Nr. 40/2009 vom 01.10.2009

Du sollst nicht «Arschloch» sagen

Zehn Kinder mit Migrationshintergrund, die Gleichaltrige ausraubten, wurden im Sommer verhaftet – in Winterthur. Ein besonders hartes Pflaster für Jugendliche?

Von Alice Kohli

«Winti ist geiler als Zürich», sagt Maho stolz. «Die geilste Stadt, die es in der Schweiz gibt.» Maho, achtzehn Jahre alt, sitzt im ersten Stock des Jugendhauses Winterthur im Flur. Er hat ein hübsches Gesicht mit weichen Zügen und akkurat gestutztem Bärtchen. Auf einem Computerbildschirm läuft eine Szene aus einem Boxkampf. Maho weiss nicht viel über die Kinderbande, die im August dieses Jahres für Schlagzeilen sorgte. «Die wollten einfach Anerkennung», meint er und zuckt mit den Schultern. «Sie wollten die krassen Typen spielen.»

Seit sechs Jahren kommt Maho, dessen Familie aus Kurdistan stammt, regelmässig ins Jugendhaus an der Steinberggasse 31, mitten in der beschaulichen Winterthurer Altstadt. Damals, mit zwölf, hätte er eigentlich noch keinen Zutritt gehabt. Das Jugendhaus definiert sich als «Treffangebot für Jugendliche und junge Erwachsene von 16 bis und mit 25 Jahren». Es kommt aber immer wieder vor, dass sich Jüngere hier blicken lassen. Auch manche Mitglieder der berüchtigten Kindergang.

Raus mit diesem Pack!

Bekannt wurde der Fall der Kinderbande durch den «Sonntag», die Sonntagszeitung mit Sitz in Baden im Aargau. Sie druckte Polizeiaufnahmen der zehn Kinder mitsamt ihren Vornamen ab. Zu den Gangsterfotos stellte sie einen grossen Kasten mit dem Titel: «Mehrheit der Täter sind Ausländer». Vier Kuchendiagramme zeigten den statistischen Ausländeranteil bei Delikten wie Mord, Körperverletzung, Raub und Vergewaltigung. Es war eine wahnwitzige Verbindung, diejenige zwischen kleinkriminellen Jugendlichen und der polizeilichen Kriminalstatistik über Schwerverbrecher – aber sie sass.

Die Volksseele kochte, als die Mitglieder der Kindergang zu einer Strafe von maximal zehn Tagen gemeinnütziger Arbeit verknurrt wurden. «Ausschaffen, mitsamt der ganzen Familie!» und: «Raus mit diesem Pack» forderten Forumsschreiber auf «Blick Online». Manche wünschten sich sogar gleich selbst ins Mittelalter zurück: «In anderen Ländern werden solche Kinder hart bestraft oder erschossen», schrieb ein Chris Kuster aus Zürich im «Blick»-Forum. «Und wir? Zehn Tage Arbeit in einer Gärtnerei ... Soll das ein Witz sein?»

Maho begreift die Aufregung nicht. «Der Richter hat das so entschieden – was will man da noch gross dazu sagen? Die Schweiz ist schliesslich ein demokratisches Land und selbst für ihre Gesetze verantwortlich.» Die kriminellen Kinder kann hier keiner der Besucher im Jugendhaus richtig ernst nehmen. Obwohl sie wahllos Jugendliche angegriffen und sie in manchen Fällen auch mit Messern bedroht hatten. Seit Anfang der neunziger Jahre zeigt die Kurve der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den Kriminalstatistiken steil nach oben.

Was sich nicht nach oben entwickelt hat, sind die tatsächlichen Opfer- und Täterzahlen. Das geben Forscher des Pädagogischen Instituts Zürich zu bedenken, die eine repräsentative Umfrage unter Neuntklässlern im Kanton Zürich durchgeführt hatten. Der Unterschied zur Polizeistatistik ergebe sich aus einer erhöhten Anzeigerate. Eltern und Lehrer rieten heute zunehmend zur Anzeigeerstattung, so das Fazit der Forscher. Das macht die Taten selbstverständlich nicht weniger schlimm – aber weniger spektakulär. Die Jugendkriminalität explodiert nicht, sondern sie ist ein Problem, für das schon seit langem nicht wirklich an einer Lösung gearbeitet wird. Dabei wurden die möglichen Ursachen für Gewaltverhalten schon in unzähligen Studien runtergebetet: Die Herkunft aus benachteiligten, bildungsfernen Schichten, eine verstaubte Männlichkeitsvorstellung, raue Gruppendynamik.

Die Kunst des Händeschüttelns

Abseits der Medienhysterie wird im Jugendhaus nüchtern an diesen Ursachen gearbeitet. Natürlich wisse er, dass einige seiner Gäste Kleinkriminelle seien, sagt Jugendarbeiter Siro Torresan. «Unser Haus ist sehr niederschwellig.» Die meisten Besucher des Jugendhauses sind Stammgäste. Und die Jugendlichen kommen gerne hierher, auch wenn manchmal was geklaut wird. «Hier sind schon viele Handys verschwunden», sagt Leutrim, der sich auf ein schwarzes Ledersofa im Jugendhauscafé fläzt. Bei schwereren Vergehen, zum Beispiel wenn einer das Kioskkässeli klaut, ordnet Siro Torresan auch mal eine «Denkpause» an, ein befristetes Hausverbot. Nach Monatsfrist wird dann aufgrund eines gemeinsamen Gesprächs entschieden, ob das Hausverbot wieder aufgehoben wird. «Wir arbeiten nicht mit starren Regeln. Sondern mit unseren drei Grundwerten Toleranz, Respekt und Verantwortung.»

Die Jugendarbeiter versuchen, ihren Schützlingen einen möglichst prall gefüllten Rucksack auf den Weg ins Erwachsenenleben mitzugeben. Ein gesundes Konsumverhalten, Beziehungsfähigkeit, Ethik und Moral. Gewalt – auch verbal – wird nicht toleriert. «Sie sollen zum Beispiel nicht ‹Arschloch› sagen», findet Siro Torresan. Oft führen die Betreuer mit den Jugendlichen Gespräche. Darin geht es um Job- und Beziehungsprobleme – aber auch um sehr alltägliche Dinge, wie das richtige Händeschütteln beim Bewerbungsgespräch. «Die Jugendlichen müssen lernen, dass man sich dabei in die Augen sieht», sagt Torresan.

Zwei Brezeln und ein Bitte!

An die vierzig Bewerbungen hat Haxhi hier im Jugendhaus schon geschrieben. Der Zwanzigjährige ist sichtlich froh um die Hilfe. Auch bei finanziellen Problemen stünden ihm die Jugendarbeiter bei. «Also, natürlich nicht, dass sie mir Geld geben», stellt er umgehend klar. Haxhi dürfe manchmal am Kiosk arbeiten, für elf Franken pro Stunde. Der Kiosk – ein kleines Fensterchen im Jugendhauscafé, dahinter eine kleine Küche – hat Snacks und Softdrinks im Angebot. Auf Bestellung schiebt Haxhi auch mal eine Pizza in den Ofen. Bei Schichtende leert er die Aschenbecher und wischt den Boden.

Haxhi sucht einen Ausbildungsplatz, an dem er seine Kochlehre fortsetzen kann. Nach der Schule konnte er eine Anlehre machen. Besonders gute Voraussetzungen für einen Job hat er nicht. Obwohl der gebürtige Kosovare in Deutschland «aufgewachsen worden» ist, waren seine Deutschkenntnisse für die reguläre Oberstufe zu schwach. Er schloss in einer Kleinklasse die Sonderschule ab. «Wir sind eben viel herumgereist», versucht Haxhi seinen schulischen Misserfolg zu erklären. Kindergarten in Deutschland, Unterstufe in Italien, dann wieder nach Deutschland und schliesslich in die Schweiz. «Du musst schon sagen, dass ihr Flüchtlinge wart», wirft Jugendarbeiter Matthias Tobler vom Nebentisch ein. Haxhi blickt etwas unsicher auf. «Flüchtling» ist nicht sein Lieblingsattribut.

«Viele Jugendliche, die hierherkommen, werden von der Gesellschaft nicht gebraucht», sagt Matthias Tobler. «Das ist eine Form von struktureller Gewalt.» Siro Torresan schliesst sich der Meinung seines Kollegen an. «Gewalt kann man nicht auf ein Jugendproblem reduzieren», fügt er an. «Der Umgang mit Flüchtlingen in der Schweiz, der Rassismus – alles hat einen Einfluss auf die Jugendlichen hier im Jugendhaus.» Das Verhalten der Jugendlichen sei das Resultat von Ausschlüssen. Von einem Gewalthintergrund. Von Jobproblemen.

Ein junger Mann tritt ans Kioskfenster. «Gib mer zwei Butterbräzel und en Iistee!» Hinter ihm steht Siro Torresan. «Bitte!», korrigiert der Jugendarbeiter. «Bitte», sagt der junge Mann einsichtig. Haxhi lacht und reicht ihm die Brezeln über die Theke.

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