektion des Kantons Zürich beschlossen, auf den Vorschlag der BesetzerInnen einzutreten und die Gebäude erst abzubrechen, wenn klar sei, wer der neue Baurechtsnehmer sei und was mit dem Grundstück passiere. Zurzeit stehe die Abgabe im Baurecht an einen privaten Investor im Vordergrund, zum Beispiel für Wohnungsbau und Gewerbe. «In den letzten Wochen sind aber auch Bedürfnisse der Verwaltung aufgetaucht, die mit diesem Gelände allenfalls gelöst werden könnten», sagt Thomas Maurer.

Ein Gefängnis

Es gab schon öfter Unklarheiten, was das Schicksal der Binz angeht. Deren Geschichte ist eine einzige Serie von behördlichen Umplanungen und hastig ausgesprochenen Kündigungen. Gespräche mit ehemaligen MieterInnen, alte Briefe, Dokumente und Zeitungsartikel ermöglichen, die Geschichte des Binz-Areals zusammenzutragen:
Im Jahr 1983 übernimmt der Kanton Zürich das Gelände aus dem Nachlass der Color Metal Aktiengesellschaft, die Altlasten stammen aber noch von einer Metallgiesserei, die früher dort war. Der Kanton will hier ein Bezirksgefängnis bauen. Was aber im Vorfeld nicht bedacht wird: Der Standort ist nicht zonenkonform, in der Binz darf kein Gefängnis stehen. Der Zonenplan blockiert den Bau jahrelang. Als sich in den darauffolgenden Jahren verschiedene Leute melden, die einzelne Teile der Hallen als Ateliers, Lagerhallen und als Garage nutzen möchten, stimmen die Behörden zu. Die Hallen werden vom Kanton ja nicht mehr gebraucht, das Thema «Gefängnisbau» ist inzwischen ganz vom Tisch. Der Kanton plant um.
Bald darauf erreicht ein erstes Kündigungsschreiben die damaligen MieterInnen: «Wir beabsichtigen die Mietverträge per 30. September 1993 zu kündigen.» Die Heizung könne nicht saniert werden, und ohne Heizung könne das Areal nicht vermietet werden. In dieser Zeit werden auch erste Bodenproben entnommen, man vermutet, dass Schwermetalle unter der Fabrik liegen. Die Bohrlöcher sind heute noch zu sehen.
Nach einer Intervention der damaligen MieterInnen ändern die Verantwortlichen ihre Meinung und vermieten weiter. Die grossen Hallen werden für temporäre Zwecke vermietet, als Drehkulisse oder auch als Lager für Theaterkulissen. 1999 werden Teile der kantonalen Liegenschaftsverwaltung privatisiert. Nun wird grossflächig vermietet: an Granitschneider, Garagisten und Speditionsunternehmen.
Eine Weile geht das gut, dann wird dem Vermieter klar, dass Geld fehlt: Die Nebenkosten wurden pauschal abgerechnet, die effektiven Kosten übersteigen die Einnahmen aber. Ein weiteres Kündigungsschreiben folgt: «Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass sämtliche Mietverträge per 30. April 2003 gekündigt werden müssen.» Nach der Heizung werde nun auch die Stromversorgung abgestellt. Die MieterInnen wenden sich an die Schlichtungsstelle und erreichen eine Mieterstreckung bis Ende April 2006, danach soll abgebrochen werden.
Es kommt anders, die Binz bleibt weiterhin stehen. Ab 2006 leiht sich die Stadt die Fabrikgebäude für ein Skate- und Bikepark-Provisorium. Die BesetzerInnen waren damals schon da.
«Einen halben Tag nach dem Auszug der letzten Mieter haben wir die Hallen besetzt», sagt Andrea, die von Anfang an dabei war. Seit drei Jahren wohnt sie nun hier, in der Zeit ist nicht nur der Wagenpark der Binz gewachsen. «Hier hat sich ein ganz eigenes Leben entwickelt, eine einzigartige Form für uns. Wenn die Binz abgebrochen wird, bevor ein neues Projekt feststeht, befürchten wir eine jahrelange Baubrache», sagt sie. Angesichts der akuten Wohnungsnot in der Stadt Zürich sei das für sie eine Provokation. Es scheint so, als sei der Wohnraum jetzt zumindest für ein weiteres Jahr gesichert.

www.binzbleibtbinz.ch

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